Von Ivan Lovrenović

Sarajevo hat mehr als ein ganzes Jahr Verderbnis hinter sich... Wenn etwas ein Jahr dauert, alle vier Jahreszeiten hindurch, ist das, als dauerte es schon ewig und als würde es bis in die Ewigkeit dauern.

Als man, irgendwann im Sommer vergangenen Jahres, eingesehen hatte, daß niemand eine vernünftige Lösung anzubieten hat und daß die serbischen Kanonen um Sarajevo eine Tatsache sind, mit der fest zu rechnen ist, bangten alle vor dem nächsten Winter. Die Welt wartete plötzlich mit Zeichen hysterischer Beunruhigung auf, denn mit so etwas hatte niemand Erfahrungen. Wie verhält sich eine Stadt mit 300 000 bis 400 000 Einwohnern während eines langen kontinentalen Winters, eingeschlossen von einem hermetischen Belagerungsring, ohne Strom, ganz ohne Brennstoff, ohne Fensterscheiben, ohne Wasser, ohne Nahrung, von den Hügeln dem Dauerfeuer aus allen erdenklichen Kalibern ausgesetzt?

Nun ist auch das vorbei. Der Winter im "Laboratorium Sarajevo" ist ohne spektakuläre Entdeckungen vorübergegangen. Die Welt ist nun auch um diese Erfahrung reicher, man kann nun "entspannter in die Zukunft" blicken. Wahrscheinlich wird jetzt auch die Zahl der besonderen "Sarajevo-Touristen" abnehmen. Jetzt, mit dem Ende des einen und dem Beginn des nächsten Winters, ist in Sarajevo alles irgendwie eine Wiederholungsvorstellung. Der Reiz der Premiere ist verflogen.

Sarajevo stirbt – und empfängt Gäste! Nie ist in Friedenszeiten eine größere Menge verschiedenster Menschen in diese Stadt gekommen. Präsidenten, Botschafter, Minister, Intellektuelle, Sängerinnen, Priester, Generäle, Humanisten, Händler, Theaterregisseure, Photoreporter, Reporter ohne Grenzen, Ärzte ohne Grenzen, Spione ohne Grenzen ... Sie alle kommen und gehen, alle schaffen sie es, irgendwie nach Sarajevo und wieder herauszukommen. Sie tun, was den Bürgern Sarajevos verwehrt wird. Und das hat auch seine Ordnung, denn die Einwohner Sarajevos sind die Insassen dieses "Konzentrationslagers", ihretwegen kommt man ja, ohne sie hätte dieser Tourismus nicht den geringsten Sinn.

Ich habe François Mitterrand gesehen, als ihm die Bürger Sarajevos unschuldig und naiv mit Blumen in der Hand und Tränen in den Augen als Ritter und Freund zujubelten. Es defilierten Lord Carrington, Kouchner, Bernard Lévy, Kozirev und viele andere vorbei. Freunde haben mir nachträglich vom ersten Inkognito-Aufenthalt Susan Sontags und ihrem Besuch in unserer Zeitung Dani erzählt. An einem sonderbaren, dunklen Nachmittag drückte ich plötzlich dem päpstlichen Nuntius Gabriele Montalvo die Hand; ich erinnere auch die Ankunft des UN-Offiziers Marak Goulding, der an der zerstörten Baš Caršija vor Scharfschützen oben am Berg panisch ums Leben laufen mußte, aber am gleichen Abend, erholt und zynisch, davon sprach, in Sarajevo übertreibe man, zumal mit dem dauernden Gerede über die Gefahr serbischer Angriffe ... Das alles und viel mehr habe ich gesehen, aber zwei "touristische" Begegnungen halte ich persönlich doch für besonders erwähnenswert.

Kurz vor Weihnachten kamen die Friedensbewegten ins vereiste Sarajevo. Einige Tage verharrten sie vor der Stadt, in Ilidža, es spielte sich dort ein wahres kleines Drama ab – werden sie von den Tschetniks durch ihren Belagerungsring durchgelassen oder nicht? Dann hatte die UN-Profor Erfolg, und sie waren da: einige hundert Menschen aus allen Himmelsrichtungen, bunt, fröhlich, mit allen erdenklichen Hautfarben, Jahrgängen, Sprachen... In kleinen Umzügen liefen sie durch die graue, verödete, bei minus 23 Grad Celsius erstarrte Stadt, sie schwatzen, schüttelten den Passanten die Hände, verteilten kleine Andenken, eine Schokolade, einen Keks... Sie wurden von den geduldigen Passanten akzeptiert, man bedankte sich höflich bei ihnen für den Besuch, ließ sie weiterziehen, die vom vermeintlichen Erfolg ihrer Mission der Hoffnungserweckung Überzeugten. Sie ahnten nicht, daß es nicht die Hoffnung war, die die Bürger Sarajevos höflich sein ließ (denn in Sarajevo über die Hoffnung laut zu reden ist ebenso unanständig, wie im Hause eines Verstorbenen vom Tod zu sprechen). Wir verhielten uns so, um den Besuchern nicht die Illusion zu nehmen. Und um ihnen zu helfen. Das gehört zu den alten Gebräuchen dieser Welt: Barmherzigkeit gegenüber Bettlern, Reisenden, in Not Geratenen zu üben. Nicht anders kamen diese bunten Weltenbummler den Bürgern Sarajevos vor.