Von Karl Mittermaier

Renato Arnaldo ist eigens von Verona herübergekommen nach Salò am Gardasee. Auf seinem Alpini-Hut steckt ein Abzeichen mit dem Bildnis von Benito Mussolini. Wie er sind gerade heuer Tausende andere Italiener in Salò zugegen, um den Spuren des ehemaligen Duce zu folgen. Für sie alle gilt: Mussolini war ein charismatischer Führer, ein Held Italiens, der erste Staatsmann, der Italien zu Ruhm und Ehre führte. Wären in den letzten Kriegsjahren die Deutschen nicht gewesen, hätte der Duce aus Italien gemacht, was er stets beabsichtigt habe: einen sozialistischen Nationalstaat, ja vielleicht sogar einen sozialistischen, republikanischen Nationalstaat, was immer das auch sein mochte.

In der Geschichte kennt sich Renato Arnaldo nicht so genau aus, er weiß aber, daß Mussolini hier in Salò viele gute, ja geradezu soziale, revolutionäre Zielsetzungen verfolgte, die ihm von den Deutschen vereitelt wurden. Mit seinem Gesinnungsgenossen erklärt er auf der Piazza, Mussolini sei ein Märtyrer, Salò ein Pilgerort.

Der Anfang vom Ende Mussolinis hatte vor fünfzig Jahren begonnen. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 – die Alliierten waren schon in Sizilien gelandet – entzog der Gran Consiglio del Fascismo, der Große Rat des Faschismus, Mussolini das Oberkommando der italienischen Streitkräfte und übertrug es auf König Vittorio Emanuele III. Neunzehn gegen sieben Mitglieder unterzeichneten das Mißtrauensvotum gegen ihn. Dennoch wollte Mussolini zuerst diesen politisch gewichtigen Schritt nicht ernst nehmen. Wohl rechnete er damit, daß der König von ihm das Oberkommando, das er seit 1940 selber inne hatte, übernehmen, ihn aber nicht seiner politischen Macht entbinden werde.

Geschlagen verließ der Duce am Nachmittag dieses dramatischen Tages die Villa Torlonia: Vittorio Emanuele hatte ihn als Regierungschef abgesetzt und ihm die Ernennung des Marschalls Pietro Badoglio zum neuen Ministerpräsidenten mitgeteilt. Noch während der Duce die Stufen der Villa herabstieg, wurde er verhaftet.

Mussolini wurde entmachtet auf echt italienische Art. Offiziell hieß es nach dem Abgang aus der Villa Torlonia, der Krieg werde an der Seite Deutschlands und Japans fortgesetzt. In der Wahrheit wollte der Durchschnittsitaliener mit Krieg und Fascio-Getöse nichts mehr zu tun haben. Über Nacht verschwand die Faschistische Partei mit der Vielzahl ihrer Organisationen. In der italienischen Geschichtsschreibung wird dieser politische Trendwechsel als innerer Reifungsprozeß der Italiener interpretiert.

So kann man es auch nennen. Tatsächlich war das Geschrei der unverbesserlichen Faschisten den Italienern dann zu laut geworden, als sie einsehen mußten, welchem Finale der einstmals so kraftvoll angefeuerte Kurs des Regimes zusteuerte. Wie im Ersten Weltkrieg verstand es der Großteil der italienischen Führungseliten auch diesmal, das Schiff rechtzeitig auf die Seite des Siegers zu manövrieren.

Und Mussolini kannte die Umstände, den Überdruß seiner Landsleute. Verbittert hatte er sich in den letzten Monaten eingestehen müssen, daß es ihm trotz aller faschistischen Parolen nicht gelungen war, aus der Masse seiner Landsleute echte Anhänger seiner Ideologie und seiner Politik zu machen. Es ist bezeichnend, daß er nach seiner Suspendierung nicht den geringsten Widerstand versucht hat.

