Bis ans Ende der Welt – Seite 1

Von Andreas Kilb

Kafka zum Beispiel. "Im Kino gewesen. Geweint." Das fand er so wichtig, daß er es aufschrieb, am 15. November 1913. "Geweint." Aber worüber? Es folgen ein Filmtitel (",Lolotte‘.") und ein paar Stichworte zur Erinnerung: "Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung." Danach wieder Verzweiflung: "Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn."

Ein Melodram? Ein Melodram.

Die alte Geschichte: Boy meets girl. Eine Liebe, die üblichen Verwicklungen. Boy loses girl. Tragisches Ende möglicherweise: Girl dies, boy kills himself. Romeo und Julia, Versöhnung der Eltern am Grab. Oder Versöhnung der Liebenden: Boy finds girl again. In Casablanca. Maßlose Unterhaltung.

"Lolotte"; ein Frauenname. Natürlich.

"Lolotte"; ein Fünfzehnminutenfilm, Kopie verschollen, von 1913. Danach, achtzig Jahre lang, das gleiche Bild: Lola, Asta, Gilda, Lara, Laura, Elsa, Scarlett, Lily, Mary, Maria und Marie, vereint in maßloser Liebe, sich vergessend und verzehrend für den einen, der alles ist. Filmklassiker. Zuletzt noch pretty woman Julia Roberts, vom Callgirl zur Prinzessin ausgebildet durch Geldhai Richard Gere – zehn Millionen Weinende allein in Deutschland. Die Göttin tanzt! Männerblicke, Frauengeschichten, Männerfilme.

Frauenbilder: seit achtzig Jahren "Lolotte". In jeder Tonart.

Bis ans Ende der Welt – Seite 2

Dieser Film nun, gedreht im Jahr 1992 von Jane Campion aus Neuseeland, könnte "Ada" heißen – weil er die Geschichte von Ada erzählt und eine Liebesgeschichte dazu. Aber er heißt "Das Piano". Woraus sich einiges ergibt.

Ein Melodram? Auch das.

*

Jemand spricht. Eine Frauenstimme. "Die Stimme, die Sie hören", sagt sie, "ist nicht meine wirkliche Stimme. Es ist die Stimme in meinem Innern." Und jemand hält sich die Augen zu, so daß man fast nichts sieht, nur das rötliche Innere einer Hand. "Das Komische ist, ich empfinde mich selbst nicht als stumm. Das liegt an meinem Piano. Ich werde es vermissen auf der Reise..."

Holly Hunter ist Ada: eine kleine, zierliche Frau von etwa dreißig Jahren, den Körper in ein schwarzes Hauskleid gezwängt, das Gesicht verschlossen, beinahe hart. Ältlich, könnte man sagen. Verhärmt. Welch eine Täuschung.

Ada ist seit ihrer Kindheit stumm ("warum, das weiß niemand"), aber der Mann aus Übersee, mit dem ihr Vater sie brieflich verlobt hat, will sie trotzdem heiraten. Auch der HErr, schreibt er, liebe stumme Kreaturen. Und auch Adas zehnjährige und uneheliche Tochter Flora soll ihm willkommen sein. Wir sind in Schottland um 1850, im dreizehnten Jahr der 64jährigen Herrschaft von Königin Viktoria von England, die diesem Zeitalter ihren Namen gab... Aber nur einen Augenblick später sind wir in Neuseeland, auf der anderen Seite der Welt.

Sie landen in der Dämmerung. Männer tragen sie durch die Brandung, zwei zitternde Bündel in schwarzen Kleidern. Ada und Flora. Krachend fällt das Klavier in den Sand. Das Piano! Ada schiebt ihre Hand durch die geborstenen Bretter der Reisekiste und spielt. Dann fahren die Boote ab. Das Meer trägt Kisten und Koffer fort und spült sie an den Strand zurück. Graue Felsen ragen über die Bucht. Die Steppe ist ein Garten gegen dieses Land.

