Von Fritz J. Raddatz

Die Nachrichten sind bekannt und von einigen Medien mit gruselnder Gemütlichkeit breitgetreten: Rock Hudson und Rudolf Nurejew, Michel Foucault und Keith Haring, Anthony Perkins und Klaus Schwarzkopf, Miles Davis und Jean-Paul Aron, Bernard-Marie Koltès und Cyril Collard starben an Aids. Hunderte, wenn nicht Tausende ihrer Künstlerkollegen – oft weniger prominent – folgten ihnen: Eiskunstläufer, Modeschöpfer, Jazzmusiker, Ballettänzer, Maler. David Hockney sagte in einem Interview: „Es ist einfach eine schreckliche Situation, wenn viele Freunde, etwa im gleichen Alter wie man selbst, so früh sterben. Zuerst denkt man, merkwürdig, der war doch jünger als ich’. Wenn dann aber achtzehn Freunde nicht mehr da sind, mit denen man gemeinsam alt werden wollte, möchte man verzweifeln.“ Andere, krank zum Tode hin wie der Kabarettist Günter Thews oder der Kunstkritiker Wolfgang Max Faust, veröffentlichen Protokolle ihres langsamen Sterbens. Fast täglich bringt die Post Pest-Informationen; mal per Fax, „Louis Falco’s family has entrusted me with communicating the following: ,Louis Falco, internationally acclaimed choreographer and modern dancer, died in his home in New York on March 26th with AIDS, while surrounded by family and friends‘“, und mal per Theater heute-Kolumne „Ästhetik und Aids“; mal per dpa-Ticker, „Ballett/Aids-Extra“, und mal per Videokassette „Soap Scenes“.

Die Nachrichten also sind bekannt. Zwei Fragen werden selten erörtert: Warum wütet die Epidemie überproportional stark unter Künstlern? Und hat das Grausen eine eigene Figura gewonnen, eine spezifische Ausdrucksform in den Künsten – ob Theater, Film, Malerei oder Prosa?

Die erste Frage ist – jedenfalls nach meinen Recherchen – nicht schlüssig zu beantworten. Das Dilemma ist zwiefältig: Zum einen gibt es ja keine Statistiken, anhand derer sich beweisen ließe, es seien prozentual mehr Tänzer homosexuell als Briefträger, mehr Filmstars bisexuell als Buchhalter – sie sind allenfalls „auffälliger“. Zum anderen aber impliziert diese Fragestellung bereits, Aids sei eine „Homosexuellenkrankheit“. Jeder seriöse Wissenschaftler, den ich befragte – etwa Professor Dr. Ehrhardt vom HIV Aids Center der Columbia University New York oder Professor Dr. Schmidt von der Abteilung für Sexualforschung des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf –, verwahrt sich energisch gegen diese Definition; und gibt zugleich zu, daß beispielsweise in Deutschland die Homosexuellen die am stärksten betroffene Risikogruppe sind. Professor Gunter Schmidt benutzt das Wort „Epidemie“ für sie – das er für die Heterosexuellen (trotz ansteigender Infektionsrate) ablehnt.

Der rätselhafte Umstand, daß die Schweiz innerhalb Europas die höchste Infektionsrate hat, wird mit der hohen Mobilität der – weil reichen – Schweizer Homosexuellen erklärt. Also doch immer die Darkrooms und Saunen von San Francisco? So sehr man sich selber die so alberne wie peinliche Aufrechnung des verheirateten Baryschnikow gegen den schwulen Nurejew verbietet, so wenig schlüssig und klar sind die Auskünfte der Wissenschaft; wie ja die genaue Herkunft des Virus nach wie vor unklar ist. Es bleibt vorerst die so entsetzliche wie rätselhafte Bilanz: „Erschreckenderweise reichen die drei Tanzpublikationen, die jedes Jahr im Verlagshaus Colin herauskommen, nicht aus, den Leichenzug der Aids-Toten unter den Tänzern und Choreographen zu begleiten. Eine jüngst durchgeführte Studie ergab, daß in Paris und Umgebung 60 Prozent aller Todesfälle bei den 25- bis 44jährigen im Bereich darstellender Künste und Medien auf Aids zurückzuführen sind. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß man vom Dahinscheiden des einen oder anderen Künstlers erfährt.“ Ob in Hamburg oder New York, Paris oder Zürich: Ganze Disziplinen – wie Mode, Eiskunstlauf, Ballett – sind vom Aussterben bedroht, es fehlen Lehrer wie Nachwuchs; der Nouvel Observateur spricht von einem „Massaker“ unter den Ballettgruppen und von unersetzlichen Verlusten. Wie findet das seinen Ausdruck? Nach meinem Überblick läßt sich eine seltsame Teilung feststellen: Wenn es sich um Lebenszeugnisse handelt, sind Würde und Ernsthaftigkeit fast nie zu bestreiten. Das galt bereits für Jean-Paul Arons Aufschrei des Jahres 1987, in dem es hieß: „Als noch vor drei Monaten mich meine Angehörigen fragten, ob sie einem Bekannten sagen dürften, daß ich seropositiv sei, habe ich geantwortet, das sei nicht angebracht. Um nichts auf der Welt hätte ich öffentlich, wie ich es heute tue, über meine Homosexualität gesprochen. Einzig die Krankheit hat mich dazu gebracht, jetzt so freiwillig darüber zu berichten. Rührt diese Veränderung von einer Todesahnung her, von der Gewißheit meines zwangsläufigen Todes?“

Und das gilt für Wolfgang Max Fausts Schreckenschronologie „Das alles gibt es also“, die das Fahlwerden bannt: „,Wo bin ich jetzt?’ Das Schreiben ist kein Schreiben mehr. Es ist nur noch zu einem Erinnern geworden. Bei den letzten Passagen wußte ich gar nicht mehr, daß ich an meinem Buch schreibe. ‚Ich erzähle mir mein Leben‘, denke ich. ‚Wie schön.‘ ...,Vielleicht, weil du dir wirklich das Aids aus dem Körper herausschreibst’, sage ich mir. Und hinter dem absurden Gedanken gibt es einen Schimmer Hoffnung, daß das stimmt.“ Das galt für das damals mutige Video des Schweizer Starjournalisten André Ratti „Ich lebe gern, ich sterbe gern“ (Edition Manfred Salzgeber, dort auch zu entleihen), und das gilt ganz gewiß für die schonungslos-liebevolle Biographie „The Passion of Michel Foucault“ von James Miller, in der nicht nur der Satz „An der Liebe zu Knaben sterben – was kann es Schöneres geben?“ schockiert.

Wenn es sich um „Kunst“ handelt, wird das Thema Aids – in der bildendenden Kunst – zum propagandistischen Plakat und – in der Literatur – zur peinigenden Trivialität. Die Ausstellung des Hamburger Kunstvereins (Mai/Juni 1992), „Ethik und Ästhetik im Zeitalter von Aids“, bot ein leeres Revoluzzer-Pathos im Stile von 68er-Parolen und Vietnam-Postern oder neckische Beate-Uhse-Parodien wie Robert Gobers „Untitled Candle“, einen Penis in Kerzenform. Auch Douglas Crimps’ berühmter Dokumentationsband „Aids-DemoGraphics“ ist nicht mehr als ein Album, das dumme Politikersprüche, pfiffige Kondomwerbung und Demonstrationsphotos sammelt. Mehr üble Laune als Menetekel.