Es gibt Menschen, die verlieben sich in den ersten Augenblicken des Kennenlernens, nicht wegen äußerer Attraktionen, sondern weil sich Stimmungen der Seele begegnen und ohne große Worte und Gesten zusammenfinden. Stimmungen, die eine gemeinsame Geschichte haben, obwohl sie nichts voneinander wissen. – Es gibt Bilderbücher, ganz wenige nur, in denen Botschaften schlummern, die den Betrachter in einen ähnlichen Zustand des Verliebtseins versetzen. Bücher, die unsere Biographie berühren und unsere Träume, ohne daß wir sofort Erklärungen dazu liefern könnten.

Chris Van Allsburgs „Polarexpress“ war vor ein paar Jahren ein solches Buch, das einen in die Nischen zwischen Tag und Traum lockte: in nahezu photographisch illustrierte Landschaften aus der Phantasiewelt eines Jungen, der am Weihnachtsabend zu einer wunderbaren Reise zum Nordpol aufbricht. Und nun gibt es ein Buch, das Kinder und Erwachsene verzaubern kann, obwohl oder gerade weil Bilder und Geschichte in vertrauter Nähe verharren: „Schlaf gut, kleiner Bär“ von Quint Buchholz. Ohne die Handlung zu kennen, verliert man sich in den Bildern, in diesen nur scheinbar photorealen Abbildungen eines Milieus, in denen sich Bekanntes, Liebgewonnenes, Vergessenes spiegelt, wie das Gesicht des kleinen Bären in der mondbeschienenen Fensterscheibe.

Quint Buchholz’ Worte mögen – anders als seine Bilder – auf den ersten Blick banal wirken. Es sind die Gedanken eines Plüschteddybären, den rein gar nichts mit der kleinen, radikalen Bärenminderheit im Gefolge von Winnie-the-Pooh verbindet – nichts Freches, Gewitztes oder Hintergründiges. Aber auch nichts mit der konturlos vermarkteten Bärensippschaft aus dem Heinzelmännchenwald. Er sieht so aus und denkt so wie der Bär unserer frühen Kindheit, bevor wir ihn zerknuddelten, ihn später ins hinterste Eck der Bodenkammer warfen, um ihn schließlich in gereiften Jahren posthum der Ideologiekritik zu unterwerfen. Es ist der Teddybär aus jener Zeit, in der wir noch glaubten, genügend Abenteuer zwischen uns und dem Horizont erleben zu können. Forschungsreisen für 365 und einen Tag. Es ist der Teddybär aus jener Zeit, in der er uns bedingungslos ganz allein gehörte – und wir ihm.

„Der kleine Bär hat am Abend seine Apfelhose ausgezogen und seine Sternenhose angezogen“, erzählt Quint Buchholz. Er hat eine lange Gutenachtgeschichte gehört, das Schlaflied mitgesummt, noch dies und das geradegerückt, ein bißchen herumgekramt und hat warme Luft unter die Bettdecke geblasen bekommen, weil es sich dort so kalt anfühlte. Dann durfte das Licht ausgeknipst werden. Und dann wurde es ganz still. – Wer erinnert sich nicht an diese Stille zwischen den Welten, in der das Erlebte die starre Bürde des Tages ablegte, die Grenzen zwischen Tag und Traum verschwammen und wir mit wachen Augen das Zimmer durchstreiften? Den Lichtschein verfolgten, der durch den Türspalt drang, die Strahlen des Mondes, die sich in den Falten des Vorhangs fingen, und die Schattenspiele an den Wänden. Und vielleicht schlichen wir noch einmal heimlich aus dem Bett und blickten aus dem Fenster, wie das der kleine Bär in der Geschichte tut. Vielleicht waren wir dann – nur für Augenblicke – so einfach bedenkenlos glücklich wie der kleine Bär jetzt, da die Abenteuer der vergangenen Stunden langsam in der Nacht versinken und ihn die ungetrübte Vorfreude auf den nächsten Tag gefangennimmt. Bis die Mondscheinmusikanten schemenhaft draußen am Feldrain vorüberziehen und ihn eine ferne Melodie einschlummern läßt.

Dieses, spätestens im Stadium des Erwachsenwerdens zerbrochene Wohlbefinden müssen wir wiederentdecken, wenn wir die Gedanken des kleinen Bären verstehen wollen, in denen sich nichts anderes spiegelt als die tiefe Sehnsucht eines kleinen Kindes nach Geborgenheit ohne Wenn und Aber, aus der heraus es erst vollen Herzens die tausend Geheimnisse seiner Welt erforschen kann. Für den flüchtigen Betrachter mögen die Erscheinungen, die Quint Buchholz durch das Spiel von Licht und Schatten, durch die matte Tönung der Farben, durch ungewöhnliche Perspektiven in die Bilder zaubert, Marginalien sein. Für den (Vor-)Leser allerdings, der in der Geschichte seine frühen Träume ausgräbt, sind sie Bestätigung einer leichtfertig vergessenen Erkenntnis: Es gibt eine lebenswerte Welt zwischen uns und dem nahen Horizont. Siggi Seuß

  • Quint Buchholz:

Schlaf gut, kleiner Bär