Von Volker Ullrich

Im Jahre 1928 veröffentlichte die Historische Zeitschrift ein Sonderheft unter dem Titel „Historische Belletristik“. Darin führte das Zentralorgan der Zunft einen Generalangriff gegen populäre Geschichtsschreibung: „Unsere Wissenschaft erlebt es“, klagte Herausgeber Wilhelm Schüßler, „daß Dilettanten einbrechen und ihre Limonade als edlen Firnewein anpreisen.“

Gemeint waren Schriftsteller wie Emil Ludwig, Werner Hegemann, Herbert Eulenburg, Valeriu Marcu, Hermann Wendel oder Paul Wiegler – Autoren, die heute kaum noch bekannt sind, die damals aber mit ihren historischen Biographien großen Erfolg hatten.

An das Verdikt der Historischen Zeitschrift schloß sich eine jahrelange öffentliche Kontroverse an, die ein Schlaglicht wirft auf das politischintellektuelle Klima der ausgehenden Weimarer Republik. Christoph Gradmann, ein junger Heidelberger Historiker, hat diese Debatte jetzt erstmals in all ihren Verästelungen erforscht. Er zeigt, daß es in der Auseinandersetzung um die „historische Belletristik“ um mehr ging als um den Primat von akademischer oder populärer Geschichtsschreibung, nämlich um einen Streit zwischen Gegnern und Anhängern der Demokratie von Weimar, um kulturelle Hegemonie.

Die konservativen Vertreter der Zunft verteidigten nicht nur ihr fachwissenschaftliches Deutungsmonopol, sondern auch ein bestimmtes, aus vordemokratischen Zeiten stammendes Geschichtsbild, das im Kaiserreich den strahlenden Höhepunkt, in der Weimarer Republik hingegen nur eine schlimme Verfallszeit deutscher Geschichte erkennen konnte. Umgekehrt waren sich die „Belletristen“ bei allen Unterschieden einig in ihrer Parteinahme für die Republik. Sie wollten Geschichtsrevision im Dienste der ersten deutschen Demokratie betreiben.

Mit Vorliebe gingen sie daran, die vermeintlich großen Figuren preußisch-deutscher Geschichte von ihrem Denkmalssockel zu stürzen. In seinem Buch „Fridericus oder das Königsopfer“ (1924) schilderte Werner Hegemann den Preußenkönig Friedrich den Großen nicht als aufgeklärten Monarchen, als den ihn manche heute noch gern sehen, sondern als ignoranten Despoten und zügellosen Gewaltpolitiker.

Noch stärker an den Zentralnerv des konservativ-monarchistischen Geschichtsverständnisses rührte Emil Ludwig mit seiner im Herbst 1925 veröffentlichten Biographie Wilhelms II., von welcher der Rowohlt Verlag innerhalb kurzer Zeit 200 000 Exemplare verkaufte. Der letzte Hohenzollernherrscher erschien hier als Prototyp eines „zur ewigen Uniform verdammten Zivilisten“, der durch eine Kombination aus Realitätsflucht und Selbstherrlichkeit das Kaiserreich in Krieg und Untergang geführt hatte.