Der meistgesuchte Mann Deutschlands der vergangenen zwei Wochen hieß Wolfgang Napirei. Bild wußte es wie immer am besten: Die Westausgabe des Boulevardblattes wähnte den Inhaber des pleite gegangenen Reiseunternehmens MP Travel Line am 5. August „im Liegestuhl an der Algarve“. Gleichzeitig meldete Bild- Ost: „Napirei hat sich nach Kenia abgesetzt.“ Doch Bild irrte: Tatsächlich machte das „Phantom“ Urlaub in Österreich, um sich von den Wirren um den Konkurs seiner Firma und der Pleite des Nachfolgeunternehmens MP Touristik zu erholen. Dabei waren nach Angaben des inzwischen eingesetzten Konkursverwalters Wolfgang Hembach mindestens 10 000 Kunden um ihr Geld oder ihren Urlaub gebracht worden.

Über die Ursachen des größten Konkurses der deutschen Tourismusgeschichte kursieren zwei Versionen: Hat Napirei die MP Travel Line mit Hilfe mysteriöser Geldgeber, unseriöser Geschäftsmethoden und nicht kostendeckender Preise gezielt in den Konkurs getrieben und dabei selbst kräftig abgezockt, wie Branchenvertreter und nicht zuletzt Bild – „Sind die Millionen in Afrika?“– behaupten? Oder hat die Konkurrenz gezielt daran mitgedreht, einen unliebsamen Mitbewerber „bewußt fertigzumachen“ (Napirei)? Die Justiz steht jedenfalls erst am Anfang ihrer Ermittlungen. „Das kann viele Wochen dauern“, bekennt der Staatsanwalt Hubert Hart vom Frankfurter Amtsgericht.

Fest steht: Innerhalb von drei Jahren katapultierte Napirei den Umsatz der erst 1990 gegründeten MP Travel Line, die Reisen in die Türkei, nach Portugal und seit Ende Juni auch nach Florida verkaufte, auf 135 Millionen Mark (1992). In diesem Jahr sollten es 200 Millionen werden. Und für 1994 hatte Napirei mit neuen Zielen in Griechenland, Spanien und Tunesien sogar 350 Millionen angepeilt.

Seine Geschäftsidee, mit der er nach eigenen Angaben lange „richtig gutes Geld verdiente“: Die Reisen wurden im Direktvertrieb fernmündlich von geschulten Telephonverkäufern an den Mann gebracht. Dabei wurde die Reisebüroprovision von üblicherweise rund zehn Prozent eingespart. Außerdem seien die günstigen Angebote, die von der Konkurrenz als nicht kostendeckende „Dumpingpreise“ gebrandmarkt wurden, durch „den Großeinkauf ganzer Kontingente für die volle Saison“ zustande gekommen. Das Gros der von MP Travel Line verkauften Reisen kostete nicht mehr als Angebote der heute als seriös geltenden Konkurrenz (siehe auch Seite 47). Bei den kritisierten Schnäppchen unter Einkaufspreis handelte es sich um sehr begrenzte Lockvogelangebote, mit denen auch in anderen Branchen gearbeitet wird. Die nach Umsatz bezahlten Telephonhändler waren angewiesen, den Kunden möglichst teure Reisen zu verkaufen.

Der etablierten Konkurrenz wurde MP Travel ein immer größerer Dorn im Auge. Der ungeliebte Newcomer nahm ihnen in heißumkämpften Märkten wie der Türkei und Florida zunehmend Urlauber ab. Vor allem aber der zukunftsträchtige Direktverkauf, bei dem MP Travel sogar zum Marktführer avancierte, störte die Mitbewerber. Zwar hielten die sich, um ihre traditionellen Vertriebsstellen, die Reisebüros, nicht zu verprellen, hier bisher zurück. Doch längst verkauft auch NUR seine Billigmarke Paneuropa eher schlecht als recht in den Rewe-Supermärkten. ITS bietet Reisen in den OTTO-Versandhauskatalogen an, und die TUI plant Gleiches mit dem Versender Quelle. Weil die MP-Leute mit dem Direktvertrieb bewiesen, so ein leitender LTU-Manager, „daß damit völlig neue Kundenschichten gewonnen werden können, die dem Thema Pauschalreise bisher nicht offenstanden, war die Nummer interessant“.

Die Branche wehrte sich, und dafür bot Napireis Geschäftsgebaren auch genügend Angriffsflächen: Wegen unseriöser Werbemethoden hagelte es Abmahnungen vom Deutschen Reisebüroverband (DRV). Mal wurden künftige MP-Kunden aufgefordert, bei der Konkurrenz zu stornieren: „Wenn Sie bei uns buchen, haben Sie Ihren Traumurlaub sicher und die Stornokosten wieder raus.“ Mal wurde den Reisenden ein hoher Rabatt angeboten und bei frühzeitiger Barzahlung wettbewerbswidrig zusätzlich eine kostenlose Reise in die Türkei offeriert. Häufiger landeten Urlauber in anderen Hotels, als sie gebucht hatten, oder flogen mit alten Boeing 727 aus der PanAm-Konkursmasse mit dreimaligem Umsteigen sechzehn Stunden nach Miami anstatt direkt wie versprochen mit einem modernen Airbus oder Jumbo-Jet. Daran, so Napirei, „hat die Konkurrenz kräftig mitgedreht“. Auf deren Veranlassung seien Hotel- und Charterflugverträge gekündigt worden. So sei Finnair nach sanften Hinweisen von Lufthansa von einem unterschriftsreifen Leasingvertrag für eine DC 10 zurückgetreten. Der Saarland Airlines, die mit ihrem Airbus ursprünglich für MP Travel nach Florida fliegen sollte, machten größere Reiseunternehmen unmißverständlich klar, daß mit ihnen keine Geschäfte zu machen wären, solange MP auf der Kundenliste stehe.

