ZDF, freitags: „Immer wieder Sonntag“

Nach Wiedervereinigung und Regierungssitzentscheidung sind Berlin-Serien Pflicht. Die Privatsender haben mit „Wolffs Revier“ und „Berlin Break“ reagiert, auch der unsägliche Klaus Löwitsch hetzte als „Zorc“ gern über Berliner Fabrikhöfe. Die öffentlichrechtlichen Sender aber, jedenfalls die beiden größten (WDR und ZDF), sind nun mal rhein/mainländisch. Sie glauben immer noch, Berlin-Stoffe auf den kleinen SFB oder den in der Entwicklung befindlichen MDR abschieben zu können, und drehen selbst lieber zu Hause oder in Südeuropa.

Mit „Immer wieder Sonntag“, einer Familienserie im Kleinbürgermilieu, hat sich das ZDF nun tatsächlich in die Mark aufgemacht, jedenfalls soll man das glauben. Denn das, was Berlin tatsächlich bietet: Schauplätze von erschütternder Gammeligkeit, Verlorenheit und Brüchigkeit, das ignoriert diese Serie mit kurioser Indolenz. Man muß es sich mal vorstellen: Die – abgesehen von einigen Ost-Städten – einzige deutsche Großstadt, in der die bizarre Mietskasernenlandschaft der Jahrhundertwende nicht nur in weiten Teilen erhalten ist, sondern das Stadtbild dominiert, die auch für die Zukunft unwandelbar proletarisch geprägte Stadt wird Hintergrund einer Familienserie im Kleineleutemilieu, und das Ganze spielt in einem Einfamilienhaus! Mit Garten! Schon daran erkennt man, daß der auftraggebende Sender im Westen residiert.

Natürlich gibt es auch in Berlin Einfamilienhäuser, und die Mehrzahl der Berliner wünscht sich wahrscheinlich, in einem solchen zu wohnen. Trotzdem charakterisiert die Kleinvilla im Grünen diese Stadt weder architektonisch noch sozial. Ein Busfahrer wie der sympathische Franz Sonntag aus der Serie „Immer wieder...“ würde in Berlin unbedingt in einem Mietshaus wohnen. Und die Geldsorgen, die ihn im ZDF wegen seines Eigenheims plagen, wären im wirklichen Berlin Mietsorgen. Aber in Mainz hat man eben mit Berlin so wenig im Sinn wie in Bonn. Das langweilige Eigenheim der Sonntags, das überall stehen könnte, erlaubt Dreharbeiten im Rhein/Mainland, und so ist das Wichtigste erreicht: Man erweist Berlin eine Reverenz, ohne hinzumüssen. Die Berliner Zuschauer allerdings dürften nicht ganz so zufrieden sein, denn sie merken bald, daß der Schauplatz der neuen Serie ein Etikettenschwindel ist. Nur einmal war das Fernsehteam kurz in Berlin: um Franz Sonntag dabei zu filmen, wie er seinen Bus mit der Zielangabe „Bahnhof Zoologischer Garten“ durch ein paar ruhige Straßen steuert, falls nicht auch hier der Hintergrund aus Wiesbaden stammt. Das dörfliche Ambiente hingegen, in dem Familie Sonntag einkauft und sich mit den Nachbarn zankt, verströmt den eher westdeutschen Charme des geputzten Nirgendwo, vor dessen drückender Einförmigkeit noch heute viel junges Volk nach Berlin flieht.

Man stellt keine Berlin-Atmosphäre her, wenn man sich darauf beschränkt, die Personen Sonnabend statt Samstag und Schrippen statt Brötchen sagen zu lassen, und das mehrmals pro Folge. An Berlin fasziniert sein großes, altes, kaputtes, heterogenes Häuserkonglomerat. Wer sich da nicht reintraut – eine Feigheit, die für Augentiere wie Kameraleute und Fernsehregisseure unbegreiflich ist –, wer den Reiz dieser enormen Kulisse nicht verspürt, sollte keine „Berlin“-Serien konzipieren. Barbara Sichtermann, Berlin