Von Wilhelm Karst

Daß Peter Guth immer wieder das Höllental durchschreiten muß, um im Himmelreich anzukommen, hat nichts mit einem biblischen Gleichnis zu tun. Es ist nur so etwas wie eine Arbeitsplatzbeschreibung für einen Beruf, der in Peter Guth seinen letzten Vertreter hat: Der 52jährige Schwarzwälder ist der einzig übriggebliebene Streckengeher im Bereich der Deutschen Bundesbahn. Und die Höllentalbahn zwischen der kleinen Bahnstation Himmelreich, die ihrer Lage in einer lieblichen Vorbergzone den Namen verdankt, und dem Schwarzwaldkur- und -wintersportort Hinterzarten ist der Abschnitt, für den Peter Guth seit dreißig Jahren zuständig ist.

Bis vor fünf Jahren gab es noch fast 300 solcher „Dauerläufer“, die im Jahr bis zu 5000 Kilometer auf Schwellen und Schotter zwischen Gleisen zurücklegten. Ihre Aufgabe war es, Bahnstrecken auf ihre Sicherheit hin zu überprüfen. Unregelmäßigkeiten in der Spurweite wurden ebenso registriert wie Absenkungen in den Gleiskörpern oder Schäden in den Brückenbauwerken. Kleinere Mängel wie lose Schienenbefestigungen wurden von den Streckengehern selbst behoben, gewichtigere Störungen an die Streckenaufsicht gemeldet. Anfang 1988 indes schickte die Bahn ihre Streckengeher in den Ruhestand oder auf andere Posten und ersetzte sie durch moderne Schienenmeßzüge.

Einzig Peter Guth blieb dieses Schicksal erspart, und das hat mit den geologischen Besonderheiten der über hundert Jahre alten Schienenverbindung vom Rheintal in den Hochschwarzwald zu tun. Denn von dem steilen Gneis- und Granitgebirge stürzen immer wieder Felsbrocker in die Tiefe, poltert eiszeitliches Geröll auf die Schienen, unterspült Wasser das Schotterbett der Gleise und lösen Hitze und Frost Quader aus den Befestigungsbauwerken für den Schienenstrarg. Da schläft der zuständige Bauleiter in Titisee-Neustadt nach eigenem Bekunden wesentlich ruhiger, wenn er Peter Guth auf dieser Strecke regelmäßig unterwegs weiß.

Seinen Kontrollgang, den Peter Guth zweimal die Woche, immer montags und donnerstags, in Hinterzarten beginnt, scheut er auch dann nicht, wenn der Schwarzwald mit Frost und Schnee, Regen und Kälte seine eher unwirtliche Seite hervorkehrt. Allerdings: Der Sommer, wenn bei Tagesanbruch die Spechte in den Wäldern klopfen, er die Vögel zwitschern hört und die Gemsen zwischen den Felsen beim Klettern beobachten kann, ist auch für den wettergegerbten Streckenläufer die schönste Jahreszeit.

Für die Strecke von Hinterzarten hinunter ins Tal braucht er mit Pausen etwa vier Stunden. Auf seiner Tour passiert er schon bald das eindrucksvolle, fast 40 Meter hohe Ravennaviadukt, das die gleichnamige Schlucht mehr als 140 Meter breit überspannt und im übrigen die einzige beheizbare Brücke im Bereich der Bundesbahn ist. Würden die Schienen im Winter einfrieren, dann gäbe es mit über fünf Prozent Steigung an diesem Streckenabschnitt für die Züge kein Vorankommen mehr.

Peter Guth hat an dieser Stelle bereits einen von insgesamt sieben Tunnels passiert, deren längster mit 248 Metern der sogenannte Finsterranktunnel ist. Der Weg führt den Streckengeher vorbei an längst stillgelegten Haltestellen mit klingenden Namen wie Höllsteig, Posthalde, Hirschsprung oder eben Himmelreich. Vor und hinter sich hat er dabei ständig die Bilderbuchkulisse des Höllentals, das im hohen Mittelalter vom Raubrittergeschlecht der Falkensteiner bewohnt und von zwei Burgen aus unsicher gemacht wurde. Das Tal war bis weit ins 18. Jahrhundert hinaus nur mühselig über dürftige Karrenwege und Saumpfade zu passieren.