Es ist soweit. Am 27. Mai erfuhren sämtliche Redakteurinnen und Redakteure der Bühne, einer davon seit 23 Jahren erfolgreich im Haus, von ihrer Kündigung. Wohlgemerkt ohne die geringste Vorwarnung und ohne die Minimal-Höflichkeit eines persönlichen Gesprächs. Offizielle Begründung: Man sehe sich wirtschaftlich außerstande, die leserfeindliche Bühne weiter zu finanzieren. ... Wahre Ursache für die panischen ... Vorgänge: Die hohen Herrschaften wollen ein small-talk-dienliches Service-Blättchen für Premierentiger...

André Heller, Herausgeber der österreichischen Kulturzeitschrift „Die Bühne“, in seinem letzten Editorial, das im eigenen Blatt schon nicht mehr erscheinen durfte und jetzt in der Zeitschrift-„News“ (29/93) gedruckt ist.

Gaaanz anders?

Die Freie Demokratische Partei Deutschlands, kurz FDP genannt, ist gleich dreierlei: frei, demokratisch und vor allem Partei – für Makler, Steuerberater und Surfbrettunternehmer nämlich. Frei und demokratisch, wie sie einmal ist, blickt diese Partei auf eine ruhmreiche Tradition zurück, die mit Theodor Heuß und dem Ermächtigungsgesetz beginnt und mit Wolfgang Kubicki und seinem radikalliberalen Abstauben auf Mülldeponien noch lange nicht zu Ende geht. O nein. In der nicht weniger Freien und Hansestadt Hamburg setzt die FDP diese ruhmreiche Tradition auf ihre Weise fort: Geradezu aufopferungsvoll sorgt sie sich um den Haus- und Grundstücksbesitzerverein und dessen notleidenden Angehörigen, damit wir auch morgen noch Mieten zahlen müssen, die wir uns schon heute nicht leisten können. Jetzt droht dieser ehrwürdigen liberalen Partei Gefahr aus den eigenen Reihen: Junges, noch kaum andemokratisiertes, liberales Gemüse hat es doch gewagt, für die kommende Bürgerschaftswahl mit dem Slogan „Wir können auch anders“ für sich zu werben. Wie anders? Ganz anders? Oder doch nur so anders, wie die prinzipienfesten Liberalen es seit je waren? Dummerweise war der Spruch auch noch echt freidemokratisch geklaut, von Detlev Buck und dessen Film über drei Desperados, die den Wilden Osten ordentlich aufmischen. So anders? Will die FDP in Hamburg Courtage oder Mietzins in Zukunft mit durchgeladenem Gewehr eintreiben? Detlev Buck hat der FDP inzwischen jeden Hinweis auf seinen Film untersagen lassen. So werden wir wohl nie erfahren, wie anders, wie frei und demokratisch es die FDP diesmal meint.

Zombie-Farb-Kopie

Nicht vorenthalten wollen wir unseren geneigten Lesern die Erzählung von dem schönsten Stahlskelett, das wir in der vergangenen Woche in unserer Post gefunden haben, leider bloß als Laser-Farb-Kopie. Es ist irgendwie orange, um sich besser von dem blauen Kreis abzuheben, durch das ganz deutlich im Hintergrund das Raumschiff Enterprise schwebt. Die Zeit: ferne Zukunft. Im Vordergrund orangene Drahtfiguren, die später Menschen sein und Rock-Klassiker der fünfziger und sechziger Jahre singen werden. Während hinten im Blauen mit einem Durchmesser von sechs Metern „Mr. Tagesthemen Hajo Friedrichs“ erscheinen und als Erzähler durchs Stück führen wird, das auf Shakespeares „Sturm“ und dem amerikanischen Science-fiction-B-Movie „Forbidden Planet“ (deutsch: „Alarm im Weltall“) basiert. Zur Erklärung: Die Stahlskelett-Laser-Kopie ist Teil der Vorankündigung für das neue Berliner Musical „Shakespeare & Rock ’n’ Roll“, das in der aufgelassenen Freien Volksbühne an der Schaperstraße abgehalten werden wird, sozusagen im blankgefressenen Skelett des hingemordeten Stadttheaters... Gerade erreicht uns auch noch die Ankündigung für das Musical „Schiller & Acid House“ mit den Rock-Klassikern der Neunziger, basierend auf den „Räubern“ und den Horror-B-Movies „Angriff der ekelhaften, halbverwesten, aus dem Mund stinkenden Killer-Zombies“ und „Rückkehr der ekelhaften, halbverwesten, aus dem Mund stinkenden Killer-Zombies“. Durch das Programm führt „Mr. heute Volker Jelaffke“. Alarm im Bühnen-All! Die Zeit: nahe Gegenwart. Demnächst in Ihrem hingemordeten Stadttheater.

Wo Europa schon klingt

Wird es doch noch etwas mit dem vereinten Europa? Ausgerechnet an den Rändern scheint Europa schneller zusammenzuwachsen: Vom 20. bis zum 29. August findet, schon zum siebten Mal, das „Dollart-Festival“ statt – als Musik-Ereignis ganz eigener Art. Hier oben, im deutsch-niederländischen Norden zwischen Groningen und Ostfriesland, findet man mit mehr als 250 denkmalswerten Instrumenten die bedeutendste Orgellandschaft der Welt. Grenzen hin, Zollämter her: Schon 1977 haben sich achtzig Gemeinden und Landkreise zum grenzüberschreitenden Kooperationsverbund zusammengeschlossen. Eine der ärmsten Regionen macht vor, wie Europa, ganz ohne Maastrichterei, klingen könnte. An 32 Orten im Grenzgebiet wird alte und neue Musik gespielt, von Künstlern aus aller Welt. Im Zentrum: die Orgel. (Dollart-Festival, Postfach 1580, 26 585 Aurich)