Inselkunde

Geübte Augen sehen es sofort: Eine Eigrog-Orgie, wie sie der Wilhelmshavener Günther Braun für möglich hält („kann auf Helgoland gefeiert werden“), ist eine runde Sache, denn ob man sie von vorn anfängt oder von hinten, das ist ganz egal. Braun, erfahrener Kurzpalindromierer („Ein Rep? Momper nie!“), hat den Artikel „Nur du, Gudrun!“ in ZEIT 27/93 zum Anlaß genommen, uns sein 239 Buchstaben zählendes Langwerk zum Thema „Chemische Elemente auf Tahiti“ einzusenden. „Von denjenigen deutschsprachigen Palindromen, die ohne verschrobene Personennamen auskommen, dürfte es eines der längsten sein“, schreibt er dazu. Hier ist es:

Tahiti hat Uran. Tahiti hat Chrom. Tahiti hat Ag. Tahiti hat Al. Tahiti hat Ar. Tahiti hat Ac. Tahiti hat At. Tahiti hat Br. Tahiti hat Cs. Tahiti hat Er. Tahiti hat Es. Tahiti hat In.

Ni? Tahiti hat! Se? Tahiti hat! Re? Tahiti hat! Sc? Tahiti hat! Rb? Tahiti hat! Tal Tahiti hat! Ca? Tahiti hat! Ra? Tahiti hat! La? Tahiti hat! Ga? Tahiti hat! Mo, Rh, C? Tahiti hat! Na, Ru? Tahiti hat!

Im Appendix seines Chemopoems erläutert der Autor das Wesen von Mo und Br. „Die Zeichen bedeuten Silber, Aluminium, Argon, Actinium, Astatium, Brom, Caesium, Erbium, Einsteinium, Indium – Nickel, Selen, Rhenium, Scandium, Rubidium, Tantal, Calcium, Radium, Lanthan, Gallium, Molybdän, Rhodium, Kohlenstoff, Natrium, Ruthenium.“

Schließlich warnt Günther Braun noch davor, die Palindrom-Information ungeprüft zu übernehmen: „Für die Wahrheit wie für die Vollständigkeit dieser Aufzählung kann ich nicht garantieren, da ich bisher nicht selbst auf Tahiti war.“

Sechs Fragen

„O du liebe Zeit“, schreibt uns Cosima Reif aus Wien. „Ich erlebe die Einführung der fünfstelligen Postleitzahl nur aus der Ferne, doch erfaßt mich auch hier die absurdeste Orientierungslosigkeit: Stimmt es, daß eine Woche nach Einführung derselben bereits sagenhafte achtzig Prozent aller eingeworfenen Briefe dieselbe aufwiesen? Ja, haben denn die Menschen im Lande nichts mehr Vernünftiges zu tun? Müssen sie ihre leeren Abende und ihre freudlosen Tage mit dem trockensten Zahlenwerk verbringen? Gibt es denn keine Leihbibliotheken mehr, wo man Rilke und Ringelnatz findet, falls man unbedingt etwas auswendig lernen will? Oder steckt am Ende Mystik dahinter? Setzt man nun gar alle Hoffnung auf Pentakryptik – als Formel gegen jedwede Krise?“