Nelly Sachs und Paul Celan waren schon zu Lebzeiten in Legendenferne gerückt und wahrlich nie das, was kulturverwaltender Biedersinn als "Dichter zum Anfassen" ausruft. Beide lebten und schrieben außerhalb der zwei Länder, die als deutsche firmierten, ja außerhalb des deutschen Sprachraums. Beide waren Exilierte und Gepeinigte, deren Pein sich jenem "Meister resgleichen nur "die Wohnungen des Todes" und ren allerdings auch Errettete, aber sie empfanden ihre Errettung als Schuld.

"Er bewegte sich wie einer, der dem Boden nicht traut", notierte Hermann Lenz über eine Begegnung mit Paul Celan, und den Eindruck, sich dauernd über einem Abgrund zu bewegen, vermittelte auch Nelly Sachs. Dichtung war für beide ein über den Abgrund der Vergangenheit gespanntes Rettungsseil aus nichts als Worten; man könnte, mit Cioran, auch sagen: Dichtung war für beide aufgeschobener Selbstmord, jedenfalls nie Resonanzboden für bloße Stimmungen oder ästhetische Spielwiese, sondern letztlich jene "Form des Gebets", die Kafka als höchstes Ziel des Schreibens definiert hat. Dichtung war ein Erflehen der Erlösung - oder ein Ersatz für Erlösung.

Bei so viel Schicksals- und Seelenverwandtschaft scheinen Nelly Sachs und Paul Celan zur Freundschaft prädestiniert gewesen zu sein. Tatsächlich haben beide über einen Zeitraum von fast sechzehn Jahren Briefe gewechselt. Doch leibhaftig begegnet sind sich Nelly Sachs und Paul Celan im Grunde nur ein einziges Mal und nur für wenige verhängnisvolle - Tage. Und zwischen ihren Briefen gibt es lange und immer längere Perioden des Schweigens, die von jener Seinsverfinsterüng künden, in die beide immer neu und immer tiefer versanken. Zuletzt verband beide nur noch die Krankheit, die Paranoia. Doch die verband eben nicht. Im September 1960 reiste Paul Celan, der von der Einlieferung der Freundin in die Nervenklinik erfahren hatte, spontan zu ihr nach Stockholm, wo Nelly Sachs ihn aber nicht erkannte - oder nicht erkennen wollte. Um den 20. April 1970 machte Paul Celan seinem Leben ein Ende. Nur drei Wochen später starb Nelly Sachs.

Will man verstehen, warum der gerade Zwanzigjährige, der ich einmal war, im November 1957 den soeben beim Ellermann Verlag erschienenen Nelly Sachs Gedichtband "Und niemand weiß weiter" an Paul Celan nach Paris sandte, muß man wissen, daß Nelly Sachs bis dahin in der Bundesrepublik eine völlig Unbekannte war. Ihre beiden Gedichtbände "In den Wohnungen des Todes" und "Sternverdunkelung" waren 1947 in Ostberlin (bei Aufbau) sowie 1949 in Amsterdam (bei Berman Fischer) herausgekommen und in dem ganz auf Restauration getrimmten Westen Deutschlands vorsätzlich ignoriert worden. Ich durfte also mutmaßen, daß sie auch Paul Celan nie erreicht hatten. Dessen Antwort auf meinen Missionierungsversuch erfolgte prompt und bestand aus einem Päckchen, das nichts weiter enthielt als eben jenen Nelly Sachs Gedichtband "Und niemand weiß weiter". Es handelte sich um Paul Celans eigenes Exemplar, in das der Dichter als Indiz seiner Informiertheit das Erwerbsdatum eingetragen hatte: "Paris, 12. XI. 1957".