Bis ans Ende der Welt – Seite 3

Am anderen Morgen kommen die Träger, große, dunkelhäutige Maori-Männer, die Ureinwohner des Landes, um Ada, Flora und ihr Gepäck abzuholen. Mit ihnen kommt auch Stewart (Sam Neill), der Farmer, Adas zukünftiger Mann. Das Klavier, befiehlt er, wird am Strand zurückgelassen, es ist zu schwer für den Transport durch den Dschungel. Und als er Ada, von der er nur eine verblaßte Daguerreotypie besitzt, zum ersten Mal leibhaftig sieht, sagt er: "Sie ist verkümmert, das steht fest."

Und dies könnte das Ende sein.

*

Es waren einmal drei Schwestern, Töchter eines Landpfarrers, die lebten am Anfang des 19. Jahrhunderts in Mittelengland, doch ihr Dasein zwischen Heide und Moor, Küche und Gottesdienst war ihnen nicht genug. Also erfanden sie sich in ihren Kinderhirnen eine eigene Welt, die Reiche Angria und Gondal, mit eigenen Gesetzen, Parlamenten, Zeitungen und Kriegen, mit gläsernen Städten und fiebriger Poesie. Als sie älter wurden, schrieben sie Romane und schickten sie unter männlichen Pseudonymen an Verleger: "Jane Eyre", "Die Sturmhöhe", "Agnes Grey". Aber sie wurden nicht alt; Charlotte, die älteste, erreichte mit Mühe das 39. Lebensjahr, Emily und Jane starben noch früher. Sie starben an Schwindsucht, Auszehrung, Fieber – an Verkümmerung, das steht fest. Und es vergingen noch viele Jahre, ehe die Werke der Schwestern Bronte nicht mehr als interessante Verirrung, sondern als ein Teil der Weltliteratur betrachtet wurden.

Es gab einmal eine Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, da galten Frauen, die wie Emily, Jane und Charlotte Brontë (und Ada) kein normales Frauenleben führen wollten, die sich ihren Männern verweigerten (wie Ada) und allerlei

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 35

seltsame Gebrechen entwickelten, um sich ihren Pflichten und Tugenden zu entziehen: Lähmungen, Krämpfe, Wahnvorstellungen, Blindheit, Stummheit (wie Ada), Tobsucht, Magersucht – da galten solche Frauen nicht mehr als verkümmert oder verrückt, sondern als "hysterisch". Das war ein wissenschaftlicher Standpunkt, und streng wissenschaftlich war auch die Therapie: Kaltwasserstürze, Elektroschocks, Beschneidung, Sterilisation. Der Pariser Arzt Charcot hat diese Patientinnen photographiert, der Wiener Arzt Freud hat sie analysiert, und die Dichter Ibsen und Strindberg haben sie auf die Theaterbühne gestellt.

Bis ans Ende der Welt – Seite 4

Später, als im 20. Jahrhundert die "Krankheit" allmählich verschwand, wurden ihre Symptome auf wundersame Weise zu Höhepunkten des künstlerischen Ausdrucks: im Kino der Stummfilmzeit, in den Geschichten von dämonischen Weibern und gefallenen Mädchen, in den Verrenkungen und Verzückungen der Asta Nielsen, Pola Negri, Lillian Gish, Henny Porten, Louise Brooks, ihren schwarzgemalten Augenhöhlen, ihren stummen Schreien ... und das Klavier spielte dazu. Das Piano! Es sprach für sie.

Wozu diese Geschichten? Ein Film ist ein Film, Neuseeland ist nicht das Reich Gondal, und Adas Leben wird in keiner Klinik enden. So könnte man einfach weitererzählen: Ada, die stumme Frau aus der Alten Welt, zieht ins Haus des Buschfarmers Stewart, verliebt sich in... Oder vielleicht doch nicht.

