BERLIN. – Eigentlich wollte Hilde Schramm ihr dubioses Erbe ohne Aufsehen zurückgeben. Doch ließ sie sich von dem Argument überreden, daß nur „etwas Konkretes“ eine Diskussion in Gang setzen kann.

Die Tochter von Albert Speer, Hitlers Hofarchitekt und Rüstungsminister, will sich nach dem Tod der Mutter von ihrem Anteil trennen. Zum Familienbesitz der Speers gehört eine kleine Gemäldesammlung von Romantikern, einige davon recht wertvoll. Albert Speer hat sie in den dreißiger Jahren „billig“ auf dem Kunstmarkt erworben. Der Erlös soll den Grundstock legen für die Stiftung „Zurückgeben“, die Hilde Schramm mit anderen Frauen in Berlin gegründet hat. Stiftungszweck ist es, die Arbeit jüdischer Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen zu fördern.

Die Stifterinnen wollen auf ein Unrecht aufmerksam machen, das bis heute verdrängt wird: den materiellen Vorteil, den breite Kreise aus der Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus erzielt haben. Dieser „Vernichtungsgewinn“ wird heute an die Nachkommen vererbt. Er besteht aus „arisierten“ Häusern, Wohnungen, Betrieben, Geschäften, aber auch billig erworbenen Kunstgegenständen, Antiquitäten, Möbeln, Schmuck, Tafelsilber.

Schon 1935 wurde jüdischen Kunst- und Antiquitätenhändlern in Deutschland ihre Tätigkeit verboten. Für die „Umgruppierung“ oder Auflösung ihrer Geschäfte blieb ihnen eine Frist von vier Wochen. Ein Berufsverbot folgte dem andern, bis alle Juden aus der deutschen Wirtschaft „ausgeschaltet“, alle jüdischen Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte, Beamte aus ihren Positionen vertrieben waren. Gutdotierte Stellen, angesehene Praxen wurden frei. Wer rechtzeitig emigrieren konnte, veräußerte Hab und Gut zu Spottpreisen und mußte den größten Teil dem „Reich“ überlassen. 1942, angesichts der „Endlösung“, wurde die Auswanderung ganz verboten, der verbliebene Besitz der Deportierten konfisziert.

Dieser Raub geschah öffentlich und legal, wurde durch zahllose Gesetze, Verordnungen, Erlasse und akribische Ausführungsbestimmungen zum Recht. Durch die in Ostdeutschland erhobenen Eigentumsansprüche, fürchtet Hilde Schramm, könnte dieses Unrecht nun zum zweiten Mal legalisiert werden. Die Stifterinnen wollen mit ihrer Initiative weder anklagen noch moralischen Druck erzeugen, „sondern auf biographische Verstrickungen aufmerksam machen und die Nachkommen der NS-Generation auffordern, auch persönlich Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Beirätin Birgit Rommelspacher, Professorin an der Berliner Fachhochschule für Sozialarbeit. Schuld ließe sich zwar nicht vererben, aber „uns ist bewußt geworden, daß, wenn wir dieses Erbe annehmen, wir auch das Unrecht tradieren, das ihm anhaftet“.

Dem Initiativkreis der Stiftung gehören jüdische und nichtjüdische Frauen an, darunter die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen und die Schriftstellerin Elke Erb. Demnächst, wenn der Berliner Senat für Justiz die Stiftung Zurückgeben als gemeinnützig anerkannt haben wird, sollen drei jüdische Frauen in den Stiftungsvorstand gewählt werden, die dann über die Vergabe der Mittel entscheiden – „damit klar wird, daß wir das Geld in jüdische Hände zurückgeben“, sagt Hilde Schramm.

Doch die Zeiten seien nicht danach, Schuld auch als persönliche Verantwortung zu sehen, sagt die Schriftstellerin Esther Dischereit. Trotzdem hat sie sich für die Stiftungsidee einnehmen lassen. Denn „im Gegensatz zu Gedenkreden ist das eine Tat, die keiner Interpretation bedarf“. Aber sie ist nicht bereit, „den freundlichen Juden“ zu spielen, Dankbarkeit zu zeigen. Die „guten Menschen, die nicht einfach das Geld hinlegen und sagen: ‚Das gehört mir nicht‘, sondern eine besondere Würdigung erwarten“, bereiten ihr Probleme.

Von Würdigung oder gar Wiedergutmachung redet auch Hilde Schramm nicht. Aber vielleicht lasse sich dem Unrecht, in dem sich die Nachgeborenen eingerichtet haben, „die Selbstverständlichkeit nehmen“. Ulrike Helwerth