Von Manfred Sack

Ich bin angetreten“, hören wir zu Anfang, „um ein paar Zweifel zu wecken. Und als sie wach waren, wandten sie sich gegen mich.“ Und wenn die Platte damit auch endet, begreift man den Rahmen dieser politisch inspirierten, musikalisch-poetischen Vorführung. Es sind Gedichte von Urs M. Fiechtner, die der Gitarrist Sergio Vesely, ihr Komponist, zusammen mit Dieter Trieß im Duett singt und spricht oder im Sprechgesang vorträgt – in originellem, dem Text abgelauschten musikalischen Satz. Man muß wissen: Der Chilene Vesely hat in Deutschland Asyl gefunden (und ist eingebürgert), Fiechtner ist in Chile aufgewachsen (und hat das deutsch-lateinamerikanische „Autorenkollektiv 79“ gegründet), Trieß wiederum betreibt im Central Theater von Esslingen (dem ehemals ältesten deutschen Kino) mit Vesely eine kleine Bühne. Alle drei sind enragierte Zeitgenossen. „Unsere Gedichte“, singen sie, „bereiten den Boden für eine andere Zeit“, sie singen von Hunger, Folter, Not und ihrem „Feind, der Ignoranz“, von der „Demütigung der Menschen, der Liquidierung der Meere“, von Menschen, die „niemals Zeit (hatten), fliehen zu lernen“. Sie nen-– nen die „Trauer... ein wachsames Tier“, das „nutzlos“ wäre „ohne den Zorn, ohne den Willen, nie wieder beiseite zu stehen“. Das Lateinamerikanische daran deutet nicht nur die Musik an, sondern die ästhetische Kraft der Botschaft: packend durch Schönheit.

Packend durch die insistierende Art des Vortragens: Das hat kaum jemanden so ausgezeichnet wie Franz Josef Degenhardt, der nun wieder von sich hören macht. Also gibt’s ihn noch, und er ist der alte: dieselbe näselnde Stimme, dasselbe manierierte, selten ironisch gemeinte Breittreten von Vokalen und Diphtongen, der Hang zum Vulgären, der sich hier wie im Vokabular seiner zeit- und gesellschaftskritischen Sujets von der Abseite des bürgerlichen Lebens entlädt. Diese Wonne, uns die Gosse aufzutischen, wo gefeixt, gefickt, in die Eier getreten wird. Ach ja, Degenhardt liebt diese kleinen Dramen, den Mief der kleinen Leute, den verdorbenen Schick der Reichen, die Nutten und die Lover, lästert über Bankkathedralen, Reihenhauskolonien, Kauftempel, singt vom Autostrich, von Kakerlaken, Rächern, Berbern, von Koks und Brillis – und erlaubt sich einen kleinen Spott auf die Lichterketten. Und „Aha“, singt er in einer ironischen Selbstbetrachtung, „aha, der Degenhardt. Sie gibt es also auch noch. Sagen Sie mal, sind Sie nicht fix und foxy nach dem Zusammenbruch?“ Muß man ja auch fragen! Und er? Erinnert rinnert sich. Brokdorf sich. Brokdorf und so. Ja, ja. Auf seiner Gitarre ist er dabei sein behender, einfallsreicher Begleiter. Auf einem beigefügten Zettel bekennt er: „Pausenlos schreien möcht’ man (!) über das, was da passiert an Entsetzlichem und Verkotztem – jetzt nach dem Wegbruch von so vielem, was noch aufhalten könnte. Aber im Lied wird der Schrei gebändigt.“ Das ist, gegenüber Lateinamerikanern, eine deutsche Verzweiflung.

Und nun, in einem Atemzug, Maren Berg? Die Deutsche in Paris, die in beiden Sprachen lebt, spricht, singt und sich dabei an die Tradition des Chansons, sagen wir, des Liedes hält, das um Distanz zum gemeinen Schlager, also: um einen Gedanken bemüht ist? Aber ja doch! Wir hören von der Liebe, natürlich, der danebengegangenen, dem Leben, das ein Kartenspiel ist, dem Tanz, der Hoffnung, der Vergänglichkeit und den Planierraupen, die alles platt machen, auch der Hand, die zur Faust wird, und von Situationen, in denen es „nach Dummheit und Gefahr riecht“, nach Ruhe und Ordnung. Sie singt auch von (Ost)Berlin, der Mauer und ihrem Fall: freundliche und kritische Texte. Sie sind, wie erstaunlich, von einer differenzierten, schwungvollen, altmodischen, sagen wir: klassischen Unterhaltungsmusik umgeben, und zweimal wird Rap-Gesang daraus. Liebenswert wie die Stimme ist der unaufdringliche leichte, federnde Gesang.

  • „Notizen vor Tagesanbruch“

Sergio Vesely und Dieter Trieß singen

Gedichte von Urs M. Fiechtner