Von Holger Afflerbach

Als seltenes, ja noch nie dagewesenes Schauspiel beschrieb im Sommer 1900 der New York Herald staunend den Vorgang, „daß die zivilisierten Mächte der ganzen Welt ihre gegenseitigen Mißstimmungen und Eifersüchteleien vergessen, um sich zu vereinigen und im Einvernehmen für eine gemeinschaftliche Sache gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen“. Über 90 000 Soldaten aus acht Nationen wurden für dieses Unternehmen aufgeboten, das in der Größenordnung von der Uno erst durch Aufmärsche wie „Desert Storm“ 1991 überboten wurde. Jene internationale Streitmacht war dazu bestimmt, die in Peking von Aufständischen belagerten ausländischen Diplomaten mit ihren Familien zu befreien. Eines der größten Kontingente stellte mit über 20 000 Soldaten das Deutsche Reich. Der deutsche Generalfeldmarschall Graf Waldersee wurde Oberbefehlshaber der alliierten Truppen.

In den ersten Monaten des Jahres 1900 waren die Nachrichten vom Ausbruch schwerer Unruhen in China immer bedrohlicher geworden, doch wurden sie zunächst als chinesisches Problem betrachtet. Spektakuläre Einzeltaten sorgten für einen völligen Umschwung der Stimmung in der Weltöffentlichkeit: Am 11. Juni 1900 wurde der japanische Botschaftssekretär Sugiyama vor den Toren Pekings ermordet, seiner Leiche das Herz herausgeschnitten. Am 20. Juni wurde der deutsche Gesandte Klemens von Ketteier auf offener Straße von einem Regierungssoldaten erschossen, als er auf dem Weg ins chinesische Außenministerium (Tsungli Yamen) war, um der kaiserlichen Regierung ins Gewissen zu reden.

Damit nicht genug, erklärte der chinesische Hof den ausländischen Mächten am 21. Juni 1900 den Krieg, nachdem deren Kriegsschiffe die Taku-Forts an der Mündung des Pei-ho zerstört hatten. Es bestand kein Zweifel mehr, daß die chinesische Regierung, vor allem die allmächtige Kaiserinwitwe Tzu-hsi und ihre Berater, mit den sogenannten Boxern kollaborierte, einer Bewegung fanatischer Fremdenhasser, die vor Mord an Frauen und Kindern nicht zurückschreckte.

Die legendären „55 Tage von Peking“ nahmen ihren Anfang: Die Boxer belagerten die fremden Gesandtschaften, deren Wachsoldaten sich mit dem Mut der Verzweiflung verteidigten. Wer waren die „Boxer“? Ihr chinesischer Name „Yihetuan“ bedeutet „Truppe der Rechtlichkeit und Reinheit“. Eine der Wurzeln dieser Bewegung lag in einer chinesischen Geheimgesellschaft, die rituelle, meditative, gymnastische Kampfübungen veranstaltete. Aus dem chinesischen Namen ch’üan-fei (Faustkampf-Bandit) wurden die „Boxer“. Sie waren eine eigenartige Mischung aus Geheimgesellschaft und Räuberbande, sie protestierten gegen die Industrialisierung – viele Transportarbeiter und Fährschiffer waren durch den Bau von Eisenbahnen erwerbslos geworden –, und sie huldigten dem Aberglauben (sie glaubten, nach Einnahme bestimmter Mittel unverwundbar zu sein).

Geeint wurden die Boxer durch die fanatische Ablehnung der „Fremden Teufel“, das heißt der Ausländer, und vor allem der Christen, die sie für alle Übel des Landes, von Unwettern und Überschwemmungen bis hin zu einer schweren Wirtschaftskrise, verantwortlich machten.

Daß gegen die Ausländer war in China ohnehin weit verbreitet. Die „Teufel“ machten seit einigen Jahren alle Anstalten, das einstmals mächtige Reich der Mitte unter sich aufzuteilen. Zuerst hatten sich die Japaner 1894 Formosa (Taiwan) genommen, dann erzwang Deutschland 1897 nach dem Mord an zwei Missionaren in Schantung die Verpachtung der Bucht von Kiautschou; es folgte Rußland mit Port Arthur, Großbritannien mit Weihai-wei, Frankreich mit Kuang-chou-wan; nur einen italienischen Versuch, sich ebenfalls zu bedienen, konnte die chinesische Regierung noch einmal abschlagen.