Von Samuel P. Huntington

Die Weltpolitik tritt ein in eine neue Phase, und die Intellektuellen haben bereits ihre Visionen über das verbreitet, was auf uns zukommt. Unter anderem sehen sie das Ende der Geschichte voraus, die Wiederkehr traditioneller Rivalitäten zwischen den Nationalstaaten oder den Verfall des Nationalstaats, der von den widerstreitenden Kräften des Tribalismus und der Globalität zerrieben wird. Jede dieser Visionen umfaßt Facetten der langsam heraufdämmernden Realität. Und doch entgeht allen ein entscheidender, ja der wichtigste Aspekt der Weltpolitik in den kommenden Jahren.

Meine These ist, daß die grundlegende Ursache von Konflikten in dieser neuen Welt in erster Linie nicht ideologischer oder wirtschaftlicher Natur sein wird. Der wichtigste Grund für Konflikte wird kulturell bestimmt sein. Nationalstaaten werden zwar die mächtigsten Akteure auf dem Globus bleiben, die grundsätzlichen Auseinandersetzungen der Weltpolitik aber werden zwischen Nationen und Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen auftreten. Der Zusammenprall der Zivilisationen, der Kulturen (civilizations), wird die Weltpolitik beherrschen. Verwerfungen zwischen den Kulturkreisen werden den Frontverlauf der Zukunft bestimmen.

Die neuen Frontlinien

Während des Kalten Krieges war die Welt aufgeteilt in die Erste, die Zweite und die Dritte Welt. Diese Aufteilung zählt nicht mehr. Heutzutage ist es weitaus sinnvoller, Staaten nicht nach ihrer politischen oder ökonomischen Struktur oder ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsstufe zu klassifizieren, sondern sie aufgrund ihrer kulturellen und zivilisatorischen Stellung einzuordnen.

Was meinen wir, wenn wir von Zivilisation, von Kulturen, sprechen? Eine Zivilisation ist eine kulturelle Einheit. Dörfer, Regionen, ethnische Gruppen, Nationalitäten, Religionen – sie alle besitzen ausgeprägte Eigenarten auf verschiedenen Ebenen der kulturellen Vielfalt. Der kulturelle Standard eines Dorfes in Süditalien mag sich von dem eines norditalienischen Dorfes unterscheiden; aber beide besitzen eine gemeinsame italienische Kultur, die sie von deutschen Dörfern unterscheidet. Europäische Gemeinden wiederum haben gemeinsame kulturelle Eigenarten, die sie von arabischen oder chinesischen Gemeinschaften unterscheiden. Menschen aus den arabischen, chinesischen oder westlichen Kulturen hingegen sind nicht Teil irgendeiner größeren kulturellen Einheit. Sie stehen jeweils für eigene Zivilisationen, eigene Kulturen. Eine Kultur beschreibt somit den am weitesten gefaßten Rahmen der Identität von Menschen – abgesehen von jenen Besonderheiten, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheiden. Die Kultur definiert sich sowohl durch gemeinsame objektive Elemente – wie Sprache, Geschichte, Religion, Gebräuche, Institutionen – wie durch das subjektive Selbstverständnis der Menschen, die in ihr leben.

Eine Kultur kann mehrere Nationalstaaten vereinen, wie es in den westlichen, den lateinamerikanischen und den arabischen Kulturen der Fall ist, oder auch nur eine, wie die japanische. Kulturen mischen sich, überlagern sich, umfassen untergeordnete Kulturen. So kennt die westliche Kultur zwei Hauptvarianten: Europa und Nordamerika; der Islam wiederum hat seine arabische, seine türkische und seine malayische Variante. Kulturen sind voller Dynamik; sie steigen auf und gehen unter; sie teilen sich und verschmelzen.