Henning B., dreißig Jahre alt, sitzt wegen Diebstahls in Haft. Der mittelgroße, dunkelhaarige Mann mit einem zarten, etwas verschüchterten Gesicht wird wegen zwei weiterer Vergehen angeklagt. Im Mai 1992 soll er in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs der Zeugin R. brutal ins Gesicht geschlagen und ihr das Portemonnaie entrissen haben. Alarmiert durch die Hilferufe der Überfallenen haben ihn damals zwei Wachmänner festgenommen und zum Revier der Bahnhofspolizei geführt. Außerdem hat er im September 1992 in einem Geschäft auf der Reeperbahn zwei Küchenmesser im Wert von 166 Mark gestohlen. Den Ladendiebstahl gibt der Angeklagte zu. Er habe die Messer – „erstklassige Küchenmesser von Zwilling – keine Waffen!“ – in einer Kneipe verkaufen wollen, um sein Zimmer in einem Billighotel bezahlen zu können. Er wisse, so der Angeklagte, das sei „dumm“ gewesen. Denn erst ein paar Monate zuvor ist er wegen Diebstahls zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. Da könne man die „Reue“ schlecht erkennen, gibt der Angeklagte zu.

Er sei nie „richtig“ drogenabhängig gewesen, erzählt Henning B. Er habe nur „in Phasen“ was genommen, dann allerdings auch Koks und Heroin. Dabei sei er auch zu seinen Vorstrafen gekommen. Zwischendurch habe er als Maler gearbeitet und ein „richtiges“ Zimmer gehabt. Kurz vor der Sache am Hauptbahnhof sei sein Vater gestorben, das habe ihm die „Füße weggerissen“. Nachts zog er in Kneipen und am Hauptbahnhof rum: „Ich hab’ mich mit Alkohol zugeschüttet und auch ordentlich Tabletten reingehauen.“ Der Job war sofort weg.

Mit seinem Bekannten Jens F. sei er an dem Abend zum Hauptbahnhof gefahren, erinnert sich der Angeklagte. Der Jens habe dort Heroin kaufen wollen – von der Zeugin R. Nachdem sich die beiden geeinigt hatten, seien sie alle zu einem Schließfach gegangen. Dort deponiere die R. ihre Ware. Er habe nur das Päckchen mit dem Heroin in der Hand gehalten, als sein „Kumpel“ bezahlen wollte, sagt der Angeklagte. Plötzlich habe die Dealerin ihr Portemonnaie vermißt, da sei sie mit Schlägen und Fußtritten auf ihn losgegangen. Vielleicht habe sie auch gedacht, er habe ihr das ganze Heroin wegnehmen wollen. „Ich hab’s ihr sofort zurückgegeben, aber sie ist ausgerastet und hat wie verrückt auf mich eingeschlagen“, schildert B. die Situation. Warum sie ihn geschlagen hat, wisse er auch nicht genau, er habe sich nur gewehrt, so sei es gewesen. Als die R. plötzlich lauthals um Hilfe schrie, sei er weggelaufen. „Ich wollte keinen Ärger“, behauptet Henning B. Aber als dann die Wachleute hinter ihm herriefen, sei er sofort stehengeblieben: „Schließlich hatte ich ja nichts getan“, rechtfertigt sich der Angeklagte.

Erst auf der Polizeiwache habe er gemerkt, daß er das Schlüsseletui von der R. in der Hand hielt. Wo er das herhatte, weiß Henning B. nicht mehr, vielleicht sei es auch das Portemonnaie gewesen. In seiner Panik habe er versucht, das „Ding“ auf der Wache loszuwerden. Dabei haben die Beamten ihn erwischt.

Es stimme auch, daß er auf der Wache behauptet habe, die R. habe ihm Heroin für sechzig Mark verkauft. Die Anklage wegen falscher Beschuldigung verstehe er aber trotzdem nicht. Das sei nicht mit Absicht geschehen, er sei durcheinander gewesen „auch von den Tabletten und so“. Außerdem habe er ja keine Unschuldige belastet.

Die Angklage stützt sich nur auf eine Aussage der Zeugin R., die sie unmittelbar nach der Tat gemacht hat. Seitdem ist sie nicht mehr aufzufinden, zu einem vorhergehenden Termin ist sie nicht erschienen. Auch die Ladung zur heutigen Gerichtsverhandlung blieb erfolglos. Den Richter wundert es nicht, die Ladung ist zwar mit der Post abgeschickt worden, aber telephonisch sei Frau R. unter ihrer Adresse nie zu erreichen. Bei einer Zeugin aus dem Drogen- und Bahnhofsmilieu offenbar keine Seltenheit. Während der Verhandlung versucht eine Polizeistreife die Zeugin in ihrer Wohnung aufzugreifen – ohne Erfolg.

Bleibt der zweite Zeuge, der Wachmann R., ein bulliger, kräftiger Typ: dunkelblaue Jacke, dunkelblaue Hose, kurze Haare und Schnauzer. Er habe den Angeklagten damals zwar festgenommen, aber erst vor ein paar Tagen habe er die Vorladung zur Verhandlung bekommen, das „Ding“ sei über ein Jahr her, und Notizen würde er sich wegen „so was“ nicht machen. Nun ist es zu spät, auch nach mehreren Erinnerungshilfen fällt dem Zeugen nur ein: „Nö, im Mai 1992, da kann ich leider nichts zu sagen. Am Hauptbahnhof passiert soviel, da habe ich keine Erinnerungen mehr dran.“

Nach der unergiebigen Vernehmung des Wachmanns resigniert der Richter, für heute sei es genug. Er habe „zu viele Akten rumliegen“, als daß er es sich leisten könne, die Vormittage so „in den Sand zu setzen“. Die Schlägerei im Hauptbahnhof wird vom Verfahren abgetrennt. Sollte die Zeugin auf Dauer „unauffindbar“ bleiben, läßt sich der Vorwurf gegen den Angeklagten wohl nicht halten. Wegen der zwei Messer aber wird Henning B. zu sechs Monaten Haft verurteilt – ohne Bewährung wegen der Vorstrafen. Gernot Kramper