Von Joachim Nawrocki

Berlin

Was bewegt einen Mann dazu, drei Jahrzehnte lang Brisantes und Privates, Geheimes und Belangloses an die Staatssicherheit zu berichten, Menschen zu verraten und ins Gefängnis zu bringen? Überzeugung kann es kaum gewesen sein, das gibt der Lebenslauf des Dr. Götz Schlicht nicht her: Politisches Engagement ist kaum erkennbar. Erpreßbarkeit scheidet – von den Anfängen der Agententätigkeit abgesehen – auch aus, denn der Denunziant lebte in Westberlin: Er hätte sich jederzeit dem Verfassungsschutz offenbaren können.

Immerhin findet sich der Mann, der unter dem Decknamen "Dr. Lutter" als Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindberührung (IMB) des Ministeriums für Staatssicherheit eine zweite Identität annahm, anders als die meisten IMs zu Auskünften bereit. Er ist herzkrank und schwerhörig, Fragen muß man ihm ins Ohr brüllen. Er ist nicht feige; nur eloquent. Der Wunsch, sich zu rechtfertigen, wenigstens die übelsten Vorwürfe zu widerlegen, wird erkennbar – aber auch die Gewißheit, daß ihm mit seinen 85 Jahren nicht mehr viel passieren kann: "Das geht mich alles nichts mehr an."

Die Aktenlage ist anders als die Geschichte, die sich Götz Schlicht inzwischen zurechtgelegt hat. In den Stasi-Archiven fanden sich elf Bände über die Tätigkeit des IMB Lutter. Ein ehemaliger Kollege stieß in seiner Opferakte auf zahllose Spitzelberichte, die nur von Schlicht stammen konnten; er hat inzwischen Strafanzeige erstattet. Ein deutsches Schicksal, verwoben und verstrickt mit sechs Jahrzehnten deutscher Geschichte? Wohl nicht. Eher die erbärmliche Geschichte eines ebenso ehrgeizigen wie schwachen Mannes ohne große Skrupel. Kein Einzelfall, aber doch selbst nach Stasi-Maßstäben ein Verrat von ungewöhnlichem Ausmaß und niemals nachlassender Energie. Am 8. November 1989, einen Tag vor der Maueröffnung, lieferte er seine letzten Berichte ab und vereinbarte ein Treffen für den nächsten Februar.

Was ist das für ein Leben, das zu solchem Verrat führt? Götz Schlicht, Jahrgang 1908, studierte in Berlin Rechtswissenschaft, war von 1930 bis 1933 Referendar am Kammergericht, mußte dann aber wegen nichtarischer Abstammung den Justizdienst verlassen und in einem Verlag arbeiten. Nachdem er sich "arisieren" lassen hatte, wurde er 1940 zum Polizeidienst eingezogen. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wurde er 1946 Richter am Landgericht Potsdam, dann Regierungsrat im Justizministerium des Landes Brandenburg und Lehrer an der Richterschule, wo er "Volksrichter" ausbildete. Dort lernte er Walther Rosenthal kennen, mit dem er später in Westberlin zusammenarbeiten sollte.

Kollege Rosenthal flüchtete bald nach Westberlin und arbeitete dort für den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen (UFJ) – einer von den Amerikanern und der Bundesregierung unterstützten Organisation, die Rechtsverletzungen in der sowjetischen Zone und späteren DDR anprangerte. So kam auch Schlicht in Kontakt mit dem UFJ. Er übermittelte Informationen, er erhielt Druckschriften und Flugblätter, die er weitergab und in Potsdamer Briefkästen steckte. "Hetze gegen unsere Ordnung" nannte das die DDR-Justiz, als sie Schlicht festnahm und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilte. Heute reklamiert der Jurist politische Motive für seine damaligen Handlungen. Ein Antikommunist sei er nicht gewesen, "aber ich wollte beitragen, den Stalinismus beseitigen zu helfen".