Von Gitta Sereny

Jerusalem

Es ist jetzt eine Woche her, seit der Oberste Gerichtshof Israels John Demjanjuk freisprach. Ich saß in dem kleinen Gerichtssaal, umringt von Gesichtern, die mir im Laufe der Jahre vertraut geworden waren. Trotz aller Berufedisziplin gelang es mir nicht, ganz unbeteiligt zu bleiben. In den siebzehn Jahren, die der Fall Demjanjuk nun schon läuft, ist dies niemandem gelungen.

Zum ersten Mal hörte ich 1978 davon, als eine amerikanische Regierungsbehörde anfragte, ob ich mit Auskünften über frühere SS-Leute in dem deutschen Konzentrationslager Treblinka dienen könnte; ich hatte in einem Buch über sie geschrieben. Mit zwei von ihnen hatte ich mich sieben Jahre zuvor ausführlich unterhalten. Der eine war der SS-Unterscharführer Franz Suchomel, ein bulliger Typ, für den Treblinka der Höhepunkt seines Lebens gewesen war. Der andere, Rottenführer Otto Horn, ein kleines, schmales Männchen, war Krankenpfleger. Er erzählte mir, er habe nur überlebt, weil er buchstäblich die Augen geschlossen hielt: „Ich schlief, wann immer es ging.“ Beide ließen sich über die „Hiwis“ aus, ihre ukrainischen und baltischen Hilfswilligen.

Suchomel berichtete nicht ohne Behagen über Auspeitschungen, die Hiwis oblagen. Mit Verachtung sprachen die beiden über die Primitivität der „Freiwilligen aus dem Osten“, die bis dahin nie etwas von Wasserklosetts, Duschen oder Messer und Gabel gehört hätten. Suchomel erwähnte einen Ukrainer, der gern Frauen verstümmelte oder Jungen und Männer auf dem Weg in die Gaskammer zu sexuellen Handlungen zwang. Namen nannten sie beide nicht.

Doch zehn Überlebende von Treblinka – acht in Israel, einer in Deutschland, einer in Uruguay – identifizierten John Demjanjuk anhand alter Photos als „Iwan den Schrecklichen“. Einige von ihnen sagten bei dem Ausbürgerungsprozeß im amerikanischen Cleveland aus. Ich selber begegnete ihm 1987 zum ersten Mal: im Gerichtssaal. Es fiel mir schwer, in dem massigen, einfältigen Mann den monströsen Iwan zu erkennen. Wer ihn kannte, wußte zu berichten, daß er sich höchst einfach und dabei stets warmherzig ausdrückte. Seine drei Kinder – die Töchter Lydia und Irena und der Sohn John junior – waren bezaubernd. Nicht einen Augenblick lang, erzählten sie, hätten sie geglaubt, daß ihr Vater jenes Ungeheuer gewesen sei.

Nicht alle der Überlebenden von Treblinka waren mir sympathisch; nicht allen mochte ich glauben. Aber wie vielen mußte man glauben, ehe man überzeugt war, daß dieser weißgesichtige Brocken von Mann auf der Anklagebank der schreckliche Iwan war? Einem?