Von Petra Kipphoff

Sie hieß Johanne Hoch und wurde 1889 in Gotha geboren. Als sie 1912 nach Berlin kam, um dort Malerei zu studieren, hieß sie Hanna. Aber Kurt Schwitters, der MERZ-Künstler aus Hannover und zweite Besserwisser in ihrem Leben, allerdings ein liebevoll sanfter, schlug der Dada-Freundin und Kollegin vor, ihren Namen durch ein H am Ende zu vervollständigen: Hannah hieß sie also, umkehrbar wie Kurt Schwitters’ Dichterliebe Anna Blume, von der er preisend schrieb: „Du bist von hinten wie von vorne.“

Als Hannah Hoch sich Anfang der zwanziger Jahre mit Kurt Schwitters befreundete und auf seinen Vorschlag hin auch an der Arbeit seines MERZ-Labyrinths im Haus in Hannover durch die Installation zweier Grotten beteiligte, da hatte sie ihren ersten Besserwisser bereits hinter sich. Es war Raoul Hausmann, der Künstler und Schriftsteller, der Monokel-Träger aus Wien und der Mitbegründer von Dada-Berlin, den sie 1915 kennengelernt hatte und der, wie sie später schrieb, ihren Horizont „recht gewaltsam, aber beträchtlich erweitert“ hatte. Hausmann war frisch chloroformiert von Freud, Weininger & Co. und wollte Hannah einreden, daß sie einen Vaterkomplex habe und zur Hingabe unfähig sei, eine Formel aus dem Wörterbuch des Herrenmenschen mit gebremstem Schaum. Daß er sie gleichzeitig als seine Erlöserin pries und auch zwangsemanzipieren wollte, aber nach seinem Muster und innerhalb seiner „Theokratie der menschlichen Dreieinigkeit Mann – Weib – Kind“, gehört zu den Kuriosa dieser am Ende doch eher traurigen Geschichte, die Hannah Höchs Leben geprägt hat.

Und auch ihren Ruhm und ihr Nachleben. Denn die Kunstfreunde, die spät, aber immerhin die alte Dame in den sechziger und siebziger Jahren wiederentdeckten und in ihrem zwischen Bäumen und Pflanzen versteckten Häuschen in Berlin-Heiligensee aufstöberten, sie suchten und feierten die Collage-Künstlerin und Dada-Muse. Gewiß, das war sie. Aber sie hatte auch, in den ersten Jahren und später dann wieder, sehr viel gezeichnet, aquarelliert, gemalt: Blumen, Pflanzen, Geschöpfe von irgendwo, Abstraktes, Surreales. Daß dieser numerisch umfangreiche und von ihr selber vor allem im Alter als den Dada-Produkten mindestens als ebenbürtig empfundene Teil ihres Œuvres von den Kunstkritikern und -historikern immer an den Rand gerückt wurde und wird, das war die dritte Begegnung der Hannah Hoch mit den Besserwissern. Die Ausstellung, die jetzt im Schloßmuseum Friedenstein in ihrer Heimatstadt Gotha gezeigt wird und zu großen Teilen aus dem Besitz der Erben von Hannah Hoch stammt, ist auch der Versuch einer Korrektur dieses dadalastigen Klischees.

Hannah Hoch kam 1912 an die Kunstgewerbeschule in Berlin, kehrte 1914 wegen des Kriegsausbruchs zu ihrer Familie nach Gotha zurück, nahm aber 1915 ihr Studium in Berlin wieder auf, bei Emil Orlik. Schon auf einem Linolschnitt von 1912, der eine „Straße in Berlin“ in ihre Teile aus Licht und Schatten zerlegt und die Häuser in den Raum hinein staffelt, sieht man, wie sich bei Hannah Hoch ein Bild aus seinen einzelnen Teilen zusammensetzt. Aus dem Jahr 1916 stammen dann eine aus Schablonen montierte Collage und ein abstraktes Bild, abstrakt nicht im Sinne von Kandinskys Vorstellung einer theoretisch begründeten „absoluten“ Malerei, sondern abstrakt als Folge einer zerschnittenen Welt, einer auseinandergebrochenen Realität. Als Raoul Hausmann und Hannah Hoch dann 1918 während eines Ferienaufenthaltes an der Ostsee anfingen, aus zerschnittenen Photos Bilder herzustellen, da stellte Hausmann fest, daß er die Photomontage erfunden habe und Hannah Hoch ergänzte, daß sie schon als Kind Juxbilder zusammengeklebt habe und sie beide die Idee eigentlich einem preußischen Regimentsphotographen abgeschaut hätten, der in komplett montierte Hintergründe jeweils andere, frisch photographierte Köpfe und Figuren steckte. Was für den Berufsphotographen eine Kommodität war und ein Trick, wurde für die Künstler zu einer Ideologie. Sie wollten nicht mehr den Künstler spielen, der die Welt erschafft, sondern betrachteten sich als Ingenieure, die ihre Arbeit aus den Versatzstücken der Welt montierten. Im Jahr 1918 hat Hausmann zusammen mit Richard Huelsenbeck, Franz Jung, Johannes Baader, John Heartfield und George Grosz den Berliner Club Dada gegründet. In diesem, wie der große Dada-Kenner Eberhard Roters einmal schrieb, „aggressionsbeladenen Männerbund“ durfte Hannah Hoch natürlich zunächst nicht aktiv mitmachen, war nur als Randfigur und Begleiterscheinung von Hausmann geduldet. Trotzdem war sie im Jahr 1920 bei der „Ersten internationalen Dada-Messe“ mit einigen Photomontagen und zwei ihrer Dada-Puppen vertreten – und zeigte gleichzeitig in der „Großen Berliner Kunstausstellung“ einige abstrakte Bilder.

