Von Christian Broecking

Als Jay Oliver im Dezember 1973 zum ersten Mal nach Berlin kam, da rieten ihm seine brothers gleich bei der Ankunft, die Kneipen mit den weißen Gardinen zu meiden. Und er hielt sich daran, schwarz wie er war. Der Bassist und Komponist, der Musik und Politologie studiert hatte, lebte später in der Schweiz, in Schweden und immer wieder mal in New York, in Amsterdam und Paris. Er kannte die Welt.

Im Jahre 1983 zog er für immer nach West-Berlin. „Weil es meine Stadt war“, sagte er. Es blieb seine Stadt, als West-Berlin wieder zu Berlin wurde; auch wenn er sich mehr und mehr als Fremder fühlte. Wollte man etwas über seine Musik erfahren, dann philosophierte er über die Farbe der Klänge.

Jay Oliver sprach Deutsch, er ärgerte sich über die Kassiererin des um die Ecke gelegenen Supermarktes, wenn sie das Wechselgeld in die Plastikschale legte, statt es ihm in die Hand zu drücken.

Sein Bett stand in Kreuzberg, in einer Wohngemeinschaft, in einem eigenen Zimmer, auf das er stolz war. In New York hatte er sich mit seinem Musikerfreund Frank Lowe einst einen Raum geteilt und ein Bett. Nachts arbeitete Oliver als Radioansager, Lowe fuhr tagsüber Taxi.

In New York war er zeitweise auch Tellerwäscher in einem Restaurant, wo mittags bis zu 2000 Menschen abgespeist wurden. Am Nachmittag ging er zur Konzertprobe, und es schien ihm ganz normal, daß die Musiker nach Fisch oder Schmieröl rochen. Mit dem Sopransaxophonisten Steve Lacy nahm er seine Komposition In the dishroom auf.

In Berlin arbeitete Oliver als Barkeeper in einem kleinen sudanesischen Restaurant, montags und dienstags immer. Davon zahlte er die Miete, und dort traf er Menschen, die ihn nicht als Musiker kannten. Das helfe ihm, auf dem Boden zu bleiben, sagte er. Jay Oliver war stolz auf seine Arbeit.

Fast acht Jahre lang spielte er in Alexander von Schlippenbachs Gruppe, leitete eigene Bands und tourte mit Keith Tippett, Peter Brötzmann oder Rüdiger Carl. Die Musiker mochten ihn. Dem großen Publikum blieb er ein Unbekannter.

Vor einem Jahr wurde es ruhig um ihn. Jazzmusiker haben keinen Manager, sondern ein Telephon wenn man zuviel streitet, um die Komposition, den Respekt oder für eine angemessene Bezahlung, dann kann es geschehen, daß irgendwann niemand mehr anruft.

Vor wenigen Wochen erfuhr er, daß der New Yorker Jazzstar Max Roach an seinen Kompositionen interessiert sei. Oliver glaubte an seine Chance – nach all den Jahren – und schrieb seine letzte Komposition: Pinball Machine.

„Meine Ärzte hassen mich“, sagte er, der an Herz und Lunge schon länger krank war. Er trank, rauchte und stritt. „Ich bin nicht daran interessiert, gesund zu sterben, wenn man alles dafür aufgeben muß, was lebenswert ist.“

Am Sonnabend spielte er noch mit einem Istanbuler Perkussionisten, einem Saxophonisten aus Los Angeles und einem New Yorker Schlagzeuger zusammen im ausverkauften Hinterraum einer Kreuzberger Musikkneipe. Siebzehn Zuhörer. Am Montag servierte er Cappuccino und Bier bis drei Uhr früh, wie gewohnt. Dann legte er sich schlafen.

Und dann starb er.

Am Morgen bemerkte es ein Freund, der vergeblich versuchte, ihn zu wecken. Es war der 3. August. Sechs Tage später wäre der Berliner aus Kansas City einundfünfzig geworden.

Von ihm blieben der Baß, ein Stapel Kompositionen, Kassetten mit Mitschnitten seiner Konzerte und an der Zimmerwand ein gerahmtes Poster von der gemeinsamen Tournee mit seinem Freund Charles Tyler, dem Saxophonisten, der vergangenes Jahr gestorben war.

Jay Oliver besaß hundert Mark, die steckten in seiner Brieftasche. Ein Bankkonto hatte er nicht, keine Versicherungen. Hundert Mark ist die Konzertgage für einen Jazzmusiker in Berlin. Das hatte Jay Oliver immer wieder als unwürdig bezeichnet.

Die Schwester, zwei Exfrauen und vier Kinder sind aus der Schweiz, Kalifornien und Süddeutschland nach Berlin gekommen, beerdigt wird er auf dem Friedhof in der Kreuzberger Bergmannstraße.

Die amerikanische Botschaft sagt, sie könne die Bestattungskosten nicht tragen; zwei türkische Freunde Olivers, Besitzer eines Jazzcafés in Kreuzberg, versuchen, die 9000 Mark zusammenzusammeln. Spenden Berliner Jazzclubbesitzer sowie Einnahmen aus zwei kleinen Gedenkkonzerten summieren sich auf tausend Mark, beim Kultursenat ist die Übernahme der Bestattungskosten beantragt.

Am 30. September werden im Berliner Haus der Kulturen der Welt Musiker zu Ehren von Jay Oliver spielen. Ein Benefizkonzert.