Vielleicht hat es doch etwas zu bedeuten, wenn die Regisseurin Jane Campion in Interviews immer wieder von den Schwestern Bronte spricht, von den Frauenromanen des 19. Jahrhunderts, von der Romantik und ihrer Nachtseite, der viktorianischen Realität. Vielleicht ist "Das Piano" doch nicht nur eine Liebesgeschichte in alten Kostümen, sondern der Versuch, mit dem Kino, diesem schönsten aller Männerspielzeuge, auf ganz neue und ganz andere Weise zu spielen – so, wie Ada ihr Piano spielt, von innen heraus, ohne akademische Skrupel und Steifheiten. Und vielleicht besteht das Wunder dieses Films darin, daß er die Sprache, in der er sich ausdrückt, die Bildersprache der Kinematographie, nicht wie eine Fremdsprache spricht, sondern so selbstverständlich, als hätte es den Blick und die Form, die er erfindet, immer schon gegeben. Daß er das Entscheidende ohne Worte sagt, stumm und zugleich ganz beredt.

"Sie ist verkümmert, das steht fest." Welch eine Täuschung!

*

Im Traumland. Hier endet jeder Weg im braunen Morast, jedes Wort in Knistern und Vogelschreien, und die Wipfel des Urwalds rücken so dicht zusammen, daß das Licht nur wie aus Filtern heruntertropft, grün und blau gefärbt wie auf dem flachen Grund des Meeres. Die Erde ist noch am Anfang, und die Menschen, die Kolonisten, sind es auch. Mit ihren Hauben, Krinolinen, Gehröcken und Lederstiefeln stapfen sie als Fremdkörper durch diese Welt, und Adas Körper ist der fremdeste von allen. Wie eine Puppe wird sie in die Dekoration für das Hochzeitsbild geschoben, wie eine Gefangene sitzt sie im Haus des Farmers. Auf den Küchentisch malt sie schwarze und weiße Tasten und spielt darauf, stumm. Das Piano! Es steht noch immer am Strand.

Aber da gibt es Baines (Harvey Keitel), den Nachbarn, der nicht lesen und schreiben kann, der von den Maori die Gesichtsbemalung übernommen hat und auch ihre Sprache beherrscht. Baines, der Halbwilde, läßt sich überreden, er bringt Ada und Flora zurück an den Strand, und als Ada endlich wieder ihr Piano spielen darf, da sieht er sie lächeln, zum ersten Mal. Und so fängt alles an.

Bis ans Ende der Welt – Seite 5

Das Piano ist ein Ding, Ada ist auch ein Ding, und mit Dingen kann man Geschäfte machen. Baines kauft Stewart das Piano ab, er läßt es in seine Hütte bringen, und als Gegenleistung soll Ada ihm Klavierunterricht geben. "Das Piano – es gehört mir! mir!", schreibt sie verzweifelt auf einen Zettel. "Wir sind jetzt eine Familie, und alle müssen Opfer bringen, auch du!" brüllt Stewart zurück. Es ist abgemacht.

Adas Opfergang. "Ich möchte nur zuhören", sagt Baines. Während sie spielt, streicht seine Hand über ihr Haar. Sie springt auf. Baines: "Warten Sie! Sie können Ihr Piano zurückbekommen ... Ich möchte gewisse Dinge mit Ihnen tun, während Sie spielen. Ein Besuch für jede Taste." Ada sieht ihn an. Dann deutet sie auf ihr Kleid, dann auf das Klavier. Baines: "Schwarz ... die schwarzen Tasten! Das ist weniger als die Hälfte ... gut, abgemacht."

Adas Opfer ist Ada selbst.

*

Dann kam der Tonfilm. Dann kamen die Diven, die Göttinnen, die Garbo, Harlow, Hayworth, Marlene, Marilyn, die Meisterinnen der Pose, in Licht gebadet, in Glanz erstarrt. Sie waren Dinge, sie waren künstlich, sie waren gemacht. Aber die ganze Arbeit des Kinematographen bestand darin, ihren Schein in Natur zu verwandeln. Das war sein Realismus. Und selbst die Gegen-frauen, die bad-girls, Barbara Stanwyck, Mae West, Joan Crawford, Bette Davis, blieben immer im Bann dieses Scheins, dieser Spiegelungen aus Licht und Nichts, als ihre dunklere, dämonische Seite. Als aber der Spiegel zerbrach, als das Studiosystem sich auflöste und das Fernsehen anfing, da verschwanden auch die Stars, für immer.

