Völlig vergessen zu werden war eine Erfahrung, die Hans Lebert in seinem Leben gleich mehrfach zu machen hatte. Vielleicht hat er deswegen den verspäteten Ruhm, der ihn im Alter von über siebzig Jahren eieilte, auch mit solch trotzigem Gleichmut ertragen.

Die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs überstand der Neffe Alban Bergs und gefeierte Wagner-Sänger, gegen den wegen Zersetzung der Wehrkraft ermittelt wurde, unerkannt in den steirischen Bergen. 1950 demissionierte er als Sänger ein zweites Mal und zog sich für ein ganzes Jahrzehnt in die Einsamkeit seiner Mietwohnung in Baden bei Wien zurück, um „Die Wolfshaut“ zu schreiben, den düstersten Provinzronan der österreichischen Literatur: Politisch präziser als Thomas Bernhards Litareien und in seiner Verzweiflung weniger selbstverliebt als jene, führt „Die Wolfshaut“ in ein abgründiges Österreich, in dem über den Gräbern von gestern längst wieder Wohlstand und Wiederaufbau, Heimatverein und Fremdenverkehr blühen.

Der Erfolg des politisch gleichermaßen radikalen wie sprachlich kühnen Romans war außerordentlich; von Heimito von Doderer, dem konservativen Anarchisten, zu Ernst Fischer, dem häretischen Marxisten, rühmten die Kritiker „Die Wolfshaut“ als grandiose Parabel von Schuld und Sühne, als phantastische Studie über das Fortwirken des Faschismus im zwangsdemokratisch gewendeten Österreich: „Was mich betrifft: ich habe mich abgefunden, daß ich unter Mördern lebe“, heißt es in dem unheimlichen Heimatroman, der in einem kleinen Dorf namens „Schweigen“ angesiedelt ist und vom großen Schweigen, dieser Schutzburg der Täter, handelt.

Doch Hans Lebert, auf einen Schlag berühmt geworden, zog sich neuerlich für ein ganzes Jahrzehnt zurück; erst 1971 veröffentlichte er seinen zweiten Roman, „Der Feuerkreis“, einen mutigen wie gefährlichen Versuch, den faschistischen Mythos gewissermaßen von innen her aufzusprengen. Die Lebert vordem als zuverlässigen Antifaschisten und großen Romancier gelobt hatten, schreckten jetzt vor der Kühnheit zurück, mit der er den Mythos selbst wider den falschen Mythos, Richard Wagner als Waffe gegen dessen nationalsozialistische Adepten, einzusetzen versuchte. „Der Feuerkreis“, ein fragwürdiges und bedenkenswertes Experiment zugleich, wurde von den auf Entmythologisierung versessenen Kathederrevolutionären jener Jahre gründlich mißverstanden und abgeurteilt. Hans Lebert verstummte.

Von einer Handvoll weitverstreut publizierter Erzählungen abgesehen, veröffentlichte er über zwanzig Jahre lang nichts mehr; ein grimmiger Patriot und radikaler Sprachkünstler, war er aus der literarischen Öffentlichkeit Österreichs so spurenlos verschwunden, daß er für tot galt.

Die Neuauflage der „Wolfshaut“ brachte ihm 1991 mit der Bewunderung etlicher nachgeborener Autoren und Autorinnen wie Elfriede Jelinek auch drei große Literaturpreise ein. Als ihm 1992 der von der Hamburger Stiftung F.V.S. verliehene und mit Geldern des Hamburger Mäzens Töpfer dotierte Grillparzer-Preis zuerkannt wurde, nützte Lebert die Gelegenheit, sich mit der „Pikanterie zu beschäftigen, daß ein deutscher Preis just den Namen eines österreichischen Klassikers trägt“. Lebert distanzierte sich in seiner flammend patriotischen Dankesrede nicht nur von der durchaus gebräuchlichen Praxis, die österreichische Literatur einfach der deutschen anzuschließen, sondern leidenschaftlich auch von jenen Autoren, die ihn, den konsequenten Kritiker Österreichs, mittlerweile als ihren Vorfahren reklamierten. Ihnen warf er vor, daß sie Österreich ohne seine verzweifelte Liebe und ohne sein utopisches Gegenbild „beschimpfen und lächerlich machen, um im Ausland dafür Applaus zu ernten. Solche Autoren bereiten eine Kolonisation vor.“

Österreich war Hans Leberts größte Liebe – und sein ewiges Verhängnis. Mit ihm ist kein modisches Geschäft zu betreiben, keine billig kalkulierte Österreich-Beschimpfung zu legitimieren. Er wird wieder vergessen werden. Und er wird bleiben. Die Nachricht von seinem Tod am 20. August erreichte die mäßig erschütterte Nachwelt um Tage verspätet.

Karl-Markus Gauß