Von Nikolaus Piper

„Die Konkurrenzwirtschaft erscheint so gleichsam als eine automatische Rechenmaschine zur Ermittlung von Größen, die auf dem Wege einer unmittelbaren Rechnung schlechterdings von Menschen nicht ermittelt werden können.“

Heinrich von Stackelberg

Martin Heidegger, Gerhart Hauptmann, Ernst Jünger, Carl Schmitt – es gibt eine lange Liste von Namen deutscher Geistesgrößen, die sich mehr oder weniger stark mit dem Nationalsozialismus eingelassen haben. Aus der Zunft der Ökonomen gehört auf diese Liste vor allem der Name Heinrich von Stackelbergs. Sein wissenschaftlicher Rang ist unbestritten; die meisten VWL-Studenten lernen auch heute noch seinen Namen kennen, über die Person selbst allerdings schweigt die Fachwelt meist betreten.

Strittig ist dabei nicht, ob Stackelberg ein Nazi war, sondern allenfalls, ob er irgendwann einmal aufhörte, einer zu sein.

Heinrich von Stackelberg wurde 1905 in der Kleinstadt Kudinow bei Moskau geboren. Sein Vater, ein aus Estland stammender Deutsch-balte, leitete dort eine Fabrik. Während des Ersten Weltkriegs lebte die Familie in Jalta auf der Krim und mußte nach der Oktoberrevolution 1918 auf abenteuerlichen Wegen fliehen, zunächst ins Baltikum, später per Schiff nach Stettin. Stackelberg wurde daher fast zwangsläufig in entscheidenden Phasen seiner Jugend vom politischen Klima unter den deutschbaltischen Emigranten geprägt; er erlebte, so schrieb sein Schüler Hans Möller, ihren „autokratischen und autoritären Konservatismus, ihr elitäres Standesbewußtsein, ihre bodengebundene Heimatliebe und die Kultivierung ihres Deutschtums“. Stackelbergs Weg nach rechts war vorgezeichnet – von der Mitgliedschaft in der „Freischar Junger Nation“, eines rechtsextremen Ablegers der bündischen Jugendbewegung, bis zum Eintritt in die NSDAP 1931 und später in die SS.

Scheinbar im Kontrast zu dieser Entwicklung steht Stackelbergs wissenschaftliche Laufbahn. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln und orientierte sich dabei von Anfang an stark auf die mathematische Ökonomie, einen sich betont unideologisch gebenden Zweig der Wissenschaft. Bereits 1934 erreichte er mit seiner Habilitationsschrift „Marktform und Gleichgewicht“ den Durchbruch. In diesem vergleichsweise dünnen Buch entwickelte er eine eigenständige Marktformenlehre und vor allem eine Oligopoltheorie, die noch heute mit seinem Namen verbunden ist.

Um das Beziehungsgeflecht einer Wirtschaft widerspruchsfrei und formal elegant beschreiben zu können, griffen die Ökonomen früher meist auf das Modell der „vollständigen Konkurrenz“ zurück, auf das Idealbild eines Marktes mit so vielen Anbietern, daß ein einzelner den Marktpreis nicht beeinflussen kann – eine völlig wirklichkeitsfremde Fiktion. Reale Märkte werden meist von „Oligopolen“ bestimmt, es gibt einige wenige Anbieter, die sehr wohl den Preis beeinflussen können: Sie bilden Kartelle, liefern sich Preiskämpfe oder arrangieren sich stillschweigend. Für die neoklassische Ökonomie stellen solche Märkte ein fundamentales Problem dar: Das „Gleichgewicht“, nach dem sie beständig sucht, tritt nur ein, wenn man sehr unrealistische Verhaltensannahmen zugrunde legt.