Und dann erst, ganz zum Schluß, als Marilyn Monroe schon tot und das Kino in Europa und Amerika fast bankrott war, kamen die Regisseurinnen. Sie kamen mit dem Jungen Deutschen Film, dem New British Cinema, mit dem New Hollywood und der Nouvelle vague: Lina Wertmüller, Agnes Varda, Margarethe von Trotta, Liliana Cavani, Helma Sanders-Brahms, Ulrike Ottinger, Lizzie Borden, Monika Treut. Sie drehten Frauentragödien, Frauenkomödien, feministische Pamphlete, sie erfanden Gegengeschichten und Gegenklischees, sie machten Kino gegen das Kino. So entstand ein merkwürdiges Genre, das kein Genre sein will: der "Frauenfilm".

Der Ausdruck selbst erschlägt das, was er ausdrücken soll. Ein Kino, das nur noch für Frauen dasein will, hat den Kampf um das Kino schon aufgegeben. Deshalb möchte sich mittlerweile fast keine Regisseurin mehr das Etikett "Frauenfilm" umhängen lassen. Aber die letzten Filme von Margarethe von Trotta ("Die Rückkehr"), Helma Sanders-Brahms ("Apfelbäume"), Ulrike Ottinger ("Taiga"), Liliana Cavani ("Franziskus") und Lizzie Borden ("Love Crimes"), die in deutschen Kinos liefen, waren weder Männernoch Frauenfilme, sondern einfach schlechte Filme. Sie demontierten den männlichen Blick, aber sie hatten keinen eigenen. Sie zerstörten die alte Form, aber sie fanden keine neue. Sie zerbrachen das Spielzeug, statt mit ihm zu spielen. Sie verstanden die Sprache des Kinos, aber sie gebrauchten sie nicht.

Bis ans Ende der Welt – Seite 6

Dann kam "Das Piano".

*

Der ganze Körper, sagen die Maori, sei ein Tempel. Deshalb können sie auch nicht glauben, daß das böse Schattenspiel, mit dem der Dorfpfarrer am Silvestertag im Gemeindehaus seine "Blaubart"-Inszenierung krönt, nur ein Trick ist. Als der blutgierige Blaubart seiner achten Frau hinter dem Vorhang die Hand abhackt, stürmen die Maori die Bühne. Der Tempel ist entweiht Das Theater triumphiert. Die Szene ist ein dunkles Vorzeichen. Aber nur die Maori haben es gemerkt.

Der Körper ein Tempel. Aber Adas Körper hat keine Stimme. Ihre Stimme, das ist ihr Piano. Deshalb erobert Baines zuerst das Klavier, bevor er sich Ada nähert. Am Morgen, ehe sie kommt, zieht er sich aus und wischt mit seinem Hemd über das polierte Holz, bis es glänzt. Wenn sie dann vor ihm sitzt und spielt, sind seine Berührungen viel zärtlicher, als man es von diesem schwerfälligen Mann erwartet hätte. Er streicht über ihren Arm, als wäre es der Flügel eines Vogels. Er faßt in ihren Nacken wie ein Pilger, der das geweihte Bild berührt. Als Ada plötzlich eine Mazurka spielt, laut und fröhlich, schrickt er zurück. Baines ist kein Wolf, Baines ist ein Kind.

Eine Taste: ein Ton. Mit jedem Besuch gewinnt Ada ein Stück ihrer Stimme zurück, und Baines bekommt ein Stück ihres Körpers. Auf einmal steht George Baines nackt vor ihr. "Ich möchte mit dir ohne Kleider daliegen, für zehn Tasten." Das ist der Rest der Schuld. Sie läßt es geschehen. Das Piano gehört ihr. Aber dann kommt sie wieder. Boy meets girl.