Offensichtlich hatte sich Napirei in seinem Alleingang gegen die Branche überschätzt. Obwohl nach seinen Angaben „alle Gewinne wieder investiert wurden“, reichte die Finanzkraft für das astronomische Wachstum des Unternehmens nicht aus. Napirei gibt zu: „Buchhaltung war nie mein Metier.“ Die teure Werbung verschlang alleine im vergangenen Jahr fast vierzehn Millionen Mark. Schon im vergangenen Sommer gab es erste Liquiditätsprobleme, Hotels und Fluggesellschaften mußten immer länger auf ihre Gelder warten. Für das neue Ziel Florida wurde im Frühjahr erneut aufwendig geworben. Als dann am 8. Juni das ARD-Magazin „Plusminus“ einen kritischen Bericht über MP Travel sendete und zudem die Bomben von Antalya die Türkeibuchungen zurückgehen ließen, sanken die Umsätze schlagartig.

Konkursverwalter Hembach: „Die Tageseinnahmen sackten von durchschnittlich rund 1,2 Millionen Mark auf 800 000 Mark ab.“ Nach dem „Plusminus“-Bericht und dem nachfolgenden negativen Presseecho verlangten die meisten Geschäftspartner Vorkasse. Außerdem setzte eine Stornowelle ein. Die Methode, mit frischen Einnahmen alte Finanzlöcher zu stopfen, funktionierte nicht mehr. Die Kluft zwischen Einnahmen und Ausgaben geriet immer größer. Als die Kreditrahmen ausgeschöpft waren, drehten schließlich auch die Banken den Kredithahn zu. Napirei mußte erst Vergleich und dann Konkurs anmelden.

Auf Betreiben Hembachs gründete die Saarland Airlines, Hausfluglinie von MP Travel, mit anderen Geldgebern eine Auffanggesellschaft. Doch auch diese MP Touristik war schon bald handlungsunfähig. Immer mehr Kunden wollten ihr angezahltes Geld zurück, Neubuchungen ließen auf sich warten. Die totale Pleite war perfekt. Die Auguren der Branche sahen sich in ihren Warnungen bestätigt. Der DRV wirft Hembach vor, auch die MP Travel hätte keine Chance mehr gehabt. Der Zusammenbruch sei vorprogrammiert gewesen, weil „bereits kassierte Gelder nicht mehr vorhanden waren, um die Reisen durchzuführen“. Napirei wohlgesonnene Stimmen meinen hingegen: Wenn er das Geschäft in normalem Tempo ausgebaut hätte, hätte das alles nicht so kommen müssen. Ihr Vorwurf: „Auf einmal ist der größenwahnsinnig geworden.“

Konkursverwalter Hembach wehrt sich dagegen, mit der MP Touristik den endgültigen Zusammenbruch nur hinausgezögert und dadurch nur noch mehr Kunden geschädigt zu haben: „In der Zeit, die ich für MP Travel arbeite, geht es zu achtzig Prozent darum, mich mit unseriösen Vorwürfen auseinanderzusetzen.“ Er ist nach wie vor von der Grundidee der MP Travel und der Glaubwürdigkeit Napireis über zeugt: „Alle wichtigen Geschäftsunterlagen sind vorhanden.“ Bisher hat er noch nichts gefunden, „was den Staatsanwalt interessieren könnte“.

Vielleicht wird Hembach bald dienstlich an die Algarve fliegen müssen. Im Touristenort Portimao, wo sich die Zentrale der MP Travel Line befand, herrscht auch nach der Abreise der letzten MP-Urlauber Frust und blanke Wut. Portugiesische Agenturen, Hoteliers und die Fluggesellschaft Air Columbus können ausstehende Millionenbeträge in den Wind schreiben. Seit Tagen durchleuchtet ein gutes Dutzend ehemaliger Geschäftspartner die Konten der zusammengebrochenen Firmen. Nach Informationen der ZEIT suchen sie 34 bis 36 Millionen Mark, die auf bisher ungeklärte Weise „verschwunden“ seien. Dabei soll eine Spur zu Petra Napirei führen, der Ehefrau des Firmengründers. Sie arbeitete in der Buchhaltung, die erst Anfang des Jahres komplett an die Algarve verlegt wurde. Ihr Mann hält die Vorwürfe für „die üblichen Gerüchte“ und streitet ab, sich persönlich am Unglück der Urlauber bereichert zu haben. Napirei: „Ich habe alles verloren, was ich jemals besaß.“