Stackelberg nun fand heraus, daß auf einem Markt mit zwei Anbietern („Dyopol“) dann ein stabiles Gleichgewicht möglich ist, wenn einer der beiden Produzenten deutlich mächtiger ist als der andere. In diesem Fall nämlich kann der Stärkere eine „Unabhängigkeitsposition“ anstreben und so viel von der Ware auf den Markt werfen, wie es für ihn am günstigsten ist. Wenn der zweite Dyopolist sich diesem Diktat beugt, verdient er zwar weniger als sein Konkurrent, er steht sich aber immer noch besser als bei einem offenen Preiskampf. Dieses „asymmetrische Dyopol“ ist als „Stackelbergsche Lösung“ in die Dogmengeschichte eingegangen.

Derartige Modelle können durchaus politische Relevanz haben. Mitte der achtziger Jahre etwa entwickelten amerikanische Ökonomen das Konzept einer „strategischen Handelspolitik“ und zogen als Begründung Stackelbergs Lösung heran. Der Staat, so forderten sie, solle heimische Unternehmen durch Exportsubventionen in die Lage versetzen, daß sie im internationalen Wettbewerb die Stackelbergsche „Unabhängigkeitsposition“ einnehmen können. Gelingt dies, dann werden Gewinne von ausländischen auf inländische Firmen verschoben (profit shifting). Stackelberg selbst interpretierte seine Marktformenlehre auf höchst politische Weise. Auf oligopolistischen Märkten, so meinte er, sind „Stackelbergsche Lösungen“ die Ausnahme, die Regel sind „Gleichgewichtslosigkeit“ und Kampf. „Dieser Kampf kann jedoch seine Lösung nicht aus dem Marktmechanismus erhalten“, war seine Konsequenz. Hier muß der Staat eingreifen, und das hieß für Stackelberg damals: der autoritäre Staat. Sein Buch „Marktform und Gleichgewicht“ schließt mit einem Loblied auf den „faschistisch-korporativen Markt“, wie er ihn im Italien Mussolinis vor sich sah. Der Staat müsse, so forderte er, jene Marktergebnisse erzwingen, die sich bei vollständiger Konkurrenz eigentlich eingestellt hätten, die die tatsächlich existierenden Oligopole aber verhinderten. Dazu war ein faschistischer Staat besonders geeignet, da er, im Unterschied zur Demokratie, nicht auf parlamentarische Kompromisse angewiesen war, sondern „von einer einheitlichen Zielsetzung aus dem Wirtschaftsleben einen ordnenden Willen“ aufzwingen konnte. Stackelberg benutzte das Modell der vollständigen Konkurrenz zunächst, um es als unrealistisch zu entlarven und so den Harmonieanspruch des Liberalismus zu widerlegen. In einem zweiten Schritt wird es zur Norm, um die Eingriffe von Europas Diktatoren in die Wirtschaft zu rechtfertigen.

Zwar forschte Stackelberg in ganz ähnlicher Richtung wie viele angesehene Ökonomen der dreißiger Jahre – etwa die dezidiert linke Joan Robinson; politisch war jedoch sein Ruf in der internationalen Fachwelt ruiniert. In Deutschland selbst trat er als Apologet des nationalsozialistischen Systems auf. Er wurde „Dozentenschaftsführer“ der Universität Köln und dozierte über Prinzipien einer „Nationalsozialistischen Wissenschaft“; in der SS brachte er es bis zum Scharführer.

Im Laufe der dreißiger Jahre scheint sich Stackelberg dann jedoch innerlich vom Nationalsozialismus distanziert zu haben. So stellt es jedenfalls Hans Möller in seinem biographischen Essay dar und führt im wesentlichen drei Belege für diese These an: Stackelberg beantragte zweimal vergeblich das Ausscheiden aus der SS, nachdem er dort wegen seiner kirchlichen Heirat angefeindet worden war und die Nationalsozialisten außerdem eine deutschbaltische Organisation gleichgeschaltet hatten. Ende 1937 setzte er entgegen einem ministeriellen Erlaß als Koreferent die Promotion eines jüdischen Doktoranden durch.

