Von Matthias Naß

Taipeh

In der dampfenden Mittagshitze haben sich die Demonstranten die Strohhüte tief ins Gesicht gezogen. Zweihundert mögen es sein, zumeist alte Männer und Frauen. Mit gelben Stirnbändern sind sie ins Zentrum von Taipeh gezogen. Jetzt hocken sie vor den Stufen des Parlaments und beklatschen die Parolen, die ihr verschwitzter Anführer in sein Megaphon brüllt.

Den Weg ins Innere versperren zwei Dutzend junge Polizisten, unbewaffnet und im offenen, kurzärmeligen Hemd. Nicht einmal eine Bannmeile gibt es um das Parlament dieser Insel, auf der vor sechs Jahren noch alle Demonstrationen auseinandergejagt wurden, die nicht die Politik der regierenden Kuomintang bejubelten.

Die zornigen Bauern aus der Nähe von Taichung in Mitteltaiwan wünschen die Kuomintang zum Teufel. Die Trasse für den zwischen Taipeh und der Hafenstadt Kaohsiung geplanten Hochgeschwindigkeitszug soll mitten über ihre Felder führen. Gerade ein Siebtel des Marktpreises will die Regierung für das Land zahlen. "Von der Kuomintang kommt keine Hilfe!" schimpft ein hagerer Alter mit zwei Zahnreihen aus purem Silber. Allein auf die Abgeordneten der DPP, der Demokratischen Fortschrittspartei, könne man sich verlassen. Der Kreis ringsum nickt beifällig.

Im Taiwan von heute hat niemand mehr Angst vor den Autoritäten von gestern. Zu verdanken ist dies auch Abgeordneten wie Chen Chien-jen von der Kuomintang und Chen "Mark" Tan Sun von der DPP. Beide debattieren so fair und schlagfertig miteinander, als atme der "Legislative Yuan" schon seit Generationen den Geist von Westminster. Dabei wurde die DPP erst 1986 gegründet – illegal. Auf Taiwan herrschte damals noch das Kriegsrecht.

Der eine Chen machte an der Universität und im diplomatischen Dienst Karriere; er brachte es bis zum stellvertretenden Außenminister. Die offizielle Biographie des anderen Chen ist nur halb so lang; er lebte als Dissident über Jahre im amerikanischen Exil.

"Einige Leute haben innerhalb des Systems gearbeitet", rechtfertigt sich der erste Chen. "Ich habe zu denen gehört, die auf Marks Rückkehr nach Taiwan drängten." Andere Regimegegner aber hatten keine prominenten Fürsprecher. Und wenn doch, dann hat es ihnen wenig geholfen: Shih Ming-Teh etwa, der wegen seiner Forderung nach der Unabhängigkeit Taiwans 25 Jahre lang ins Gefängnis gesperrt wurde. Heute sitzt Shih als DPP-Abgeordneter im Parlament. Solche Standfertigkeit meint Mark Chen, habe "die Regierung ungeheuer unter Druck gesetzt".

Druck von unten und allmähliche Einsicht oben: Beides zusammen hat wohl Taiwans "stille Revolution" ausgelöst. Präsident Chiang Chingkuo, der Sohn des vor den Kommunisten 1949 nach Taiwan geflüchteten Generalissimus Chiang Kai-shek, trieb die politische Liberalisierung seit Mitte der achtziger Jahre voran. Nach der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 durften politische Parteien gegründet werden; die Presselandschaft blühte auf. Die Kuomintang hatte begriffen, daß die Zeit ihrer Alleinherrschaft abgelaufen war. Inzwischen ist ihr in der DPP ein ernstzunehmender Gegner erwachsen. Bei der Parlamentswahl im Dezember 1992 errang die DPP 32 Prozent der Stimmen und 51 der 161 Mandate.

Für die Verfolgten der Diktatur hat die Staatsgewalt ihren Schrecken verloren. "Das Militär und die Polizei ängstigen uns nicht", sagt der DPP-Vorsitzende Hsu Hsin-liang. "Sorgen bereitet uns allein die Überlegenheit der Kuomintang. Sie kontrolliert noch immer das Fernsehen. Und ihre finanziellen Mittel sind siebenmal so groß wie unsere."

Lebhaft erzählt der 52 Jahre alte Parteichef von den Anfängen seiner politischen Arbeit in der Parteizentrale der Kuomintang, der er nach drei Jahren wieder den Rücken kehrte. Der junge Rebell redigierte regimekritische Zeitschriften wie das Formosa Magazin. Als Unabhängiger wurde er in die Provinzversammlung gewählt. Im Unruhejahr 1979 schließlich verließ er ("Ich stand im Zentrum des Konflikts") die Insel.

Zehn Jahre verbrachte Hsu in den Vereinigten Staaten. Im September 1989 brachte ihn endlich ein Schmugglerboot bei Nacht vom chinesischen Festland zurück nach Taiwan. Doch die Küstenwache griff ihn auf. Hsu wurde vor Gericht gestellt und wegen Aufruhrs zu zehn Jahren Haft verurteilt. Acht Monate später war er wieder frei: Taiwans neuer Präsident Lee Teng-hui hatte zu seinem Amtsantritt alle politischen Gefangenen amnestiert. Im Jahr darauf kandidierte Hsu für den DPP-Vorsitz – und gewann.

Jedermann auf Taiwan kennt den Mann mit dem spärlichen schwarzen Haarkranz und dem runden Kahlschädel. Im Hotelrestaurant wird der berühmte einstige Dissident beflissen umsorgt. "Warum erscheinen wir so stark, obwohl wir im Parlament nur ein Drittel der Abgeordneten stellen?" Hsu Hsin-liang beantwortet seine Frage selbst: "Weil die Kuomintang gespalten ist. Wir sind geeint und deshalb die stärkste politische Kraft." Er lacht, wie immer ein bißchen nervös, ein bißchen verlegen, aber doch unbeschwert.

