HAMBURG. – „Bürgerhaus“ im Vorort Wilhelmsburg, 18.25 Uhr. Gut 200 Leute aus allen Hamburger Bezirken, aus fast allen Altersgruppen und fast allen sozialen Gruppen und Schichten. In dem gemischten Völkchen befinden sich immerhin: mehr Yuppies als Hippies, mehr Männer als Frauen, mehr Überarbeitete als Arbeitslose, mehr Wichtige als Übergewichtige, mehr Krawatten als offene Knöpfe. Mehr – das sagt Sprecher Markus Wegner – Akademiker als Realschüler. Überhaupt mehr Lehrer als Schüler. Die meisten sitzen bereits an den zugeteilten Tischen; ernst, feierlich, zum Teil blasiert. Einige flanieren wichtig an den Tischen entlang, werfen den stolzen Rundblick um sich oder den klaren Durchblick in die Ferne.

Und dann geht’s auch schon los mit der Gründerversammlung. Die Wählervereinigung Statt Partei Die Unabhängigen tritt an, die „verfilzten, verlogenen, undemokratischen, machtgierigen Herrscher“ der etablierten Hamburger Parteien Mores zu lehren. Attackiert werden die üblen Tricks in den Spitzengremien der Hamburger CDU sowie die Machterhaltungs- und Geldvermehrungsstrategien in den anderen Parteien, inklusive (und nicht zu knapp) bei den GAL-Grünen.

Während diese Machenschaften Tausende von Hamburger Wählern zu resignierten Nichtwählern in den Schmollwinkel abstießen, wollen die Männer und Frauen von Statt Partei als demokratische Alternative zu den Parteien wieder mit „Offenheit und Bürgernähe“ Politik machen, um schließlich die korrupte Konkurrenz auf den rechten Weg zu zwingen. Zunächst gilt es, parteiverdrossene Nichtwähler wieder an die Urnen (und in diese Wählervereinigung) zu holen.

Viele der „Statt-Partei-Unabhängigen“ sind allerdings selber Verdrossene, Enttäuschte, die sich am eigenen Schopf aus ihrem Frust-Sumpf ziehen wollen. Sie sagen: „Ich will was tun, sonst profitieren nur die Reps von der Verdrossenheit der Nichtwähler.“ Oder: „Ich will mithelfen, die Demokratie zu retten.“ Oder: „Ich will was bewegen.“ Oder: „Wir sind keine Partei. Wir sind das Volk.“ Genauer: Wir sind das Völkchen.

Ein bißchen Rettungsdienst, ein bißchen Sehnsucht, ein Wörtchen mitzureden. Schon schimmert bei einigen eine neue Hoffnung über dem alten, vernarbten Frust. Die Statt-Parteiler sind zum Teil Politiknovizen, zum Teil Altprofis, die in den etablierten Parteien mangels demokratischer (oder eigener) Möglichkeiten zu kurz gekommen sind; Leute, die sich mit eigenen Ideen dem innerparteilichen Anpassungsdruck widersetzt und dadurch ihre Chancen auf Spitzenpositionen verpaßt haben. Leute, die die Welt oder sich verbessern wollen. Zu den enttäuschten Statt-Partei-Rufern in der Wüste gehören Exmitglieder sämtlicher Hamburger Bürgerschaftsparteien, aber die meisten kommen aus der CDU.

Ihr Anführer und Ex-CDU-Rebell Markus Wegner, der auch den Demokratie-Prozeß gegen die CDU vor dem Verfassungsgericht gewonnen hat, zitiert gerne Ernst Fraenkels Weisheit aus dem Jahre 1958: „Der Bestand der Demokratie im Staat hängt ab von der Pflege der Demokratie in den Parteien.“ Wegner, Erfinder, Gründer, 1. Vorsitzender, Vater der Wählervereinigung, ist vor allem ihr Motor, der allerdings manchmal auf zu hohen Touren läuft. Seine Konzentration richtet sich oft zugleich auf mehrere Ziele; fast allzeit ist er bereit, seine Aufmerksamkeit von einem Schwerpunkt auf einen anderen zu verlagern.

Bei einem Besuch in der Zwei-Zimmer-Zentrale in der Innenstadt herrscht dort eine Hektik wie an der New Yorker Börse. Das Gespräch wird nicht nur dauernd von hereinstürzenden Neuigkeiten-Berichtern, Fragestellern und Besuchern, darunter Ehefrau nebst einjährigem Sohn, unterbrochen, sondern auch von Telephonanrufen wildfremder Sympathisanten, deren Verbesserungsvorschläge Wegner sich ausgiebig anhört. Der vierzigjährige Verleger und Verlegersohn hatte sein politisches Schlüsselerlebnis, als ihm im Internat die herrschenden Roten Zellen wegen der Verteilung eines Flugblattes Schläge androhten. Damals wurde ihm klar, so erzählt er, daß ihm der demokratische Umgang zwischen verschiedenen Meinungsgruppen wichtiger ist als die politischen Inhalte.