Flora (Anna Paquin) hat von draußen zugeschaut. Später zeigt sie ihren Maori-Spielgefährten, was sie gesehen hat. Sie umarmt einen Baum, küßt ihn, und die anderen tun es ihr nach. "Du hast diese Bäume beschämt", sagt Stewart, der Stiefvater, als er sie ertappt. Am nächsten Morgen wäscht Flora die Stämme mit Seife ab. Und Stewart geht zu George Baines’ Haus.

Die Szene, die dann folgt, sollte man nicht beschreiben. Es ist die Ur-Szene aller Melodramen, die Szene schlechthin: Zwei lieben sich, einer schaut zu. Viel wichtiger aber ist, mit welchem Blick der Film diese Szene betrachtet. Er sieht sie mit dem Blick von Stewart, und seine Erregung (zum ersten Mal sieht er seine eigene Frau nackt!) und seine Verzweiflung dringen in die Bilder ein. In hundert anderen Filmen wäre dieser Mann eine Witzfigur. "Das Piano" läßt ihm jene Würde und Wahrhaftigkeit, ohne die kein Mensch leben kann.

Bis ans Ende der Welt – Seite 7

Als Ada wieder zu Baines gehen will, lauert Stewart ihr auf. Sie verlassen die Wege aus einfachen Holzlatten, die durch den Wald führen. Sie stürzen ins Dickicht, ins Unterholz, er reißt an ihren Röcken, sie klammert sich ans Geäst, man hört ihr Keuchen, dazu Vogelschreie, Blätterrauschen, Wind. Zwei Ertrinkende, Stewart und Ada, für immer, in diesem Moment. "Maßlose Unterhaltung."

Dann läßt er sie los.

*

Jane Campion, 38, geboren in Wellington, Neuseeland, studierte Anthropologie und Malerei und besuchte ab 1981 die Schule für Film, Fernsehen und Radio in Sydney, Australien. Dort drehte sie, wie andere Filmschüler auch, Kurzfilme. Sie gewannen mehrere internationale Preise, darunter eine Goldene Palme in Cannes.

1989 kam Jane Campion wieder nach Cannes. Ihr erster Spielfilm, "Sweetie", die Geschichte einer kreuzbraven, kreuzbürgerlichen jungen Frau und ihrer dicken, frechen, asozialen Schwester, war ein Musterbeispiel des avantgardistischen "Frauenfilms", mit schrillen Farben, schrillen Bildern, schrillen Charakteren. Die Kritiker hatten den Kopf voll mit Steven Soderberghs "Sex, Lies, and Videotape" und flohen scharenweise aus dem Kino. Die Regisseurin weinte.

Im Jahr darauf verfilmte Jane Campion die Autobiographie der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame: "An Angel at my Table". Wenn man diesen Film heute wiedersieht, fällt einem die wunderbare Fähigkeit der Regisseurin, inneres in äußeres Geschehen zu verwandeln, noch stärker auf als beim ersten Mal. Das Haus, das Buch, das Gras, das Meer, die Stelle im Wald: Innenwelten. Und dazu die Gesichter: Das pummelige Kind, die Schülerin, die Studentin, die junge Autorin Janet werden von vier verschiedenen Schauspielerinnen dargestellt, aber man spürt nicht den kleinsten Riß zwischen den Episoden, sie verschmelzen wahrhaftig zu einem Leben.

Und immer wieder das Meer: Janets Lieblingsschwester und ihre Mutter ertrinken darin, übers Meer fährt die Stipendiatin Janet nach Europa, und auch ihre erste bittere Liebe erlebt sie am Meer.

Bis ans Ende der Welt – Seite 8

"Das Piano": ein Meeresfilm. Sein Rauschen, seine Farben, seine Nähe sind immer gegenwärtig, und auch die Schicksale der Figuren laufen nicht eisern geradeaus, sondern vor und zurück wie Ebbe und Flut.

