Von Rüdiger Safranski

Weimar 1813 im Spätherbst. Ein Teeabend bei der Hofrätin Johanna Schopenhauer. Wieder einmal ist eine illustre Gesellschaft zusammengekommen. Auch Goethe ist mit von der Partie. Er sitzt in einer Ecke, spricht mit sonorer Stimme, man lauscht ihm andächtig. Johanna bedient die Teemaschine, eine Art Samowar, ein Erbstück aus Danzig. Der Sohn Arthur ist soeben in Weimar eingetroffen. Im nahen Rudolstadt hatte er, vor den Stürmen der antinapoleonischen Befreiungskriege Schutz suchend, sein erstes philosophisches Werk, die Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“, verfaßt. Ihn erfüllt stolzes Selbstgefühl. In seinem Tagebuch hatte er notiert: „Ich bin mit Frucht gesegnet!“ Als er der Mutter, inzwischen eine etablierte Schriftstellerin, das Werk überreichte, hatte sie nur sarkastisch bemerkt: „Das ist wohl etwas für Apotheker!“

Die Mutter hatte das Buch beiseite gelegt, Goethe aber hatte darin gelesen. Sympathisch war ihm, wie der junge Philosoph Partei nahm für die sinnliche „Anschauung“ gegen die vom Zeitgeist favorisierte „Vernunftreflexion“. Das mußte Goethe, dessen Maxime lautete, „Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt“, als verwandte Geisteshaltung ansprechen.

Bisher war Arthur bei seinen sporadischen Besuchen im Hause der Mutter stets nur ein Zaungast der geselligen Abende gewesen. Die Philosophie, die ihm im Kopfe spukte, eignete sich nicht zum Vortrag in solchem Ambiente, und an den Angelegenheiten des Tages, des Theaters und der Politik, von denen hier viel die Rede war, nahm er nur geringen Anteil. An Goethe wird er später schreiben: „Was ich denke, was ich schreibe, hat für mich Werth und ist mir wichtig: was ich persönlich erfahre und was sich mit mir zuträgt, ist mir Nebensache, ja ist mein Spott.“

Was sich aber an diesem nebligen Novemberabend des Jahres 1813 beim Summen der Teemaschine zuträgt, ist nun ganz und gar keine Nebensache. Arthur betritt den Raum. Goethe bemerkt ihn, erhebt sich, und – so die Schilderung eines Zeitgenossen – „schweigend durch einen Haufen Umstehender sich Bahn brechend, ging er auf Arthur zu, und ihm die Hand drückend, äußerte er sich in Lobeserhebungen über jene Abhandlung (die Dissertation), die er für ganz bedeutend ansah, und die ihm mit einem Male eine Zuneigung zu dem jungen Gelehrten einflößte.“

Bei nächster Gelegenheit erhält Schopenhauer eine Einladung ins Haus am Frauenplan. Goethe ist nicht an einem behaglich-geselligen Umgang mit Schopenhauer gelegen. Mit anderen, so sagt er einmal, unterhalte er sich, mit ihm, dem jungen Dr. Arthur, philosophiere er. Nur wenn er sich in der „gehörigen ernsten Stimmung“ befinde, wolle er mit ihm zusammentreffen, läßt er ihn wissen. Goethe ist häufig in entsprechender Stimmung. Er glaubt in ihm einen Gesprächspartner gefunden zu haben, mit dem sich über das philosophieren läßt, was ihm schon eine ganze Weile lang vor allem am Herzen liegt: die Farbenlehre.

Sie ist für ihn kein Steckenpferd, sondern – und das haben wir heute längst vergessen – ein Hauptwerk. Zu Eckermann wird Goethe ein Jahrzehnt später sagen: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir nichts ein. Es haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden ihrer nach mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele.“