Von Marko Martin

Sommerzeit ist Reisezeit. Wenn die Ferien vorbei sind und die Tage kühler werden, erfahren wir aus den Zeitungen, was wieder falschgelaufen ist und herbe Enttäuschungen bereitete unter südlicher Sonne. Dieses Jammergenre trägt den Namen Reiseglosse und ist in den Feuilletons zu Hause. Dort können die zuständigen Redakteure ihre Urlaubserlebnisse kurz und kritisch aufarbeiten, uns zeigen, daß die Touristen auch dieses Jahr wieder nervten und die Landschaft verunreinigten und daß schließlich Reisen sowieso keine neuen Erfahrungen mehr bringen im postmodernen Zeitalter der Beliebigkeit.

Jetzt kommt es nur noch darauf an, wer diesen Déja-vu-Überdruß am pointiertesten in die ihm zugestandenen Zeitungszeilen kriegt. Reinhard Lettau hat das Verbot von Eisenbahn, Reisen und Kommunikation gefordert, recht ungewöhnlich für einen Schriftsteller. Das bringt ihm den ersten Platz, den ihm die DDR nicht mehr streitig machen kann. Jener verschwundene Staat, der seine Untertanen in tristen Dienstzimmern mit Linoleumfußböden auf Reiseerlaubnis warten ließ.

Wer sich jahrelang mit Reisebüchern begnügen mußte, wer bei Salzstangen, Club-Cola und Pilsner Bier abends die vom DDR-Fernsehen billig eingekauften französischen Filme mit ihren Yachten, Stränden und Tittengebirgen sah, wer sich die Welt aus Fernsehbildern zusammenstückeln mußte, der geht mit anderen Augen durch die Welt. Statt eigener Erfahrungen gab es im Osten nur Anderthalbstundenbilder: weiße, schicke Kleidung auf brauner Haut, Autojagden mit offenem Verdeck, Schieß- und Bettszenen, geilmachendes Grillengezirp in Pinienwäldern. „Einmal in den Westen (inclusive Süden) und dann sterben“, hieß es. Und jetzt? Wie gehen die alle nun durch die Welt? Schleppen die ihre Fernsehbilder mit und sind danach enttäuscht, oder sehen die vielleicht sogar mehr als jene im Westen, denen immer schon alles selbstverständlich war?

Wer sich an östlicher Realität gerieben hat und nun den Westen bereist, der kann was erzählen. Der genießt und scheitert, der ist entzückt und enttäuscht. Der kapiert, großes Kind, das er ist, daß es auch unter Palmen kein Leben zum Nulltarif gibt. Der weiß aber dann, daß das Leben eben nicht anderswo ist, sondern in ihm selbst, was ihm einen Heidenspaß am puren Existieren bereitet.

Bereiten sollte. Denn derartige Geschichten wird man vergeblich in den Medien auf dem Gebiet der ehemaligen DDR finden. Die leuchtenden Augen junger Ostdeutscher, die ihre Westfreunde an die Transitübergänge begleiteten und dann nicht weiterlaufen durften, ihre gestaute Energie und ihre Versuche, sich jetzt zu befreien – haben wir in den letzten drei Jahren darüber irgend etwas gelesen oder gehört?

Also erzähle ich von mir. In einer Seitenstraße im Zentrum von Nizza steht die monumentale Kathedrale der russisch-orthodoxen Kirche. Dort, im Häuschen des Hausmeisters, wollte ich einmal übernachten. Man hatte mir diese Adresse besorgt, denn ich hatte kaum Geld. Ich wurde herzlich aufgenommen. Babuschka strickte, ihre sechzigjährige Tochter kochte Pelmeni für mich, während ihr Mann, der Kirchenhausmeister, an einer Tabakpfeife schmauchte. Sie waren vor einigen Jahren aus der Sowjetunion emigriert und wohnten seitdem in Nizza. In Cannes und Monaco waren sie noch nie. Sie lächelten melancholisch und sagten: „Peut-être après.“ Vielleicht später. Da habe ich diesen unverbesserlichen Ostlern ein Dankeschön für alle Freundlichkeiten gemurmelt und bin abgehauen. Vielleicht später: Nie wieder wollte ich solche Sätze in meinem Leben hören, nie wieder dieses gemütliche Vertrösten, dieses genügsame Abwarten im ungelebten Leben. Wann, wenn nicht jetzt? Ich habe einen anderen Ton schon im Ohr, kann aber noch nicht sprechen... Mit diesen verlogenen Hinhaltesätzen sind wir aufgewachsen, Christa-Wolf-Tristesse als vermeintlicher Schutz gegen die brutale Fröhlichkeit der Feldwebel. Zwei Seiten der gleichen Medaille.