Ein erstaunlicher Doppelauftritt und der Anfang eines Werkes, das sich in alle nur möglichen oder auch unmöglichen Richtungen bewegte. Diesen, wenn man so will, Zickzackkurs, den Hannah Hoch ein Leben lang beibehalten hat, kann man in der Ausstellung in Gotha besonders gut verfolgen. Sie hat das eine gemacht und das andere, geklebt und gemalt. Und das ist schon ziemlich verwirrend: Auf ein realistisches Kinderportrait folgt eine abstrakte Komposition; ein Blumenstrauß, der auch ein Möbelgeschäft in Brunsbüttel zieren könnte, hängt drei Schritte entfernt von einer messerscharfen Collage; ein expressionistisches Portrait gegenüber einer symbolisch überfrachteten Lebens-Landschaft. Ihre Liebe zur Natur, zu den Pflanzen, dem Garten drinnen und draußen, hätte ihr in England, wo der Ruhm des Gartens von Sissinghurst vor dem der schriftstellernden Besitzerin Vita Sackville-West steht, Bewunderung und Neugierde eingetragen. Nicht so bei uns, wo dieses Thema immer wie eine liebenswerte Marotte erwähnt wird.

Dabei wird gerade in der Ausstellung in Gotha sehr deutlich, daß die Natur in ihrer Doppelerscheinung von Schrecken und Schönheit, daß die Pflanze in ihrem sichtbaren Rhythmus von Entstehen und Vergehen, für Hannah Höch das Grundthema ihrer Arbeit war. Der Mensch zwischen guten und bösen Geistern, zwischen Natur und Maschinen: So beschreibt sie ihre Situation in autobiographisch geprägten Bildern wie „Der Zaun“ (1927/28) und „Geschöpfe“ (1929). Daß die freche Dada-Künstlerin in ihrem späteren Leben Blumensträuße, Katzen und Landschaften malt und ihre Bilder keine harten Schnittstellen mehr haben, die uns amüsieren und weh tun, sondern weiche Übergänge, die uns Einblick geben in eine verletzte und wehrlos gewordene Phantasie: das mögen die Bewunderer ihres Werkes aber nicht so gern wahrhaben, das wird lieber weggeblendet.

Wobei auch eines meist übersehen wird: Daß sich Hannah Höch als Künstlerin durchaus nicht retrograd entwickelt hat, sondern das einmal gefundene Prinzip Montage auch in der Malerei und der Gouache angewendet hat. Daß der leichte, freischwebende Witz der frühen Jahre beim Weg vom kleinen Klebebild zum Ölbild und über der Erfahrung zweier Kriege auf der Strecke der metaphysischen Überhöhung geblieben ist, das ist wohl wahr – und läßt sich ähnlich auch gelegentlich bei Max Ernst feststellen. „Ich habe alles gemacht und mich um Handschrift und Merkmal nie gekümmert“, hat Hannah Höch später gesagt. Sie benutzte alle Stile und konnte deshalb wohl keinen Stil haben. Ähnlich wie die etwas jüngere Meret Oppenheim, der Nachwelt meist nur als Muse der Surrealisten und als Künstlerin des einen Werks „Die Pelztasse“ bekannt, gehörte Hannah Höch noch zu der Generation von Künstlerinnen, die zwar gern gesehen, aber mit ihrer Kunst gerade von ihren männlichen Kollegen nicht ernst genommen wurden. Kein Wunder: Dann hätten die Herren Besserwisser sich nämlich fürchten müssen. (Schloßmuseum Friedenstein bis zum 7. November; Katalog 28,– DM)