Das hartnäckige Aufbegehren der Kalikumpel von Bischofferode geht der Regierung mehr unter die Haut, als es den Anschein hat. Von der Signalwirkung der Hungerstreiks ganz abgesehen – in der streng katholischen Nordwestecke Thüringens hatte die CDU einen unangefochtenen Stand. 1990 erreichte sie dort beinahe die Sechzigprozentmarke.

Aber in nicht allzu ferner Zeit gibt es wieder Wahlen, in der gesamten ehemaligen DDR, erst in den Kommunen, dann zu den Landtagen und schließlich für das Bonner Parlament – und da sieht es übel aus.

Im Mai und Juni hat sich das (Ost-)Berliner Institut für Sozialdatenanalyse (isda) bei den Landsleuten im Osten nach ihrer Übereinstimmung mit dieser oder jener Partei erkundigt. Danach würden die etablierten Parteien dort „einen Einbruch bisher ungeahnten Ausmaßes erleben“. Die CDU erhielte nur noch 10,2 Prozent (1990 im Osten: 41,8), die SPD 14,7 (24,3) und die FDP 3,5 (12,9); stabil blieben nur die PDS mit 11,5 (11,1) und das Bündnis 90/Grüne mit 7,1 (6,0) Prozent.

Weit mehr als im Westen sind freilich Parteienpräferenzen und Wahlverhalten im Osten Wanderdünen. Noch gibt es keine festgefügten politischen Lager. Groß ist zudem die Gruppe jener, die keiner Partei zuneigen (28,2 Prozent) oder sich gar nicht äußern wollen (21,9). Daß sie sich derzeit zu nicht weniger als der Hälfte der Stimmbürger addieren, ist ein erschreckendes Zeichen, ähnlich wie die kletternden Nichtwähleranteile im Westen.

Das Warnsignal ertönt um so lauter, als gemäß isda die Übereinstimmung mit der Entwicklung in Ostdeutschland dort fortwährend schrumpft – von mehr als siebzig Prozent vor drei Jahren auf zur Zeit nur mehr jeden zweiten.

Die ostdeutschen Wähler, gleich welcher politischen Richtung, verlangen in erster Linie eine Änderung der Treuhand-Politik zugunsten der Sanierung von Betrieben, eine höhere Besteuerung Besserverdienender und eine ersatzlose Streichung des Strafgesetz-Paragraphen 218. Aber solche Wünsche haben keine Chancen, erfüllt zu werden. Kommt also bei den Wahlen die Quittung? Die Frage macht Bonn schon jetzt nervös. Carl-Christian Kaiser