Von Rolf Michaelis

So schön, so frei hat es begonnen. Die Tochter eines Hannoveraner Nähmaschinen- und Fahrradfabrikanten, Karoline Sofie Marie Wigmann, die ihren Namen werbewirksam auf die Silben Mary Wigman straffen wird, ist von zu Haus ausgebrochen. Tänzerin will sie werden. Hat von einem Münchner Tanzmeister gehört, Rudolf von Laban. Der gibt im Sommer, im Paradies der "Lebensreformer" auf dem Monte Verità über Ascona am Lago Maggiore, Kurse für "Bewegungskunst", ganz ohne Musik.

Da will die 26jährige 1913 hin: "Fuhr also runter in den Süden, dritter Klasse, Köfferchen als Koppkissen." Auf dem "Berg der Wahrheit" findet sie "verwilderte Parks, kleine Häuschen darin verstreut... Ich kam noch nicht mal ans Damenluftbad, da hörte ich von weitem schon eine Trommel. Dacht’: ‚Aha, eine Trommel. Das könnte Laban sein.‘ Folgte dem Ton der Trommel, kam auf eine Wiese, und am anderen Ende stand also ein Mann mit kurzen Hosen und einem weißen Hemd, eine Trommel in der Hand, und ein paar Mädchen..., die sich da bewegten. Ich war also fasziniert, stand und starrte, und Laban guckte mal um die Ecke und sagte: ‚Was woll’n Sie denn da?‘ Ich sagte: ‚Ich möchte mitmachen.‘ – ‚Na, da zieh’n Sie sich da hinterm Busch aus und kommen Sie her!‘ – Tat ich. Und es war, als käme ich nach Hause!"

Das ist die Geburtsstunde der Ausdrucks- und Solo- und Bühnentänzerin und Choreographin Mary Wigman, Revolutionärin des deutschen Tanzes, Prophetin des "Ausdrucks"-Tanzes, "High Priestess of German Dance", wie man sie in Amerika bald preist.

Und keine zwanzig, dreißig Jahre später? Die Kämpferin für den "absoluten Tanz" ("Nur Gefühle tanzen wir") hatte gehofft, von den neuen Machthabern, mit denen sie sonst nichts zu tun haben will, in ihrem Kunstwillen verstanden zu werden – und wird verschmäht.

Verlangt nicht auch sie, allerdings bei innigem Gefühl für eine Künstler-Schar Gleichgesinnter, eine "Führer"-Figur für jeden Gruppentanz? "Gemeinschaft setzt Führerschaft voraus... Die Arbeit der Gemeinschaft ist Dienst an der Idee, ist Dienst am Werk. Nur so ist auch die Rolle des Führers im Tanzchor zu verstehen. Der Führer ist ja mit vom gemeinschaftlichen Erleben erfaßt. Der Tanz, den er schafft, ist nicht von ihm ausgedacht, sondern stammt aus dem Gruppengeist, der sich in den Wechselbeziehungen der tänzerischen Arbeit allmählich bildet."

Graue Theorie für braune Barbaren der Denkverweigerung. Zwar nutzen die Nazis die international berühmte Künstlerin, noch bei Hitlers Olympischen Festspielen 1936, gern als Gallionsfigur ihrer dumpf-deutschen Kitsch- und Banal-Kunst, stellen die aufsässig auf dem Individuum gegenüber dem "Volk" als Kultur-Schöpfer beharrende Künstlerin aber rasch in die Ecke.