Und über allem dieser Blick durch die Kamera, durch die Kostüme ins Innere der Figuren. Selbst wenn die Geschichte ihre Helden in die äußerste Erniedrigung, in Gewalt und Entblößung treibt, verrät dieser Blick sie nie. Er gibt ihnen eine Form, ohne sie zu verbiegen. Als Harvey Keitel sich in Abel Ferraras "Bad Lieutenant" nackt auszog, schien ihn die Last seines Körpers zu Boden zu drücken. Bei Jane Campion wirkt er beinahe verspielt, schwerelos, als ginge er auf Zehenspitzen, und es ist doch derselbe Mann.

*

Es gibt ein Gesicht in diesem Film, das dem Blick der Regisseurin trotzt: das Gesicht von Holly Hunter. Es kann sich schneller verwandeln, als die Kamera schaut, und selbst beim zweiten Sehen des Films erkennt man nicht, auf welche Weise diese Verwandlung geschieht. Es kann den Ausdruck eines verstockten Kindes annehmen, die Züge der zärtlichen Mutter, die Hingabe der Geliebten, die Ohnmacht der Gefangenen, die falsche Unschuld der Lügnerin, und der Weg vom einen zum andern ist kürzer als ein Augenblick. Wenn Ada mit ihrer Tochter oder ihrem Ehemann in Zeichensprache spricht, muß Flora nicht erst übersetzen, was sie sagt; man liest es in ihrem Gesicht. Jane Campion hatte sich die Heldin ihres Films größer und kräftiger vorgestellt, etwa so wie die Malerin Frida Kahlo; erst bei den Besetzungsproben entschied sie sich für Holly Hunter. So ist "Das Piano" zu einem stillen Kampf zweier Blicke geworden, einem Duell zwischen der Regisseurin und ihrer Hauptdarstellerin. Und beide haben gewonnen.

Stewart verliert den Kampf. Er versperrt sein Haus und sein Gefühl, er läßt Ada eheliche Treue schwören, aber gerade als er wieder Hoffnung schöpft, bringt ihm das Mädchen Flora eine weiße Klaviertaste, sorgfältig verpackt, mit einer Inschrift: "Geliebter George Du hast mein Herz. Ada McGrath." Da schlägt er sein Beil, Blaubarts Beil, in das Piano. Dann hackt er Adas Zeigefinger ab und schickt ihn an George Baines. Auge um Auge, Zahn um Zahn. "Ich habe deinen Flügel gestutzt." Das ist das Ende, beinah.

Aber irgendwann, mitten in der Nacht, hört Stewart eine Stimme. "Ich habe Worte gehört, Baines, ihre Worte, hier in meinem Kopf. Sie sagte: Laß mich mit ihm weggehen. Laß ihn versuchen, mich zu retten."

Auf dem Schiff, das Ada und George Baines aus Neuseeland wegbringt, ist das Piano nur noch ein Fremdkörper, eine Last. "Soll die See sein Grab sein." Als das Klavier versinkt, stellt Ada ihren Fuß in das Tau, mit dem es festgebunden war. Und so sinkt sie mit ihm in die Tiefe.

Bis ans Ende der Welt – Seite 9

Auf halbem Weg hinab, kurz vor dem Ertrinken, macht sie sich los. Und wieder hört man, wie am Anfang, ihre Stimme. "Was für ein Tod. Was für ein Glück. Was für eine Überraschung! Mein Wille hat das Leben gewählt."

Sie wird wieder sprechen, langsam, zuerst nachts, damit es niemand hört. Und George Baines wird ihr einen silbernen Zeigefinger schmieden, und es wird für immer ein feiner Riß durch ihr Pianospiel gehen, ein winziger metallischer Mißklang, der nicht mehr auszulöschen ist. Und sie wird weiterleben in England, am anderen Ende der Welt. Und sie wird träumen, sie wäre tot, ertrunken auf dem Grund des Ozeans.

"Nachts denke ich an mein Piano in seinem Grab unter dem Meer. Und manchmal an mich selbst, wie ich über ihm dahintreibe. Es ist so still dort unten..."

Kein Frauenfilm. Oder der erste.

*

"Im Kino gewesen. Geweint."