Von Oliver Schröm

Die Frage, wie es dazu hatte kommen können, die Frage, wer schuld daran gewesen war, die stellte sich den Außenstehenden sofort. Wie ein Reflex. Ein Sonntagnachmittag, das Fernsehprogramm, die erste Schreckensmeldung, die Bilder der Katastrophe. Der Ruf nach Konsequenzen.

Ramstein – ein Ortsname wurde über Nacht zum Symbol: für die einen ein tragisches Unglück, eine bedauerliche Katastrophe; für die anderen die logische Konsequenz des sich produzierenden Militärs, vor dem immer wieder vergeblich gewarnt wurde.

Die Meinungen zu Ramstein, die über Stunden, Tage, ein, zwei Wochen in allen Winkeln des Landes umgewälzt wurden, die einen Staatsanwalt, zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse und eine trinationale Flugunfalluntersuchungskommission noch über ein Jahr beschäftigten – sie sind verblaßt. Das Symbol ist zur Chiffre geronnen. Ramstein klingt wie so fern wie Bhopal oder Tschernobyl.

Für die Außenstehenden.

Dieser Sonntag begann für uns – meine fünfjährige Tochter Nadine, meine Frau Carmen und mich – wie viele Sonntage. Wir machten uns frühmorgens auf, um irgendwo irgend etwas zu erleben. An diesem Sonntag war es der Flugtag in Ramstein. Volksfeststimmung, amerikanisches Eis, Hamburger, Pommes und als besondere Attraktion die Flugzeuge. Damals war es noch ein Erlebnis, diese großen, stählernen Dinger so nahe zu sehen. Für mich als Durchschnittsmensch stellte sich zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht die Frage, welches Unheil solche Maschinen überhaupt anrichten können. Kurz vor Ende der Vorstellung, also zu dem Zeitpunkt, wo die italienische Flugstaffel angesagt wurde, beschlossen wir schon, unser Auto aufzusuchen, um später nicht zu sehr in einen Stau zu kommen.

Roland und Carmen Fuchs nahmen ihre Tochter Nadine in die Mitte, damit sie in dem Gewühl von 300 000 Menschen nicht verlorengehe. Über den Platzlautsprecher wurde die spektakulärste Flugfigur der italienischen Militärflieger angekündigt: „Das durchstoßene Herz.“ Da sah sich Roland Fuchs noch einmal um...