Einen Monat nach diesem rührenden Büchertausch, am 13. Dezember 1957, schreibt Paul Celan seinen ersten Brief an Nelly Sachs: "Ich besitze Ihren neuen Gedichtband: er steht, mit den beiden anderen, neben den wahrsten Büchern in meiner Bibliothek Nelly Sachs, die bereits 1954 einmal mit Celan in Kontakt zu treten versucht hatte, antwortet nicht weniger feierlich: "Ihr Brief war eine der großen Freuden in meinem Leben. Sie wissen um meine Dinge, haben sie bei sich, so habe ich Heimat "

Die Gedichte, die Celan für einen Abdruck in einer von ihm und Ingeborg Bachmann redigierten Sondernummer der römischen Zeitschrift Botteghe zwar ihrem Brief an ihn bei, aber sie betont ausdrücklich, daß die Gedichte "nur Mittel den Atem vor dem Ersticken zu retten" und nicht Resultat irgendeines Kunstanspruchs sind Über die Machart ihrer Gedichte, über Handwerkliches findet sich auch in allen folgenden Briefen kein einziges Wort. Ihr dichterisches Credo, das sie dem neuen Freund ablegt, ist kein ästhetisches, sondern eher ein religiöses: "Es gibt und gab und ist mit jedem Atemzug in mir der Glaube an die Durchschmerzung, an die Durchseelung des Staubes als an eine Tätigkeit wozu wir angetreten. Ich glaube an ein unsichtbares Universum darin wir unser dunkel Vollbrachtes einzeichnen [ ] Vom eigenen Volk kam mir die chassidische Mystik zu Hilfe, die eng im Zusammenhang mit aller Mystik sich ihren Wohnort weit fort von allen Dogmen und Institutionen immer aufs neue in Geburtswehen schaffen muß "

Paul Celans Verhältnis zum Judentum war immer ambivalent - in seinen frühen Pariser Jahren soll der mit einer Katholikin aus französischem Adel Verheiratete seine jüdische Herkunft sogar bewußt verborgen haben, und wenn er später auch stets betonte, ein jüdischer Dichter zu sein, verbat er sich gleichzeitig doch auch, auf Jüdisches festgelegt zu werden, wohl, weil er fürchtete, daß der jüdische Aspekt die ästhetische Qualität seiner Gedichte überschatten könnte. Und doch hat Paul Celan sich nirgendwo sonst so rückhaltlos mit seinem Judentum identifiziert wie im Briefwechsel mit Nelly Sachs. Schon bald redet diese ihn so an: "Paul Celan, lieber Paul Celan, gesegnet von Bach und Hölderlin, gesegnet von den Chassiden". Wenn Celan, wie Gerhart Baumann es in seinen Celan Erinnerungen festhält, sich in seinen letzten Jahren "zunehmend bewußter seiner Anfänge in Czernowitz entsann und wieder wurde, was zu sein er zwischenzeitlich beinahe aufgegeben [hatte]: ein jüdischer Dichter aus der Heimat der chassidischen Geschichten", so verdankt sich diese Entwicklung nicht zum wenigsten Nelly Sachs und ihrer chassidisch inbrünstigen Weltsicht. Schon seinen zweiten Brief an sie unterzeichnet Celan, der erklärte Atheist, mit dem hebräisch geschriebenen Gruß "Friede und Segen", und in den Band seiner Mandelstam Übertragungen schreibt er ihr im November 1959 als Widmung das Bibelzitat: "Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte". Vollends sein Schlüsselgedicht "Zürich, Zum Storchen", das unmittelbar nach der ersten persönliehen Begegnung mit Nelly Sachs in Zürich entstand und ihr gewidmet wurde, spiegelt die unerhörte Intensität, mit der Paul Celan sich damals mit der Religion seiner Väter auseinandersetzte: "Von deinem Gott war die Rede, ich sprach gegen ihn, ich ließ das Herz, das ich hatte, hoffen: auf sein höchstes, umröcheltes, sein haderndes Wort - Dein Äug sah mir zu, sah hinweg, dein Mund sprach sich dem Äug zu, ich hörte: Wir wissen ja nicht, weißt du, wir wissen ja nicht, was gilt "