Von Sigrid Löffler

Sie stammt aus Wien, aus dem siebten Bezirk, aber sie hat wenig Ursache, ihre Geburtsstadt sonderlich zu schätzen: "Freudlos war sie halt und kinderfeindlich. Bis ins Mark hinein judenkinderfeindlich." Die ersten elf Lebensjahre hat Ruth Klüger da verbracht, "in diesem Urschleim", und ihre Erinnerungen daran sind auch heute, ein halbes Jahrhundert danach, immer noch peinlich präzise: "Man trat auf die Straße und war in Feindesland."

Wien ist die Stadt, in der Ruth Klüger "schon mit sieben auf keiner Parkbank sitzen und sich dafür zum auserwählten Volk zählen durfte". In Wien hat sie sprechen und lesen gelernt: "An judenfeindlichen Schildern habe ich die ersten Leseübungen und die ersten Überlegenheitsgefühle geübt." Sie könne nicht sagen, schreibt sie, daß sie "ihn ungern getragen hätte, den Judenstern. Unter den Umständen schien er angebracht. Wenn schon, denn schon."

Mit elf Jahren, im September 1942, wurde Ruth Klüger mit ihrer Mutter aus Wien deportiert, zuerst nach Theresienstadt. "Ich habe Theresienstadt irgendwie geliebt", schreibt sie – die Kontakte, Freundschaften und Gespräche im Lager hätten ein soziales Wesen aus ihr gemacht. "Ich habe Theresienstadt gehaßt", schreibt sie – das Lager sei ein Sumpf gewesen, eine Jauche, ein Ameisenhaufen, der zertreten wurde.

Zwei Jahre später dann, in Auschwitz-Birkenau. Daß die Dreizehnjährige im Todeslager nicht umkam, sondern überlebte, ist ein Zufall. Bei der Selektion war das Kind schon auf die Seite geschickt und zum Tod bestimmt. Sie mogelte sich hinaus und ein zweites Mal in die Reihe; eine Frau flüsterte ihr zu, sich als fünfzehn auszugeben. Die Kleine gehorchte. Die Retterin war ein anderer Häftling, eine unbekannte Frau, die die Lüge des Mädchens unterstützte und ihm damit das Leben rettete. Ruth Klüger nennt diesen Zufall einen "unbegreiflichen Gnadenakt, schlichter ausgedrückt, eine gute Tat". Sie hat nicht aufgehört, darüber zu staunen, "daß da eine war, die ich nicht kannte, die ich nie wiedersah, die mich retten wollte, nur so, und der es auch gelang".

Schon um dieses Zufalls willen hat Ruth Klüger, Jahrgang 1931, sich fünfzig Jahre später entschlossen, ihre Erinnerungen an die Lagerkindheit in Theresienstadt, Birkenau und Groß-Rosen aufzuschreiben. Ihr Lebensrückblick "weiter leben. Eine Jugend" (Wallstein Verlag, Göttingen 1992,285 S., 38 Mark) war eine der Buch-Entdeckungen der letzten Saison und entwickelte sich vom Überraschungs- zum Dauererfolg. Fast 50 000 Exemplare hat der kleine Göttinger Verlag bis heute von Klügers Bericht verkauft, für Mitte September ist bereits die sechste Auflage geplant.

Immer mehr ist die Autorin auch als Person in der Öffentlichkeit präsent: Sie wird quer durch die Republik zu Lesungen eingeladen. Sie war im Juli zum Kirchentag in München, sie publiziert in überregionalen Zeitungen, sie wird gehört. Und geehrt. Im April wurde ihr der Rauriser Literaturpreis verliehen, im September erhält sie den neu geschaffenen Grimmelshausen-Preis, der für einen "bemerkenswerten Beitrag zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte" gestiftet wurde.