Theo Waigel ist ein ganz sympathischer Mensch... Der kommt, glaube ich, direkt vom Hof, wie mein Vater. Dann ist er gefangen in diesem katholischen Kosmos, und das ist etwas, was mich berührt, anheimelt. Früher sind diese intelligenten Bauernsöhne fast zwangsläufig Priester geworden. Heute muß Waigel seine Katholizität mit seiner Intelligenz vermitteln. Wie er das macht, ist hinreißend. Das habe ich nicht geschafft.

Martin Walser über Finanzminister Theo Waigel (CSU) im neuen Stern

Der Name Bechstein

Es stand im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen, es ist ja auch eine traurige Nachricht der ganz prosaischen Art, wo von „Umsatzeinbrüchen“ und der „schwierigen Marktlage“ die Rede ist. Genauer: Die Produktion von Klavieren in aller Welt hat sich in den vergangenen drei Jahren um mehr als ein Drittel vermindert. Jetzt ist die C. Bechstein Pianofabrik GmbH in Berlin dadurch so sehr in Bedrängnis geraten, daß sie Konkurs anmelden mußte – nach 140 Jahren! Eine Fabrik und 68 Klavierbauer sind in Gefahr – und ein großer Name. Damit hatte es 1853 angefangen, als der junge Carl Friedrich Wilhelm Bechstein in Berlin seine eigene Fabrik gründete; es war dasselbe Jahr, in dem Julius Blüthner eine Firma in Leipzig aufmachte und Heinrich Engelhard Steinweg mit vier seiner fünf Söhne nach Amerika auswanderte und unter dem Namen Steinway & Sons später als ihr allergrößter Konkurrent in Erscheinung trat. Bechsteins Flügel aber waren bald so berühmt, daß die großen Pianisten der Zeit dafür schwärmten, Liszt und Rubinstein, Klindworth und Tausig, und Hans von Bülow pries Bechstein als einen „persönlich sehr ehrenvollen, musikalisch und anderweitig gebildeten Flügelmann“. Mit der großen englischen Preismedaille wurden 1862 „die eminente Frische und Freiheit des Tones, Annehmlichkeit der Spielart und Gleichheit der verschiedenen Register“ ausgezeichnet. Nicht genug: Die Instrumente „dürften selbst der kräftigsten Behandlung Widerstand leisten“. Was soll man der Fabrik, was soll man dem großen Namen mehr wünschen als die nämliche Unverwüstlichkeit?

Im Sommer der Kondome

In diesem Sommer, in dem wir den wasserdichten Barbourmantel, den man nun auch nicht mehr trägt, im Hause zwar ablegen, den Pullover im Bett aber anbehalten, weil der Mississippi nun schon 14 Meter über normal steht, in diesem Sommer also sind die kulturellen Glücksmomente doppelt wichtig. Die Eigentemperatur steigt an, wenn wir zum Beispiel lesen, was uns am 14. August in Dangast am Jadebusen erwartet. Dort wird am Strand ein Phallus zu sehen sein, Marke Denkmal, um den herum sich, sozusagen, verschiedene Aktionen ranken: zum Beispiel eine „Kondomisierung des Phallus, Gestaltung und Versand der Präventionsbotschaft“. Der Künstler über die Genese seiner Arbeit: „1984: Natürliche Begegnung der Geschlechter dargestellt durch einen Phallus, der alle zwölf Stunden vom Meer, das für mich weiblich ist, bei Hochwasser umarmt wird... 1993: Die grundsätzliche Wertigkeit des Gedankens, den ich 1984 hatte, bleibt auch heute noch bestehen. Inzwischen hat sich jedoch leider herausgestellt, daß eine natürliche Begegnung der Geschlechter heute nicht mehr ohne weiteres möglich ist. So könnte die Skulptur des Phallus heute ein Mahnmal dafür sein, daß wahllose, ungeschützte sexuelle Beziehungen zu einer großen Gefahr von AIDS-Übertragungen werden.“ Wir denken noch über die grundsätzliche Wertigkeit der Erotik des Jadebusens nach, als uns eine multiurbane Ausstellungsankündigung des Salzburger Kunstvereins voll und ohne Kondom erwischt. Da wird am 28. Oktober in Salzburg die Ausstellung REAL SEX eröffnet. („REAL SEX verbindet den Begriff REAL mit den Fragen der Sexualität und Geschlechtsdifferenz. Historisch unterschiedliche künstlerische Positionen vom Surrealismus bis heute werden im Zusammenhang mit der Problematik der Repräsentation von Sexualität und des geschlechtlichen Körpers gezeigt.“) Am 29. Oktober folgt in Wien die Ausstellung REAL REAL. („REAL REAL vereint künstlerische Positionen, die auf unterschiedliche Weise gesellschaftliche Regel- und Normsysteme thematisieren, denen das Individuum unterworfen ist.“) Am 30. Oktober dann in Graz die Ausstellung REAL AIDS. („REAL AIDS verläßt die klassische Kategorie der Ausstellung.“) Wir werfen, angesichts dieser heißen Nachrichten, die Gegenstände der näheren und ferneren Umhüllung von uns, verlassen die klassische Kategorie der Ausstellung und greifen zur Sonnencreme, Hautschutzfaktor 16, bestellen uns eine Packung Mozartkugeln und stürzen uns in den Jadebusen.