Am 3. September landeten Briten und Amerikaner auf dem Südzipfel der italienischen Halbinsel; fünf Tage später gab General Eisenhower den Abschluß des Waffenstillstandes kund. Am Tag danach wurde das Comitato di Liberazione Nazionale, kurz CNL genannt, gegründet. Die führenden Gründungsmitglieder kamen aus den Reihen der Christdemokraten, Kommunisten, Sozialisten, Liberalen und der Aktionspartei in Rom. Dieses Komitee zur nationalen Befreiung hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Italiener zur Erhebung gegen die Deutschen aufzurufen und den bewaffneten Widerstand zu organisieren. Am 13. Oktober 1943 erklärte Italien seinem ehemaligen Verbündeten Deutschland den Krieg, nachdem die deutsche Wehrmacht Rom und große Teile Italiens besetzt hatte.

Nach dem Zusammenbruch war ein Teil des faschistischen Kaders nach Deutschland geflohen. Der deutsche Rundfunk gab am 9. September die Bildung einer „nationalen faschistischen Regierung Italiens“ bekannt. Es gab sie zwar noch nicht, dafür aber fieberhafte Versuche, so rasch wie möglich vom Faschismus zu retten, was noch zu retten war.

Deutsche Fallschirmjäger unter Otto Skorzeny befreiten in einer abenteuerlichen Aktion am 12. September aus einem Hotel am Fuße des Gran Sasso im mittelitalienischen Apennin den Duce aus der Gefangenschaft und brachten ihn unverzüglich ins Führerhauptquartier. Hitler ließ ihn auf seine letzte „glorreiche“ Rolle vorbereiten. Am 22. September begann die Repubblica Sociale Italiana (RSI), mit der Hauptstadt Salò am Gardasee als Sitz des Ministeriums für die Außenpolitik, Realität zu werden. Fortan nannte man das von Deutschen besetzte Gebiet deshalb auch Repübblica Sociale di Salò.

Benito Mussolini war durch sein klägliches Scheitern im Juli 1943 bei Hitler in Ungnade gefallen. Die Allianz Berlin-Salö war das traurige Ergebnis einer „brutalen Freundschaft“, wie ein Historiker die Beziehung der beiden Diktatoren genannt hat. Der Duce war in der Tat nur mehr ein Schatten seiner einstigen, von ihm selber so oft überschwenglich hochstilisierten Herrlichkeit. Ein Mann von politischem Weitblick ist er nie gewesen, auch kein Mann hervorstechender geistiger Größe. Doch das Italien nach dem Ersten Weltkrieg brauchte „Schreier“ aus seiner Mitte, mit denen es sich identifizieren konnte – und das war der Duce in seinen besten Tagen wahrlich gewesen.

Über das genaue Datum des Beginns und des Endes der RSI sind sich auch die italienischen Historiker nicht einig. Gemeinhin gilt als Anfang der 8. September 1943 und als Ende der 25. April 1945. Faktisch hatte aber dieser faschistische Satellitenstaat bereits mit der Bildung der neuen Regierung am 22. September zu existieren begonnen. In einer zweiten Unterredung hatte Hitler von Mussolini verlangt, sich sofort in der Öffentlichkeit zum Duce auszurufen und in kürzester Zeit eine neue Verfassung zu verkünden.

Mussolini erklärte sich bereit, die Leitung der italienischen Angelegenheiten in jenem Teil Italiens, der noch nicht von den Alliierten erobert war, zu übernehmen. Mit der Nominierung einer republikanischen Regierung glaubte er, „einen Schutzwall zur Verteidigung Italiens“ zu errichten. Am 15. September teilte er den neuen Parteinamen mit: Partito Repubblicano Fascista, was wörtlich übersetzt heißt: Republikanisch Faschistische Partei – eine Leerformel als Parteiname, denn niemand wußte, wie Faschismus und Republik auf einen Nenner gebracht werden könnten.

