Von Thomas Hümmler

Zweitausend Kilometer nördlich von San Francisco residiert der reichste Mann Amerikas, er ist gerade mal 37 Jahre alt: William Henry Gates III alias Bill Gates. Auf über sieben Milliarden Dollar wird sein Vermögen geschätzt. Dabei ruht sein Imperium namens Microsoft nur auf zwei Zahlen: 1 und 0. Wer es beherrscht, diese Zahlen kunstfertig aneinanderzureihen, kann Computern damit Leben einhauchen. In diesen Tagen schlägt das Gates-Imperium wieder zu: mit einem neuen Betriebssystem, also einem Programm, das dafür sorgt, daß die Komponenten des Rechners sinnvoll zusammenwirken und seinem Besitzer ihre Dienste anbieten.

Mit derartigen Programmen hat Microsoft viel Geld verdient, und auf DOS (Disk Operating System), Windows und OS/2 (Operating System 2) folgt nun Windows NT. Das Kürzel NT steht für Neue Technologie; seit fünf Jahren basteln über 200 Mitarbeiter daran. Zum Vergleich: An der ersten DOS-Version von 1981 strickten 35 der damals 100 Angestellten gut zwei Jahre.

Der Weg von Windows NT, das schon für diesen Januar versprochen war, führte bisher über etliche Stationen: Anfang Juli 1992 veranstaltet Microsoft in San Francisco eine erste Entwicklerkonferenz und verschenkt ein Vorserienmodell. Kurz darauf in Brüssel: noch einmal das gleiche Procedere. Sodann verkauft der Microsoft-Service in Bielefeld diese Vorversion für etwa 170 Mark.

Seit Oktober wird das zweite Vorserienmodell vertrieben. Im November bekunden etwa 500 amerikanische Entwickler ihre, wie es im Jargon heißt, „Unterstützung“ von Windows NT – sie schreiben also in Zukunft Software, die unter Windows läuft. Seit März 1993 gibt es die dritte Vorversion. Im Mai erscheint Windows NT auf über zwanzig Disketten. Serienreif ist das Programm allerdings immer noch nicht.

Von August an soll das neue Betriebssystem nun endlich in die Personalcomputer wandern – verkündet Microsoft. Allerdings wollen die Programmierer vorher alle bisher bekannten Fehler beseitigt haben.

Wie beim biblischen Kreuzweg stehen Spötter und Neider am Wegesrand. IBM und andere kommentieren Microsofts Mühen um NT mit dem Spruch „NT heißt never there“ – niemals da. Freilich gibt es auch entgegengesetzte Meinungen. Das „Neue Testament“ ist NT etwa für die Digital Equipment Corporation (DEC). Verständlich, denn DECs neue Rechner mit dem sogenannten Alpha-Chip, der Konkurrenz zu Intels Pentium-Prozessor, sind auf Windows NT spezialisiert.