Im Jahre 1961 wurde in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach Heinz Felfe, ein hochangesiedelter Spion des KGB, verhaftet. Da der größte Teil der Arbeit des BND bis 1961 dadurch mit einem Schlag bedeutungslos geworden war, erhielt Felfe (1963) vierzehn Jahre Gefängnis – nur ein Jahr weniger als die Höchststrafe. Er konnte sich aber auf die stillschweigende Unterstützung seiner sowjetischen Freunde verlassen. Sie würden ihn aus dem Gefängnis herausholen. Und wer hätte dies besser zu tun vermocht als Wolfgang Vogel? Es war nicht das erste Mal, daß Vogel auf Verlangen des KGB zum Einsatz kam: Kurz zuvor hatte er bereits versucht, die Freilassung des Bundestagsmitglieds Alfred Frenzel auszuhandeln, der 1960 wegen Tätigkeit für den tschechoslowakischen Nachrichtendienst festgenommen worden war. Allerdings konnte er zunächst nichts erreichen. So wartete man, bis sich 1966 eine erste Hoffnung einstellte: Eine junge Frau aus der Bundesrepublik war in Kasachstan in die Falle des KGB getappt.

Das Opfer war die einunddreißigjährige Journalistin Martina Kischke, die für die Frankfurter Rundschau schrieb. Sie war von einer romantischen Leidenschaft für Osteuropa, die Sowjetunion, die russische Sprache und den Ingenieur Boris Petrenko ergriffen, der in Alma-Ata, der Hauptstadt Kasachstans, lebte. Aber das fatale Ende kam schnell. Im August 1966 flog Frau Kischke mit einem weißen Brautkleid im Gepäck in die Sowjetunion, bereit, ihr Leben im Westen aufzugeben und an der Seite ihres Mannes sowjetische Staatsbürgerin zu werden.

Doch Petrenko enttäuschte sie; anstatt sie zu heiraten, lieferte er sie dem KGB aus, indem er in ihrer Handtasche eine Zigarettenschachtel mit Mikrofilmbildern von streng geheimen Militärunterlagen versteckte, die der KGB bei ihrer Festnahme am 8. August in Petrenkos Dienstwagen entdeckte. Erst zwei Wochen später teilten die Sowjets der Moskauer Botschaft der Bundesrepublik mit, daß Martina Kischke in Alma-Ata festgehalten werde. Dort wurde ihr zuerst „staatsgefährdende Tätigkeit“, später Spionage für den BND angelastet.

Martina Kischke sah genauso aus, wie sie war: verletzlich, zartbesaitet, eine junge Idealistin, die Frieden und Verständigung wünschte. Und jetzt schoben ihr die Vernehmungsbeamten, als sie nach einem Monat Haft in die Moskauer Lubjanka verlegt worden war, sogar noch ein Liebesverhältnis mit General Gehlen unter! In Deutschland ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die Bevölkerung.

Links- wie rechtsgerichtete Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, das gesamte rot-schwarze Spektrum der bundesdeutschen Presse schlossen sich zu Martina Kischkes Verteidigung zusammen, mit solcher Entschiedenheit, daß Botschafter Semjon Zarapkin, ein zynischer Veteran des Kalten Krieges, sich beim Außenministerium offiziell beschwerte. Brüsk wurde ihm die Tür gewiesen.

Die Frankfurter Rundschau hatte unverzüglich Kontakt zu Vogel aufgenommen. Aber nicht einmal jetzt ließ sich die Bundesregierung erweichen, der Freilassung von Heinz Felfe zuzustimmen. Bonn war lediglich bereit, für Martina Kischke und drei weniger bedeutende westliche Spione der ehemaligen Kommunisten Frenzel freizulassen, einen Sudetendeutschen, der auf Vogels Vorschlag die deutsche Staatsbürgerschaft inzwischen abgelegt und die tschechische angenommen hatte.

Vogels Verhandlungen mit dem KGB liefen über Volpert. Einen Tag vor Weihnachten konnte Vogel zum ersten Mal nach Moskau reisen. Und sein Reise hatte Stil! Als er am frühen Morgen zum Flughafen Schönefeld gebracht wurde, begleitete ihn eine Eskorte der Staatssicherheit zu Walter Ulbrichts Privatmaschine. Kaum war er gelandet, näherte sich erneut eine Eskorte, diesmal jedoch vor KGB-Fahrzeugen. Unverzüglich brachte man Vogel zum Dserschinskij-Platz. Von dort aus fuhr er durch jenes eiserne Nebentor in die Lubjanka ein, durch das schon die unzähligen Opfer von Stalins Säuberungsaktionen transportiert worden waren.