In der neuen Regierung saßen einige treue Mitstreiter des Duce, dem es bei deren Ernennung mehr um Verläßlichkeit und Treue als um Fähigkeit und Kompetenz ging. Darin saßen aber auch protegierte Vertrauensmänner der deutschen Nationalsozialisten. Mussolini wollte einen echten Staat so schnell wie möglich aufbauen, vom Fiskus bis zum Schulwesen, von der staatlichen Wirtschaftsförderung bis zum Sanitätswesen. Von der ersten Stunde an, da sind sich die italienischen Historiker einig, haben ihn die Deutschen dabei nicht unterstützt, sondern, im Gegenteil, wann immer es möglich war, ihm ein Hindernis in den Weg gelegt. Mussolini sei für Hitler in der Zeit von Salò nicht mehr als ein „mäßiger Gauleiter Italiens“ gewesen.

Die Ministerien arbeiteten selbständig, überall aber mangelte es an Koordination. Die vielen neuerlassenen Gesetze waren umsonst. Allseits war deutlich zu spüren, daß Mussolini über keine Macht mehr verfügte. Zudem trat die bekannte Entscheidungsschwäche des Duce wieder zutage. Gleich wie Hitler hielt er daran fest, Duce, eben Führer des Faschismus, zu sein; seinen Vorstellungen und Anordnungen habe das italienische Volk Folge zu leisten; würde er scheitern, sollte mit ihm auch Italien zugrunde gehen. Er erklärte sich bereit, sich für Italien zu opfern, und verlangte gleichzeitig, daß Italien sich für ihn opfere.

Und gleich wie Hitler für Deutschland bekräftigte er bis zuletzt für Italien, daß einzig und allein der Faschismus der richtige Weg für sein Land sei: Gebe es ihn einmal nicht mehr, werde man ihm so lange nachtrauern, bis ein neuer Duce kommen und Italien erneut zu einem starken und gefürchteten Land erheben werde.

Der Duce selber entzog sich während der 20 Monate oder der 600 Tage der Repùbblica Sociale Italiana zumeist allen Pflichten. Er hielt insgesamt siebzehn Kabinettssitzungen ab. In der Freizeit las er Bücher von Sokrates und Platon. Sein Befreier Otto Skorzeny äußerte sich nach einem Besuch bei ihm enttäuscht: Mussolini sei kein Diktator mehr, er sei nichts weiter als ein kleiner Philosoph. Der Duce residierte zuerst mit seiner Familie in der Villa Feltrinelli, siedelte aber später in die Villa Orscline nach Gargnano um.

Zur faschistischen Republik von Salò gehörte formal Mittelitalien. Dieses Gebiet unterstand allerdings deutschen Oberbefehlshabern und war deutsch besetztes Land. In der eigentlichen Repubblica Sociale Italiana der Regierung Mussolini residierten ein SS-Kommando und verschiedenste deutsche Rüstungs- und Feldwirtschaftskommandos. Gleichzeitig gab es hier parallel zu Mussolinis politischer Verwaltung deutsche Verwaltungen und Exekutivorgane.

Die politische Landkarte Italiens zwischen 1943 und 1945 zeigte sich viergeteilt: 1. Mittelitalien gehörte als deutsche Operationszone zur faschistischen Republik von Salò; 2. Norditalien war die eigentliche Repùbblica Sociale Italiana unter Mussolini; 3. die Operationszonen Alpenvorland und Adriatisches Küstenland waren formal italienisches Hoheitsgebiet, in der Wirklichkeit herrschten hier zwei deutsch-österreichische Gauleiter, die unmittelbar Hitler unterstanden; 4. Süditalien war von den Alliierten besetzt; neben der alliierten Militärverwaltung wirkte hier noch die Regierung Badoglio.