Niemand schaut beim Gespräch im Restaurant mehr vorsichtig über die Schulter. Nach Südkorea geht Taiwan als zweites asiatisches Schwellenland mit Riesenschritten den Weg von der Diktatur zur Demokratie. Komplimente dafür werden in Taipeh gern entgegengenommen. Schließlich hat es eine Demokratie in der fünftausendjährigen Geschichte Chinas nie gegeben.

Auch politisch gilt das kleine Taiwan nun als Vorbild für das große China. Wirtschaftlich war man es schon lange. Das Pro-Kopf-Einkommen – 1945 kümmerliche 70 Dollar – stieg auf 10215 Dollar im vergangenen Jahr. Und die Volksrepublik? Deren Bürger bringen es heute auf ganze 300 Dollar. Für die Kuomintang heißt das: Wir sind dreißigmal so gut wie die Kommunisten.

Bedauerlicherweise ließ sich aus diesem Erfolg politisch bisher kein Kapital schlagen. Nur noch 29 Nationen erkennen Taipeh diplomatisch an. China hat 1,2 Milliarden Einwohner, Atomwaffen und einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. Taiwan hat 20 Millionen Einwohner und wurde 1971 aus der Uno ausgeschlossen. Da fällt die Wahl den meisten leicht.

Die von Peking mit kaltem Fleiß betriebene politische Isolation will Taiwan allerdings nicht länger duldsam hinnehmen. Man sei nach der Wirtschaftskraft die Nummer zwanzig auf der Welt und unter den Handelsnationen die Nummer vierzehn, betont Außenminister Frederick Chien im Gespräch: "Ich denke, wir haben in den internationalen Organisationen eine Rolle zu spielen."

Die Kampagne der Regierung für eine Wiederaufnahme in die Vereinten Nationen wird auch von der Opposition unterstützt. Alle Politiker finden es "ungerecht und unfair", wie ihr Land von der Welt geschnitten wird.

Umstritten freilich ist der Weg zurück in die Staatengemeinschaft nach zwanzig Jahren Einsamkeit. Die DPP will eine unabhängige "Republik Taiwan". Dagegen hält die Kuomintang am Ziel der nationalen Einheit fest. Sie träumt jedoch nicht länger von der "Befreiung des Festlands", sondern hat sich auf die Formel "Ein China, zwei Regierungen" festgelegt. "Wir sind vollkommen realistisch und pragmatisch geworden", sagt Außenminister Chien. "Wir geben nicht vor, Dinge zu beanspruchen, die nicht unter unserer Kontrolle sind."

Und so nimmt denn die Normalisierung über die Taiwan-Straße hinweg ihren Lauf. Seit 1987 haben fünf Millionen Bürger das Festland besucht; zehn Milliarden Dollar haben Unternehmer aus Taiwan in der Volksrepublik investiert.

Gewiß hat es dem friedlichen Miteinander nicht geschadet, daß die Regierung in Taipeh vor zwei Jahren die "Periode der nationalen Mobilisierung zur Unterdrückung der kommunistischen Rebellion" für beendet erklärte. Seither gelten die kommunistischen Herrscher in Peking nicht mehr als "Rebellen", sondern als eine "politische Größe", mit der man verhandeln kann.

Ende April trafen sich in Singapur erstmals hochrangige Vertreter zweier halboffizieller Organisationen. Sie unterschrieben vier Abkommen, darunter Vereinbarungen über die gegenseitige Anerkennung von Urkunden und die sichere Zustellung von Einschreibbriefen – nicht gerade ein spektakulärer Auftakt zum Wandel durch Annäherung auf chinesisch. Wie tief die Spaltung noch reicht, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Dokumente: Taiwans Exemplar ist in den klassischen chinesischen Schriftzeichen abgefaßt; Pekings Diplomaten benutzen die von den Kommunisten eingeführten Kurzzeichen.

Doch nur weil man miteinander spricht, will Peking noch lange nicht formell auf Gewalt verzichten. Noch im Oktober 1992 warnte Politbüromitglied Li Ruihuan vor einer Unabhängigkeitserklärung: "Wir würden nicht zögern, Blut zu vergießen." Nach Meinung der Opposition auf Taiwan brüllt da freilich ein Papiertiger. Warum denn, fragt sie listig, habe Peking all die Jahre keine Truppen in Marsch gesetzt, als die Kuomintang noch von der militärischen Rückeroberung des Festlands und der Vertreibung der "Rebellen" von der Macht schwadronierte?

Das Schöne ist, daß sich darüber auf Taiwan heute in aller Offenheit streiten läßt. Niemand muß mehr befürchten, wegen des Rufs nach Unabhängigkeit eingesperrt zu werden, ertönt dieser Ruf doch sogar im Parlament.

Bisweilen tobt dort die wilde Jagd über Bänke und Tische, fliegen vor dem Rednerpult die Fäuste. Wie im Guerillakampf wird der politische Gegner überlistet – mit ausgeschalteten Mikrophonen und spätabendlichen Abstimmungen, durch Filibuster und Sitzstreiks auf dem Stuhl des Parlamentspräsidenten. Welch ein herrlich ungestümer Aufbruch aus der Starre der Diktatur. Wenn doch nur ein Hauch davon im Nationalen Volkskongreß zu spüren wäre, am Platz des Himmlischen Friedens in Peking.