Der Freiburger Mediziner Joachim Bauer ist zwei Phänomenen auf die Spur gekommen, die möglicherweise zu einem besseren Verständnis der Alzheimer-Demenz, einer der am meisten gefürchteten Gehirnkrankheiten, beitragen werden. Das eine Phänomen legt die Vermutung nahe, daß ein selbstbestimmtes Leben der Krankheit vorbeugen könnte. Das andere Phänomen betrifft Immunbotenstoffe, die sich an den geschädigten Stellen im Gehirn finden. Diese Beobachtungen stellen die bisherigen Versuche, die Entstehung der Krankheit mit Klümpchen im Gehirn, den Amyloid-Plaques, zu erklären, in Frage.

Joachim Bauer ist Oberarzt der Allgemeinen Psychiatrie im Freiburger Universitätsklinikum. In mehrstündigen Gesprächen mit Angehörigen ist ihm ein einheitliches Muster in den Lebensumständen von Alzheimer-Patienten aufgefallen: Die Kranken hatten schon lange vor Einsetzen des Leidens das Steuer ihres Lebens in die Hände anderer gelegt und sich einer „fürsorglichen Bevormundung“ ausgesetzt. Bei jedem von ihnen ist es dann ein bis fünf Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit zu Konflikten mit eben jenen Bezugspersonen oder zur Trennung von ihnen gekommen.

Aus diesen Biographien und aus der Untersuchung von Hirngeweben leitet Bauer seine Vermutungen darüber ab, wie es zu der Alzheimer-Demenz kommen kann, an der alleine in Deutschland etwa 600 000 Menschen leiden. Bauer, der auch Biochemiker ist, verhehlt nicht, daß seine Schlußfolgerungen gewagt sind: Er hat nur Angehörige von achtzehn Patienten befragen können, eine zu geringe Anzahl, und seine Befragungen mußten überdies retrospektiv erfolgen, in der Rückschau. Da die Lebensumstände der achtzehn Patienten jedoch in keinem Fall aus dem Muster ausscheren, sind die Schlußfolgerungen durchaus ernst zu nehmen.

Zum Phänomen Nummer eins: Menschen, die bevormundet werden, vernachlässigen ihre geistigen Fähigkeiten; Nervenverbindungen, die sogenannten Synapsen, werden nicht trainiert und verkümmern; neue Verbindungen bilden sich nicht aus; das Gehirn verliert an Plastizität und wird für die mit Alzheimer einhergehenden Defekte besonders anfällig. Auf unsicheres Terrain, wie er selbst sagt, wagt sich Joachim Bauer mit seiner These, daß ein selbstbestimmtes Leben, ein Leben, das Aufmerksamkeit, Kombinationsgabe und Entscheidungsfähigkeit verlangt, die benötigten Nervenverbindungen „geschmeidig“ und funktionsfähig halten und so der Demenz entgegenwirken würde.

Zum Phänomen Nummer zwei: Daß psychische Belastungen das Immunsystem aus dem Lot bringen können, wurde mittlerweile in mehreren Studien nachgewiesen, beispielsweise durch Untersuchungen des Forscherehepaars Ronald und Janice Glaser von der State University in Ohio; danach können schwierige Examina oder quälende eheliche Auseinandersetzungen die Immunabwehr ebenso schwächen wie sportliche Höchstleistungen oder der seelische Streß, den Probleme mit einer Bezugsperson auslösen. Die Konzentration der Immunbotenstoffe, die Bauer und sein Kollege Benedikt Volk fanden, wird dadurch aktiviert und steigt kräftig an. Als Folge dieser Immunreaktion kommt es zum Ausfall komplexer Geistesfunktionen: Gehirnareale, mit deren Hilfe wir kombinieren, abstrahieren, planen und uns erinnern, funktionieren nicht mehr.

Die Freiburger Beobachtungen, so spekulativ sie teilweise sein mögen, könnten helfen, neue Ansätze in der Alzheimer-Forschung zu finden. Und die sind dringend nötig, denn die Bilanz der Alzheimer-Forscher weist bislang nicht viele Erfolge auf; alle monokausalen Erklärungsversuche sind gescheitert:

  • Aluminium war als Ursache im Gespräch, als es in Schnitten von Gehirngewebe gefunden wurde. Bei näherem Hinsehen stellte sich jedoch heraus, daß das Aluminium nicht aus den Gehirnen selbst, sondern aus dem Mittel stammte, mit dem die Gewebeschnitte fixiert worden waren.
  • Die Behauptung, es sei ein Tiermodell für Alzheimer in einem bestimmten Mäusestamm gefunden worden, war nicht haltbar.
  • In der Erbsubstanz von Patienten lassen sich Gene nachweisen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden. Sie kommen als alleinige Ursache der Krankheit jedoch nicht in Betracht, da nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Patienten an der vererbbaren „Familiären Alzheimer-Demenz“ leidet.