Die faschistische Republik von Salò war also direkt deutsch besetztes Gebiet mit deutschen Oberbefehlshaber, und die Repùbblica Sociale Italiana war zwar auf dem Papier der neue Staat Mussolinis, de facto aber diktierten auch hier die Deutschen.

Benito Mussolini wollte eine neue Armee aufbauen, um seinem Regime und seinem Staat wieder das Fundament militärischer Stärke zu verleihen. Dazu benötigte er Ausrüstung und Waffen von den Deutschen, die sie ihm aber nicht gewährten; er hatte seine Glaubwürdigkeit verloren. Zudem benötigte Deutschland Arbeitskräfte im eigenen Land: Tausende und Abertausende Italiener wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland abkommandiert.

In den Provinzen des Staates von Salò giig überall die Angst um, zuerst als Soldat rekrutiert, dann aber nach Deutschland geschickt zu werden. Desertionen und Überläufe zu den Partisanen zuhauf waren die Folge. In mehreren Provinzen dieses angeblich republikanischen Staates agierten Dutzende unkontröllierter Banden. In anderen wiederum hatten die Partisanen die Macht an sich gerissen, so daß viele Anordnungen des Regimes ins Leere trafen. Mussolini entschuldigte das, indem er sich in seiner Meinung bestätigt fand, daß nämlich die Italiener eines der „grausamsten Völker der Welt“ seien.

Sporadisch erhielten die deutschen Besatzungbehörden von solchen Banden über dem Wege der Kollaboration wichtige Informationen. Ansonsten stationierten die Deutschen überall dort Vertrauensleute und Militärs, wo politische Aktionen stattfanden. Im Haus Mussolinis waren Deutsche einquartiert; seiner persönlichen Leibwache gehörten SS-Soldaten an; seine Korrespondenz wurde kontrolliert, sein Telephon abgehört!

Zweimal besuchte Mussolini im Jahre 1944 Deutschland. Es waren unbedeutende Zusammenkünfte der Diktatoren. Mehrmals äußerte Hitler seine Enttäuschung über den Mißerfolg des Duce und den Niedergang des Faschismus in Italien. Im Juli besuchte der Duce die paar noch übriggebliebenen italienischen Truppen in Rußland. Wie es für Italiener üblich ist, war der Empfang herzlich, ja sogar enthusiastisch. Das zählte zu den wenigen Augenblicken, die Mussolini wieder Zuversicht gaben. Gestärkt wurde er noch vom Glauben, doch noch an der Seite Deutschlands zu siegen. Wieder fehlte es ihm, wie so oft, an politischem Einblick und Weitblick. Von dem einstmals von den Italienern so gepriesenen, gerissenen und schlauen Duce war nichts mehr übriggeblieben.

In Salò fand Mussolini wieder mehr zu sich. Aus der Gefangenschaft war er krank zum Gardasee gekommen, erholte sich aber rasch. Täglich konsultierte er einen deutschen Arzt. Trotz politischer und menschlicher Erniedrigung hielt der Duce an seiner Überzeugung fest, einer jener heroischen Männer zu sein, die für immer in den Annalen der Geschichte aufscheinen.

Jetzt, 1944, kehrte er anscheinend wieder zu den sozialistischen Idealen seiner stürmischen Jugendjahre zurück. Den Kapitalismus beschuldigte er nämlich, sich durch den Faschismus bereichert zu haben. In anonymen Artikeln schrieb er von einem neuen italienischen Proletariat, das in einer blutigen Revolution über die Kapitalisten siegen werde. Jetzt wollte der Duce in eine andere Richtung wieder politische Schlagzeilen machen: Sämtliche Industriebetriebe mit mehr als hundert Arbeitern sollten in Staatsbesitz übergehen. Über Sozialisierungsgesetze wollte Mussolini Italien in einen perfekten Sozialstaat verwandeln.

