ASCHAFFENBURG. – Seit über zwanzig Jahren ist Oberbürgermeister Willi ReIland (SPD) schon im Amt, doch das Re-Dinge ist in all den Jahren nicht leichter geworden, eher im Gegenteil. „Damals haben wir viele Dinge einfach so durchgezogen, ohne große Schwierigkeiten“, erzählt er mit Wehmut in der Stimme, „und heute, wenn Sie auf dem Marktplatz Hundertmarkscheine verteilen lassen würden, gäbe es sicher auch eine Bürgerinitiative, die dagegen protestiert.“

Willi Reiland trauert den guten alten Zeiten, als er Aschaffenburg noch im Stile eines unumschränkten Provinzfürsten regieren konnte, nicht grundlos nach. Seit mehr als zwei Jahrzehnten nämlich will er das idyllische Städtchen am Main mit einer die gesamte Innenstadt umschließenden Ringstraße beglücken; doch mehr als eine ewige Baustelle ist daraus nicht geworden. Und je tiefer das ehrgeizige Projekt in die Sackgasse geriet, um so größer wurden die Worte, mit denen das Stadtoberhaupt den Asphalt-Torso anpries. „Ein Jahrhundertwerk“ sei da im Entstehen, ließ sich Willi Reiland vernehmen; die Tatsache, daß der Widerstand der Bürger dagegen ständig wuchs, vermochte ihn nicht zu irritieren. Auch der Vorwurf, Aschaffenburg hole mit seiner Ringstraße nach, woran andere Kommunen in den fünfziger und sechziger Jahren schon kläglich gescheitert sind, nämlich mit einer breiten, komfortablen „Stadtautobahn“ den Verkehr aus dem Stadtkern herauszuhalten, ficht ihn nicht an. Statt dessen verstärkt sich der Eindruck, der OB, der im nächsten Frühjahr erneut für das Amt kandidieren wird, möchte sich mit dem 7,6 Kilometer langen Ring ein Denkmal zu Lebzeiten setzen.

In der Stadt mit ihren 65 000 Einwohnern an der Grenze zwischen Bayern und Hessen ist manches schwieriger als anderswo. Aschaffenburg hat in der gesamten Republik das höchste Fahrzeugaufkommen pro Quadratmeter, was jeden Tag zu etwa einer Viertelmillion Stop-and-go-Bewegungen führt – und zu einem der höchsten Ozonwerte weit und breit. Wenn der Wind dann noch den Industriesmog aus den südhessischen Ballungsräumen herüberweht, herrscht dicke Luft in der Stadt. „Aschaffenburg stinkt zum Himmel“, formulierte drastisch, aber nicht unzutreffend die taz nach einem Ortstermin.

In der Diagnose, daß die Stadt auf dem besten Weg ist, im Verkehr zu ersticken, sind auch alle lokalen Gruppen weitgehend einig. Nur über den Ausweg aus diesem Dilemma entzündet sich der Streit immer wieder aufs neue. Für weite Teile von SPD, CSU und den OB ist die Ringstraße die Ultima ratio; für den Bund Naturschutz, die Grünen und eine Bürgerinitiative hingegen ist dies der sichere Weg, noch mehr Verkehr in die überfüllte Stadt zu holen – „eine städtebauliche Katastrophe“, stöhnt Theo Elbert von der Bürgerinitiative gegen die Ringstraße. Kaum jemand scheint sich indes an der Tatsache zu stören, daß die Diskussion im Grunde zwanzig Jahre zu spät kommt. Denn drei Viertel der umkämpften Ringstraße existieren längst, und in der aktuellen Debatte geht es nur noch darum, den zwei Kilometer langen Ringschluß-Ost zwischen Würzburger Straße und Schönbornstraße zu verhindern. Für ihn läuft zur Zeit das Planfeststellungsverfahren bei der Regierung von Unterfranken. Wie stark der Streit schon ins Weltanschauliche eskaliert ist, läßt sich an dem Umstand ablesen, daß sage und schreibe 3000 Einwendungen gegen dieses Planfeststellungsverfahren eingegangen sind. Der Ringschluß droht Aschaffenburg eher zu spalten als zusammenzuführen.

Nun ist diese Verbindungsspange im Stadtosten freilich auch der heikelste Abschnitt des ganzen Konzepts. Nicht nur, daß ein weitgehend naturwüchsiger Grüngürtel mit über 700 Bäumen abgeholzt und platt gewalzt werden müßte – alle Fachleute befürchten auch, daß die Verkehrslawine erst richtig losbricht, wenn der Ring geschlossen ist. Besonders umstritten sind dabei die autobahnähnlichen Auf- und Abfahrtsrampen, raumgreifende, spiralförmige Betonpisten, die einen Hauch von Los Angeles in das unterfränkische Städtchen bringen würden.

Die Ringstraßengegner kritisieren vor allem, daß die Stadtumgehung von Beginn an so überlastet wäre, daß sie dreißig Prozent des zu erwartenden Verkehrs gar nicht aufnehmen könnte.

„Da wurde eine Prognose von 1989 zugrunde gelegt, die längst überholt ist“, sagt Jürgen Wolf, bei dem die Stadt ein Gutachten in Auftrag gab, auf das sie inzwischen lieber nicht mehr angesprochen werden möchte. „Der Ringschluß ist absolut schädlich, weil er den Binnenverkehr noch verstärken wird.“ Außerdem, so der Sachverständige weiter, müßten die Linienbusse dann Umwege fahren.