Von Klaus Harpprecht

Die Züge der Buchhändler verklärten sich allemal, wenn sie einen seiner Gedichtbände aus den Regalen holten, und liebenswerten Damen, aufs Geistige gestimmt, trat ein wissendes Leuchten in die Augen, wenn sein Name genannt wurde. Die Sprecher des „Schatzkästleins“ im Reichsrundfunk, Mathias Wieman der edelste unter ihnen, zelebrierten bewegt die Vereinigung des schlicht-deutschen „Hans“ mit dem italienischen „Carossa“, das sie mit südländischer Herrlichkeit über die Zungen rollen ließen. Ach, wie sollte uns, die wir in unserer jungen Torheit auch dem Schönen, Wahren und Guten entgegenstrebten, nicht ein Hauch des Idealen anwehen, der uns schauern machte?

Manchmal sah man seine Gestalt in der „Wochenschau“ und in den illustrierten Blättern. Er trug, wenn das Gedächtnis nicht trügt, stets einen schwarzen Dichterhut mit breiter Krempe, und die rechte Braue in dem weichen, ein wenig schlaffen Gesicht schien höher gestellt als die linke – oder war es umgekehrt? Die kleine Unregelmäßigkeit entsprach dem Silberblick, mit dem der liebe Gott die Gesichter der Poeten gern akzentuiert. Die Kunde von seinem Arztberuf, die sich in den meisten seiner Bücher mitteilte, stärkte den Ruf des Helfenden und Heilenden, der ihm vorausging, obschon er keiner von denen war, die ihre Leser mit dem Glück im Winkel hinters Licht führten.

Sein Blick für die Wirklichkeit konnte genau sein: Der disziplinierte Realismus seines „Rumänischen Tagebuches“ aus dem Ersten Weltkrieg, mit dem er den ersten Ruhm gewonnen hatte, zeigte es an. Er schrieb eine oft makellose Prosa, wie Thomas Mann respektvoll bezeugte. Seine Sprache krümmte sich nicht in lispelnder Innigkeit. Sie hatte Welt. Seine Gedichte, in denen seine spätromantische Empfindsamkeit die Sehnsucht nach klassischer Formkraft berührte, besaßen im wörtlichen Sinn einen guten Klang.

Jedermann las in jenen Tagen, die unter den schwarzen Schatten der Diktatur und des Krieges lagen, den „Arzt Gion“, „Die Geheimnisse des reifen Lebens“ und den autobiographischen Band „Das Jahr der schönen Täuschungen“. Sie wurden, fast ausnahmslos, in die großen Sprachen der Westens übersetzt (Die letzte Ausgabe der Encyclopaedia Britannica widmete seinem Werk noch immer mehr Zeilen als der Große Meyer.)

Keines der Bücher deutete eine Konzession an die herrschende Gewalt an. Hans Carossa schien seiner Gemeinde tröstend zu versichern, daß es auch hinter den Festungsmauern des Dritten Reiches eine Literatur gab, die den Namen verdiente: Das Werk Thomas Manns, das bis 1937 präsent blieb, auch das Hermann Hesses, das niemals aus den Regalen verschwand, schienen es zu bestätigen, so Reinhold Schneiders katholisches Zeugnis der Geschichte, die Romane und Novellen Ina Seidels, Ricarda Huchs Essays und Gedichte, Werner Bergengruens Erzählungen, Jochen Kleppers preußisch-frommer Roman über den „Soldatenkönig“ – nein, der Geist war nicht kollektiv emigriert. Er schien sich auch hinter dem Zaun noch regen zu können, beengt, behutsam, in halber Heimlichkeit: Das war die Wahrheit, und es war zugleich eine höhere Täuschung, von den Aufsichtsbeamten im Propagandaministerium und ihrem Großkommandeur mit kühler Berechnung genährt.

Die Schergen nahmen es hin, daß sich Hans Carossa 1933 der Wahl in die Preußische Akademie der Künste verweigerte, nachdem Gottfried Benn und seine Kohorte ihrem Vorsitzenden Heinrich Mann, danach Alfred Döblin und den anderen Mitgliedern jüdischer Herkunft den Stuhl vor die Tür gestellt hatten, während sich Ricarda Huch und Thomas Mann demonstrativ aus der gleichgeschalteten Institution verabschiedeten. Carossas Nein, auch wenn er es schlau und höflich umschrieb, war tapfer genug. Am 8. Mai notierte er in seinem Journal: „Aus den Zeitungen erfahre ich meine Berufung in die neue Dichter-Akademie. Niemand scheint’s wird in unserem glücklichen Vaterlande mehr um seine Einwilligung zu irgend etwas gefragt.“ Er fügte hinzu: „Neue rabiate Haßrede Hitlers in Kiel. Die Wut, die man an den Franzosen nicht stillen kann, tobt man an den eigenen Volksgenossen aus.“ Im Kriegsjahr 1941 beugte er sich – voller Widerwillen – der Forderung, die Präsidentschaft der Europäischen Schriftsteller-Vereinigung bei dem „Weimarer Dichtertreffen“ der inner- und außerdeutschen, der freiwilligen und unfreiwilligen Kollaboranten zu akzeptieren. Im nächsten Jahr blieb er der peinlichen Veranstaltung fern.