Der Hamburger Senat lädt 1991 überlebende Juden in die Hansestadt ein. Lucille Eichengreen folgt dieser Einladung, ihre Geburtsstadt nach 45 Jahren wiederzusehen, erst nach langem Zögern – und ist enttäuscht vom unpersönlichen Empfang durch die Offiziellen. Sie muß feststellen, daß die Synagoge „wegen Universitätsnähe“ nicht an ihrem alten Platz, am Bornplatz, wiederaufgebaut wurde, sondern umzäunt und bewacht an der Hohen Weide, in der Straße, wo sie 1925 als Cecilie Landau geboren wurde. –

In ihren Erinnerungen „Von Asche zum Leben“ schildert Lucille Eichengreen ihren Leidensweg, der nach einer behüteten Kindheit in Hamburg begann. Sie ist vierzehn Jahre alt, als der Vater Benno Landau verhaftet wird. Er stirbt Anfang 1940 im KZ Dachau. Die Asche des Toten wird seiner Frau in einer Zigarrenkiste auf den Küchentisch geknallt. Im Oktober 1941 werden Sala Landau und ihre beiden Töchter Karin und Cecilie ins Getto nach Lodz „evakuiert“

Nach wenigen Wochen stirbt die Mutter, und Cecilie, die sich jetzt für die kleine Schwester verantwortlich fühlt, muß machtlos mit ansehen, wie Karin abtransportiert wird. „Auf Lastwagen“, schreibt sie in einem Gedicht, „Lastwagen nach Lastwagen / Voller Kinder, / weinender, verängstigter Kinder. / Wir sahen sie nie wieder“. Cecilie findet eine Bürobeschäftigung, die ihr wenigstens eine warme Suppe am Tag einbringt. Aufgrund einer Denunziation wird sie von der Gestapo „verhört“, das bedeutet, fast taub geschlagen. Aber sie überlebt – sie überlebt, um nach Auschwitz gebracht zu werden. Sie bleibt zwar von der Tätowierung verschont, aber den Frauen werden die Köpfe kahlgeschoren. Sie kriegen irgendeinen Lumpen zum Anziehen. Die Wassersuppe holen sie sich in Schuhen, weil es keine Teller gibt. Mengele persönlich selektiert das junge Mädchen für das Konzentrationslager Neuengamme, mit seinen Nebenlagern Hamburg-Sasel und Hamburg-Dessauer Straße. Die Kolonnen der abgemagerten, kahlgeschorenen Frauen müssen den Bombenschutt wegräumen. Angetrieben durch die Peitsche eines Frontkämpfers, der das Eiserne Kreuz mit dem Verlust eines Beines bezahlt hat. Gegen die hilflosen Gefangenen kann er seinen Krieg nun weiterführen. Inzwischen ist es Herbst 1944 geworden.

Die nächste grausame Station ihres Weges ist Bergen-Belsen. Cecilie fällt auf, daß die Wachmannschaften weiße Armbinden tragen. Am 15. April 1945 sehen sie die englischen Panzer kommen. Bedeutet das endlich die Freiheit? Nein, die Insassen bleiben zunächst weiter interniert, wenn auch unter erheblich verbesserten Zuständen. Cecilie arbeitet aufgrund ihrer guten Sprachkenntnisse mit den Engländern zusammen. Sie hilft bei Verhaftungen, Verhören und Gerichtsverhandlungen. Endlich bekommt sie Papiere und, kann nach Paris reisen, Von dort aus will sie in die USA. Im März 1946 schifft sie sich in Bordeaux ein. Ihre Schulfreundin holt sie in New York ab. Bei einem Sabbatessen lernt sie Dan Eichengreen kennen, dessen Eltern sie im Getto Lodz getroffen hat. Mit ihm kann sie endlich über ihr Leben sprechen. Sie heiraten 1946.

Bei ihrem Besuch 1991 in Hamburg besucht sie auf dem Friedhof Ohlsdorf das Grab ihres Vaters, die „Asche aus Dachau“. Es ist ihr unmöglich, ihr altes Elternhaus noch einmal zu betreten. Die Reise in die Vergangenheit geht weiter nach Polen. In Lodz findet sie nur eine Granitplatte: „Zur Erinnerung an die Toten des Gettos. 60 000“. In Auschwitz sieht sie polnische Schulkinder, die lachend und schwatzend über das Gelände laufen.

Trotz ihrer Skepsis gegen die heutigen Deutschen oder gerade deshalb hat Lucille Eichengreen ihre Biographie mit großer Intensität, ohne Bitterkeit und Haß geschrieben. Dieses Buch kann man nicht ohne Zorn und Tränen lesen.

Meike Behrendt