Von Hans Harald Bräutigam

Der Krampf kann an jedem Ort auftreten: in aller Stille zu Hause oder auf einer belebten Straße, beim Spiel auf dem Schulhof ebenso wie bei der Arbeit im Büro. Augenzeugen eines epileptischen Anfalls sind meist entsetzt: Fassungslos hören sie das dumpfe Stöhnen des plötzlich zu Boden Gestürzten, sehen, wie blutiger Schleim aus seinem Mund quillt. Arme und Beine des Bewußtlosen zucken minutenlang und beruhigen sich erst, wenn er in einen kurzen tiefen Schlaf fällt.

Dem sichtbaren dramatischen Ereignis gehen zwei unsichtbare Vorzeichen voraus. Eines hat der russische Dichter Fjodor Dostojewski, selbst Epileptiker, oft erlebt und beschrieben. In seinem Roman „Der Idiot“ läßt er den Fürsten Myschkin sagen: „Bei epileptischen Anfällen gibt es kurz vor dem Ausbruch der Erkrankung immer einen Augenblick, wo das Gehirn mitten in seiner bekümmerten Erregung, mitten in seiner seelischen Dunkelheit und Bedrücktheit plötzlich gleichsam aufflammt. Der Verstand und das Herz werden mit ungewöhnlichem Licht erfüllt, und aller Kummer und aller Zweifel lösen sich in Frieden auf.“

Fürst Myschkins tröstliche Beschreibung der Epilepsie spiegelt die antike Auffassung des Krampfleidens wider. Für die alten Griechen war die Epilepsie eine „heilige Krankheit“ und den Lieblingen der Götter vorbehalten.

Ein anderes, mehr naturwissenschaftliches Vorzeichen des Anfalls hat ein englischer Epilepsieforscher beschrieben. Er spricht vom „Zündeln der Gehirnzellen“. Denn ein Anfall kommt nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern ist vielmehr durch eine erniedrigte Krampfschwelle im Gehirn vorgezeichnet. Bei manchen Menschen kann die Neigung zu einem Gehirnkrampf ein Leben lang bestehen, ohne daß es zu einem Anfall kommt. Bei anderen genügt eine Provokation wie Schlafentzug, Alkoholmißbrauch oder Drogenkonsum, um den Anfall auszulösen.

Die Epilepsie ist immer noch von einem mystischen Flair umgeben. Das hat zum einen mit manchmal unbefriedigenden Behandlungsergebnissen zu tun. Zum anderen kann die Epilepsie in vielfältigen Formen auftreten: als Nickkrampf beim Kleinkind, als sogenannte Absence des Schülers, der für einige Augenblicke im Unterricht geistig abwesend ist, oder als das Grand mal, der große Anfall, der mit Bewußtlosigkeit und Krämpfen einhergeht.

Über Jahrzehnte hat sich an der Therapie nicht viel geändert: Krampflösende Medikamente, anfänglich Luminal, später Carbamazepin, Valproinsäure oder Diazepame blieben über lange Zeit für die Ärzte die Mittel der Wahl.