Der Slogan lautete: Verstaatlichung der Industrie. Sie wurde jedoch weder zu seiner Zeit noch in den Nachkriegsjahren realisiert. Alle seine Bemühungen scheiterten an der italienischen Arbeiterschaft, an den Kommunisten und an den Mailänder Großindustriellen. Unter dem Einfluß von Nicola Bombacci, einem Freund Lenins und 1921 führendem Mitglied der kommunistischen Partei Italiens, erklärte Mussolini, der Faschismus von Salò sei, abgesehen von der Sowjetunion, das einzige tatsächlich real existierende sozialistische System auf der Welt.

Das waren letzte Hilferufe, die Mussolini angesichts seiner unübersehbaren Diskriminierung in Salò ersann, um noch einmal das Herz der Massen zu gewinnen. Bombacci, genannt die graue Eminenz von Salò, stand nun immer öfter an seiner Seite. Aber auch er glaubte, wie die Politiker und Beamten des Regimes, nicht an den Ernst dieses scheinbar sozialistischen Ansinnens Mussolinis. Ernst war es dem Duce nur insofern, als er eine sozialistische Revolution einleiten wollte, um sich an den Reichen, denen er die Hauptschuld am Niedergang seit 1940 zuschrieb, bitter zu rächen, natürlich nur im Falle einer Niederlage des abtrünnigen Italiens.

Nach außen jedenfalls kehrte sich durch diese neue „Überzeugung“ Mussolinis der einstmals so energische Gegner des Bolschewismus in sein gerades Gegenteil. Diesem letzten Propagandatrick verdankt Mussolini unter anderem, daß er bis heute in der Geschichte Italiens immerhin zu den großen Gestalten der jungen Nation gezählt wird.

Die letzten Versuche des Duce, seine Ehre vor seinen Landsleuten wiederzugewinnen, waren derart sprunghaft, daß sogar der Laie sie als aussichtslose Hilferufe eines Gescheiterten entlarven mußte. Mal betonte er die heiligen Rechte der Meinungsfreiheit und des Privateigentums, dann sprach er voll innerer Zuversicht von der Verstaatlichung der Privatindustrie; eben noch verkündete er einen neuen liberalen Faschismus, bei dem der Staat völlig in den Hintergrund rücken werde, schon verlangte er die Einführung einer rigorosen Zensur. Einerseits beteuerte er, alles unternommen zu haben, damit Italien 1940 nicht in den Krieg involviert würde, anderseits erklärte er, der Weltkrieg sei für Italien ein Vorteil, denn nur durch ihn könne es mächtig und wohlhabend werden.

Im Juni 1944 erreichten die Alliierten Rom, jene Stadt, der Mussolini den Verrat an ihm anläßlich seiner Entmachtung nicht verziehen hatte. Enttäuscht nahm er zur Kenntnis, daß die Deutschen die Metropole Italiens räumten und sich immer weiter in den Norden zurückverschanzten. Da er ohne Armee und ohne Macht selber nicht in den Gang der Handlung eingreifen konnte, erwartete er von den Deutschen, daß sie ohne Rücksicht auf Menschen, Land und Kulturinstitutionen unaufhörlich Stadt um Stadt verteidigten. Fast bis zuletzt glaubte er fest daran, die Alliierten würden aus Italien zurückgeschlagen werden. Hitlers „Wunderwaffe“ würde das ermöglichen: Italien als Hauptschlachtfeld der Achse.

Das Ende der Republik von Salò war programmiert: Je mehr sich die Alliierten unaufhaltsam dem Norden näherten, desto entschlossener griffen die Partisanen aus dem Hinterhalt an, zumeist aus den Bergen, und desto blutiger wehrten sich die Anhänger Mussolinis. Es war ein Vergeltungskrieg auf beiden Seiten: Geiseln wurden genommen, Geiseln wurden hingerichtet; Dörfer wurden eingenommen, Dörfer wurden gebrandschatzt und ausgebombt, kleinere Dörfer durch Massenhinrichtungen der Männer teilweise entvölkert. Mussolini machte auch vor der Exekution von Frauen und Kindern nicht halt. Das Ende der Republik von Salò, der Schattenregierung Mussolinis, gleichzeitig das Ende des italienischen Faschismus, gipfelte in einem Guerillakrieg.

