Eigentlich wollte ihn niemand haben. Die Deutsche Lufthansa weigerte sich, Salman Rushdie zu transportieren: Sie wolle nicht zum „Umfeld“ des Herrn Rushdie gezählt werden. Rudolf Scharping ließ ausrichten, er sei für Salman Rushdie nicht zu sprechen. Die ARD ließ verlauten, daß sie dem Treffen zwischen Salman Rushdie und Aziz Nesin „keinen Nachrichtenwert“ beimesse.

Den Streit zwischen Rushdie und Nesin nach dem Massaker in Sivas hingegen, bei dem 36 Menschen in einem Hotel verbrannten, verfolgte man seinerzeit gespannt. Rushdie warf dem Journalisten und Satiriker Aziz Nesin damals im Observer vor, das Massaker durch die unautorisierte und bruchstückhafte Publikation der „Satanischen Verse“ in der türkischen Zeitung Aydinlik provoziert zu haben. Statt sich gegen die fundamentalistischen Gewalttäter zu verbünden, schienen sich deren Opfer zu zerfleischen. Dieser unnötige Streit ist nun ausgeräumt.

Aziz Nesin, dessen Ermordung einem türkischen Geschäftsmann 250 000 Dollar wert ist, und Salman Rushdie, auf dessen Leben der deutsche Handelspartner Iran noch immer zwei Millionen Dollar ausgesetzt hat, trafen sich bei Bonn am Rhein. Günter Wallraff hatte die Reise organisiert und bezahlt, hatte ein kleines Flugzeug gemietet und war mit den beiden bei sonnigem Wetter, begleitet von Ehefrau Barbara und den Freunden Osman Okkan und Arne Ruth, in einem kleinen Ausflugsdampfer über den Rhein geschippert. Warum?

Wallraff ist entsetzt über den Westen, der den Fundamentalisten aus wirtschaftlichen Rücksichten und falsch verstandener Toleranz nicht entgegentritt. Der Streit zwischen Nesin und Rushdie nutzte niemandem, nur den Fanatikern. Strahlend,und wie ein verschämter Heiratskuppler taucht Wallraff in dem zweistündigen Amateurfilm, den er von dem Treffen drehen ließ, hinter den versöhnten Todeskandidaten auf. Letztlich waren die Mißverständnisse zwischen Rushdie und Nesin kleinlicher Natur. Rushdie glaubte, Nesin habe die „Satanischen Verse“ selber übersetzt und auch die Präsentation der Auszüge aus dem Buch unter dem Titel „Salman Rushdie – Denker oder Scharlatan?“ zu verantworten. Nichts davon ist wahr. Rushdie wiederum wußte nichts von der rigiden Verhandlungstaktik, dem anmaßenden Briefstil seines Agenten Aitken & Stone, eines, so Wallraff, „branchenbekannten Kotzbrockens“. Nun ist alles, alles wieder gut. Man darf sich freuen. Selbst die Isolation der verfolgten Protagonisten, die an dem kleinen Drama schuld war, ist durch die Reise nach Deutschland, Picknick und Bootsfahrt inklusive, für einen Augenblick vergessen. Es wäre Hochmut, das für eine Kleinigkeit zu halten.

Der Wallraff-Film dokumentiert die langsame Annäherung. Landung, diplomatischer Händedruck, Essen am Rhein bei Kerzenschein. Ein höflicher Salman Rushdie, der zwischen gelben Rosen und roter Grütze in schönstem Britisch Tischgespräche über Shakespeares Narren und die abnehmenden Lebenschancen für humoristische Schriftsteller führt. Ein verschlossener, wortkarger Aziz Nesin, der den Westen beschuldigt, ihn mit den Fundamentalisten in der Türkei allein zu lassen. Ein freundschaftlicher Disput: Rushdie glaubt, die Dritte Welt müsse den Fundamentalismus alleine bekämpfen, die Indifferenz des Westens sei nicht durch Appelle zu beseitigen. Das jüngste Beispiel, die Weigerung der Lufthansa, ihn nach Deutschland zu fliegen, zeige, wer wie ein Terrorist behandelt wird: nicht der Iran, sondern der verfolgte Dichter.

Am Ende haben sich alle geküßt im grünen Garten von Günter Wallraff, vor dessen Pforte die rheinlandpfälzischen Sicherheitsbeamten vorbildlich mit rotem Himbeersaft und zerschlissener Freizeitkleidung Obdachlose gemimt hatten. Dann ist Rushdie im Hubschrauber zu unbekannten neuen Verstecken aufgebrochen, in die Isolation zurückgekehrt, in der kleine Mißverständnisse so leicht wie Elefanten aussehen. ira