Und schließlich war Stackelberg eng mit Jens Jessen befreundet, einem Ökonomen, der nach anfänglicher Begeisterung für die Nazis Kontakt zum Widerstand aufnahm und dafür im November 1944 hingerichtet wurde. Jessen hatte innerhalb der Akademie für Deutsches Recht eine Klasse IV „Zur Erforschung der völkischen Wirtschaft“ eingerichtet, an der auch Stackelberg teilnahm. Als diese Klasse im Frühjahr 1943 geschlossen wurde, bildeten etliche ihrer Mitglieder um Stackelbergs Lehrer Erwin von Beckerath eine unabhängige Arbeitsgemeinschaft, in der die Ordoliberalen der späteren Freiburger Schule tonangebend waren. Dort hielt Stackelberg 1943 einen Vortrag über „Möglichkeiten und Grenzen der Wirtschaftslenkung“. Im selben Jahr trat er eine Gastprofessur in Madrid an. Dort starb er 1946 im Alter von nur 41 Jahren an Morbus Hodgkin, einer bösartigen Erkrankung der Lymphknoten.

Was bleibt von Stackelberg? Da seine Arbeit immer auch politische Implikationen hatte, spielt die Frage eine erhebliche Rolle, ob die Arbeit des Ökonomen in den vierziger Jahren „Widerstand“ war oder nicht. Hans Möller, der Schüler, beantwortet die Frage mit Ja, schließlich hätten sich die Wissenschaftler weitab von der Naziideologie bewegt. Forscher wie der Marburger Soziologe Dieter Haselbach sagen nein. Sie verstehen die Arbeit der Gruppe um Erwin von Beckerath als systemtreuen Versuch, den Nazis für den Fall des Endsieges wirtschaftliche Vernunft beizubringen. Immerhin räumt auch Haselbach ein, daß die Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaft ein erhebliches persönliches Risiko auf sich genommen haben.

Stackelbergs Veröffentlichungen lassen beide Deutungen zu. Einerseits entwickelte er 1942 Pläne für ein europäisches Währungssystem nach dem Sieg der Wehrmacht ganz nach Nazizuschnitt: Um das Großdeutsche Reich herum sollte sich ein „Reichsmarkblock“ unterworfener Staaten bilden, mit einer „Deckungsmark“ als Verrechnungsgröße innerhalb einer „nach dem Führungsprinzip aufgebauten“ Währungskooperation. Andererseits kam er in seinem Vortrag von 1943 über Wirtschaftslenkung den ordnungspolitischen Vorstellungen Walter Euckens sehr nahe. Die Widersprüche sind heute nicht mehr aufzuklären.

In den fünfziger Jahren bekam Stackelberg posthum großen Einfluß auf die volkswirtschaftlichen Fakultäten der Bundesrepublik. Sein 1943 erstmals erschienenes Lehrbuch „Grundzüge der theoretischen Volkswirtschaftslehre“ beeinflußte eine ganze Generation von Volkswirten. Die Meinung des Ökonomen Jürg Niehans klingt zwar paradox, ist aber alles andere als abwegig: Stackelbergs Bedeutung liege vor allem darin, daß er zusammen mit anderen die deutsche Volkswirtschaftslehre wieder an den internationalen Hauptstrom der Forschung herangeführt habe, von dem sie wegen der Vorherrschaft der historischen Schule lange Zeit abgeschnitten war. In diesem Falle hätte er – Ironie der Geschichte – als Nationalsozialist einen wesentlichen Fortschritt der deutschen Ökonomie aus der Weimarer Republik über die Nazizeit hinweg in die Nachkriegszeit gerettet.

Norbert Kloten, Hans Möller (Hrsg.):

Heinrich Freiherr von Stackelberg

Gesammelte wirtschaftswissenschaftliche Abhandlungen in zwei Bänden mit einem Vorwort über Leben und Werk

Transfer Verlag, Regensburg 1992; 544 und 510 Seiten, 180,– Mark