Die anfängliche Begeisterung der Italiener für den Faschismus war mehr Schein als Sein gewesen. Der Krieg, von Mussolini 1940 verkündet, war von Anfang an nicht populär. Der Italiener ist kein Mann des Krieges, schon gar nicht dann, wenn der Sieg nicht absehbar ist. So gab es in Italien kaum Kriegsfreiwillige; viele Italiener griffen erst dann freiwillig zur Waffe und verließen Haus und Familie, als es darum ging, die Kriegsverlängerer aus dem Hinterhalt zu bekämpfen. Der Schlachtruf dieser freiwilligen Kämpfer erschallte laut bis zum Ende: „Nieder mit dem Faschismus – hinaus mit den Deutschen!“

Diese sogenannte faschistische Republik von Salò – ein Satellitenstaat – blieb bis zuletzt lediglich ein von Hitler an Mussolini gegebenes Lehen. Nur nach außen war die Verwaltung dem Namen nach aktiv, ihre Tätigkeit und ihre Leistung aber waren gleich Null. Das Nachrichtenwesen, das Transportwesen und ein großer Teil des Militärwesens von Salò befanden sich in deutscher Hand. Die Deutschen waren es auch, die nach ihren Vorstellungen Italiener zu Polizisten und Soldaten ausbildeten.

Beispielhaft für die Ohnmacht des Duce war, daß er 1944, im Jahr der Rekordernte in Norditalien, die Deutschen bat, ihm einige Lastkraftwagen aus der Fiat-Produktion auszuhändigen, um die Versorgung unter der Bevölkerung zu organisieren. Mussolinis Bitte wurde nicht stattgegeben. Gerade weil Mussolinis republikanischer Staat von Salò eine „Erfindung“ Hitlers war, ist es notwendig, ihn und seine unglücklichen 600 Tage vor dem Hintergrund der Politik Deutschlands zu sehen.

Für die deutschen Invasoren und Besetzer in Norditalien war Mussolini nichts anderes als eine Karikatur des früheren Duce, der Befehle entgegenzunehmen hatte. Spätestens die Annexion Südtirols und Triests durch Deutschland mußten auch dem Duce vor Augen führen, wieviel staatsrationale Spekulation sein Bündnis mit Deutschland bestimmt haben mußte. Er verhehlte es nicht, als er sich beklagte, daß der Reichsbevollmächtigte Rudolf Rahn und der SS-Generaloberst Karl Wolff de facto über Norditalien herrschten.

Kurz vor Kriegsende wurde der 61jährige Mussolini mit seiner Geliebten Clara Petacci auf der Flucht von kommunistischen Partisanen ergriffen und am 28. April 1945 erschossen. Seine Leiche, die seiner Geliebten und die anderer hingerichteter Mitstreiter wurden auf der Piazzale Loreto in Mailand kopfüber aufgehängt. Aufgebrachte Italiener spuckten auf ihren früheren Duce.

Renato Arnaldo spricht mit Schaudern von jenen letzten Ereignissen. Er ist fest davon überzeugt: Hätten die Deutschen Mussolini in der Republik von Salò gewähren lassen, wäre aus Italien ein nationaler Sozialstaat geworden, vorbildlich für die Welt. Er selber sei zwar kein Faschist, was im übrigen ja auch Mussolini im Staat von Salò nicht gewesen sei. Der Duce ist für ihn ganz einfach ein zukunftsweisender Sozialist. Dafür, sagt Arnaldo, schlage sein Herz und das vieler Tausender Italiener, die heuer fünfzig Jahre nach dem Beginn der Repùbblica Sociale Italiana scharenweise nach Salò pilgern.