Von Daniel Vernet

In jenem modernen Gebäude des Pariser Institut Pasteur, in dem die Biotechnologien untergebracht sind, erwartet man auf der Etage für Neurowissenschaft gewiß eher Experimentierapparate als klassische Malerei. Und doch hängt dort ein französisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert: Johannes der Täufer predigt in der Wüste. "Das soll auch Wissenschaftlern schon widerfahren sein. Aber das Bild hängt nicht deshalb hier", bemerkt Professor Jean-Pierre Changeux. Er ist Direktor des Labors für molekulare Neurobiologie und zugleich Vorsitzender des Comité consultatif national d’éthique für Human- und Gesundheitswissenschaften, jener Institution, die zu den großen Fragen der medizinischen Ethik Stellung nimmt.

Jean-Pierre Changeux ist Hirnspezialist. Er gilt als nobelpreisverdächtig. 1970 identifizierte und isolierte er als erster einen wichtigen Rezeptor (Empfangsteil) für Azetylcholin, das als chemischer Botenstoff an der Informationsübermittlung im Nervensystem beteiligt ist. In seinem schwierigen, aber brillanten Buch "Der neuronale Mensch" stellt Changeux seine Auffassung vom Funktionieren des Gehirns vor: In "astronomischer Komplexität" (das darf man ruhig wörtlich nehmen) werden mehrere Milliarden Neuronen vernetzt in verschiedenen Kombinationen, Gruppierungen oder Verbindungen, ähnlich Drähten, in denen elektrische oder chemische Impulse kreisen.

Jedes Verhalten wird durch kurzfristiges Mobilisieren ganzer Gruppen von topologisch definierten Nervenzellen erklärt. Dabei kommt es zu wahren "Versammlungen" solcher Neuronen, die auf dieselben Reize ähnlich antworten und die man auf "Karten" zusammenstellen kann. Doch diese Topologie ist nicht starr: Die Netze sind anpassungsfähig, sie entwickeln sich abhängig von Umwelt oder Geschichte, weshalb das menschliche Hirn "zugleich vernünftig, sozial und historisch" ist. Darum ist es ein Ziel des Neurobiologen herauszufinden, wie die kulturelle Prägung im Gehirn ihre Spur hinterläßt.

Als Staatspräsident François Mitterrand im Frühjahr 1992 Jean-Pierre Changeux zum Vorsitzenden des nationalen Ethikkomitees berief, hatte der 56jährige bereits den klassischen Weg eines französischen Naturwissenschaftlers hinter sich gebracht: Agrégé, Dissertation, Professor am Institut Pasteur, dann am College de France, Mitglied der Akademie der Wissenschaften...

Seine Ernennung überraschte und irritierte dennoch. Denn Changeux folgte im Komitee auf Professor Jean Bernard, einen großen Arzt französischer Tradition, Intellektueller, Humanist, Philosoph, auch Schriftsteller, was ihm die Tore zur Académie Fran,caise öffnete. So mancher glaubte darum, hier werde ein "Naturwissenschaftler" zum Nachfolger eines "Moralisten". "Wie könnte sich eine Population von Nervenzellen überzeugend für die Gerechtigkeit schlagen?" fragte ein Philosoph, der jenen Satz aus Changeux’ Buch "Der neuronale Mensch" offenbar nicht eben schätzte, in dem der Autor fragt: "Wie kann man in Zukunft noch von Geist sprechen?"

Nichts ärgert den Neurobiologen nämlich so sehr wie das Gefühl, auf einen Bereich festgelegt zu werden. Der rundliche Jean-Pierre Changeux besitzt eine scharfe Intelligenz und untermalt selbst die trockensten Erklärungen mit fröhlichen Lachern, empört sich jedoch gegen jede Anwandlung, ihn als mechanistischen und reduzierenden Positivisten zu beschreiben. Er weiß nicht, warum sich Präsident Mitterrand an ihn wandte, und ist sich gleichwohl sicher, daß es "für einen Naturwissenschaftler legitim ist, philosophisch zu denken". Seit langem denkt er über die "natürlichen Grundlagen der Ethik" nach.