Von Octavian Paler

Spezialisten kennen die Verbrechen der Psychiatrie, die in den Nervenheilanstalten des Ostens begangen wurden. Nicht so genau kennen sie die zwar weniger brutalen, aber um so verheerenderen psychiatrischen Verbrechen, die außerhalb der Anstalten verübt wurden. Wir alle waren vierzig Jahre lang Patienten, allerdings besondere Patienten: Wir waren Patienten auf freiem Fuß.

Wir waren reichlich naiv, als wir in der Revolution wähnten, nun dem Alptraum entronnen zu sein. Jetzt sehen wir, daß der Kommunismus einen beträchtlichen Teil unseres Lebens verschlungen hat und ihn in Abnormität verwandelte. Sie ist für uns die einzige Form von Normalität. In der Freiheit, die wir nicht zu leben verstehen, wird unser Schicksal immer weiter verstümmelt, weil wir selbst die Reflexe eines normalen Verhaltens verloren haben. Der Begriff der Freiheit selbst wurde in Osteuropa korrumpiert. Freiheit bedeutete jahrelang – und sie bedeutet noch heute – nur das Ausbrechen aus dem Käfig. Wir haben nicht begriffen und begreifen wahrscheinlich immer noch nicht, daß die Freiheit ihre eigene Ordnung hat. Vor allem haben wir nicht verstanden, daß wir uns wie gefangengehaltene Tiere benehmen, die ihren Käfig im Kopf noch mit sich tragen, wenn sie freigelassen werden.

Wir begreifen nicht, daß bei uns die Vergangenheit nicht nur mit Archiven zusammenhängt, sich also nicht allein auf das „Gewesene“ beschränkt, sondern weiter fortwirkt. Gespenster wandeln durch die Straßen. Gespenster reden mit uns, und manchmal sehen wir sie auch im Fernsehen. Zuweilen sind wir selbst unsere eigenen Gespenster, ohne uns dessen bewußt zu werden.

Aber ich fürchte, ein Westeuropäer ist außerstande, die Tragödie unserer Situation zu erfassen. Aus dem einfachen Grund, weil er versucht, mit Hilfe einer normalen Logik Abnormität zu beurteilen und zu analysieren. Der Westen hat sich zunächst beeilt, das Ende des Kommunismus zu begrüßen, um sich danach zurückzulehnen und gleichgültiger zu werden; ohne zu erkennen, daß auf der Bühne Osteuropas ein anderes Drama gespielt wird, aber die alten Akteure in den Kulissen wimmeln und ihre Rollen nicht verlernt haben. Sie bereiten vielleicht ein neues Stück vor, das die beiden Katastrophen des Jahrhunderts, Kommunismus und Faschismus, miteinander verknüpfen wird.

Der Terror war keineswegs unser einziges Problem. Und könnte denn ein Westeuropäer verstehen, warum ein Mensch wie ich sich eines Tages die Frage gestellt hat, ob nicht gerade eine bestimmte Form von „Weisheit“, die sich wie eine Seuche im Osten ausbreitete, der Hauptverbündete des Terrors geworden ist? Als Dreizehnjähriger habe ich das von deutschen Uniformen beherrschte Bukarest gesehen. Mit achtzehn habe ich gesehen, wie die Stadt von russischen Uniformen durchsetzt war. Ich habe am eigenen Leib die beiden Mühlsteine erlebt, zwischen welche dieses Jahrhundert geraten ist, dieses bis aufs Blut zwischen den Ideologien zermahlene Jahrhundert. Die Revolution überraschte mich mit dreiundsechzig. Ich bin in jener Abnormität herangewachsen, die uns schließlich so „normal“ erschien, daß sie niemanden mehr erstaunte.

Das Böse ist banal geworden. Wie kann man das einem Menschen erklären, der es gewohnt ist, das „Normale“ vom „Abnormen“ zu trennen? Hinzu kommt, daß es eine ausreichende Vorstellung der tragischen Geschichte der Völker Osteuropas nach 1945 kaum gibt. In Rumänien gab es die erste antikommunistische Kundgebung in Osteuropa und den ersten militärischen Widerstand gegen die sowjetische Okkupation. Der bewaffnete Widerstand in den Bergen dauerte viele Jahre. Nichtsdestoweniger mußten wir das oberflächliche Entsetzen darüber anhören, warum „die Rumänen sich alles gefallen lassen“ oder warum „die rumänische Polenta nicht explodiert“.