Von Gisela Dachs

Jericho

Den Stoffhändlern sind die nationalen Farben ausgegangen: Schwarz, Weiß, Grün und Rot. Die Palästinenser haben daraus Flaggen geschneidert. Sie flattern auf den Dächern, den Autos, dem Rathaus – und kein israelischer Ordnungshüter greift ein. Daran hat sich auch nach zehn Tagen niemand gewöhnt. Noch hängt über der Polizeiwache am Marktplatz die Fahne mit dem Davidstern. Aber seitdem sich Jassir Arafat und Jitzhak Rabin in Washington die Hände gereicht haben, ist in der ältesten Stadt der Welt nichts mehr, wie es war. „Spätestens in zehn Wochen“, hat der PLO-Chef am vergangenen Wochenende versprochen, komme er nach Jericho. Dort wartet man schon ungeduldig auf ihn. Nach dem Freudentaumel verlangen die Einwohner erste konkrete Schritte auf dem Weg zur Autonomie.

Wo Abu Ammar (Arafats PLO-Kampfname) sein Quartier aufschlagen wird, darüber kann selbst Jerichos Bürgermeister Jamil Khalaf nur spekulieren: In der modernen dreistöckigen Villa mit Swimmingpool auf dem Weg zur Allenby-Brücke nach Jordanien? Oder in dem alten weißen Haus am Ortseingang mit den frisch gestrichenen grünen Fensterläden und Türen? Auch Khalaf sehnt Arafats Rückkehr herbei, den er als jungen Mann kennengelernt hat. Später, 1963, habe der PLO-Chef sogar ein ganzes Jahr in Jericho verbracht, erzählt der Bürgermeister stolz.

In den vergangenen Wochen drückten in seinem Büro Journalisten aus aller Welt einander die Klinke in die Hand. Neben Auszügen aus dem Koran hängen auch zwei Photos an der Wand: Auf dem einen ist der schnauzbärtige Khalaf mit seinem „alten Bekannten“ Jimmy Carter abgebildet, auf dem anderen steht er neben Jitzhak Rabin – das war vor wenigen Monaten.

Jamil Khalaf hat mehr Fragen als Antworten parat: Wird es eine Grenze geben zwischen den Gebieten von Jericho und Gaza, die jetzt autonom werden sollen, und den weiterhin von Israel besetzten Gebieten? Was wird aus den jüdischen Siedlungen? Brauchen wir künftig Passierscheine, wenn wir nach Ramallah, Nablus oder Bethlehem fahren wollen? Wer kontrolliert? Werden wir neue Autokennzeichen bekommen und neue Telephonnummern? Aber, so fügt der Bürgermeister mit Überzeugung hinzu: „Wir wollen beweisen, daß wir uns selber am Schopf packen können.“ Er glaubt daran, daß Jericho eines Tages das „Tor zum Osten“, nach Jordanien und Irak, werden wird.

Nur acht Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt liegt diese große, verschlafene Oase mit ihren Zitrushainen, Dattelpalmen und Bananenplantagen – 250 Meter unter dem Meeresspiegel. Selbst im Januar sinkt die Temperatur selten unter zwanzig Grad. Im Sommer leben hier 16 000 Menschen, im Winter sind es mehr, wenn Palästinenser aus dem kalten Ramallah oder aus Jerusalem herziehen. „Die Herren der Welt haben hier ihren Urlaub verbracht“, erzählt Jamil Khalaf: der letzte Kaiser von Äthiopien, der König von Jordanien und der Präsident von Ägypten. Im Winterpalast hätten sich 1948 die Araber aus dem Westjordanland mit dem jordanischen König Abdallah verständigt. Daß es damals um den Krieg gegen Israel ging, verschweigt der Bürgermeister.