Von Helmut Schödel

Er verband mit dieser Reise keine großen Erwartungen, konnte sie sich nur als Dienstreise denken und ahnte nicht im geringsten, wie makaber alles ausgehen würde. Heiner Müller war dem Berliner Ensemble seit langem eine Inszenierung schuldig und wollte sich endlich mit "Duell Traktor Fatzer" (einer Collage aus Müller und Brecht) zugleich als Kodirektor des Hauses vorstellen. "Wer im Westen kein Millionär ist und kein Clochard werden will", hat Müller einmal gesagt, "lebt im Reich der Notwendigkeit." Erstens hatte Müller also eine Premiere, und zweitens stand ein Jubiläum ins Haus: drei Jahre Bundesbürger.

Er stellt sich vor, wie sich Müller, der Jubilar, zum 3. Oktober in seiner Wohnung ein kapitalistisches Stilleben arrangiert. Bei seinem Fleischer am Prenzlauer Berg bestellt er sich einen Freßkorb, aus dem oben eine goldene 3 herausschaut, und beim Blumenhändler einen Strauß roter Nelken, wie sie sich die Genossen ins Knopfloch steckten. Er stellt sich vor, wie Müller auf einem Sofa aus der Zeit der Oktoberrevolution hinter einem Freßkorb aus der Zeit der Konterrevolution verschwindet und wie ihm beim Blick auf die Würste schon wieder die deutsche Geschichte und Haarmann einfallen. Und weil es zu Müllers Talent gehört, die Toten zum Sprechen zu bringen, sagt die Wurst zum Autor, im Tonfall eines rapportierenden NVA-Offiziers: "Apologie Haarmann. Bei diesen Fleischpreisen beinahe Notwehr."

Natürlich hat dieses dinner for one nicht stattgefunden, und trotzdem zeigt der schlechte Witz zugleich die Situation. Als die DDR Müllers Arbeiten unterdrückte, gehörte es zur Logik des Kalten Krieges, sich im Westen mit ihnen zu schmücken. Seit der Wiedervereinigung gibt man Müller seine Texte zurück. Heiner Müller spielen – das ist eine Rollenerwartung an einen Ex-DDR-Autor, aber kein Theaterprogramm mehr.

In Bayreuth, auf dem grünen Hügel – the fool on the hill –, mit der alten Krankenkassenbrille und der Brecht-Zigarre den Provokateur im schwarzen Schmuddelpulli spielen und Joachim Kaiser aus der Reserve locken. Nach dem Motto "Arbeiten und nicht verzweifeln" eine Stasi-Debatte hinter sich bringen. Am Deutschen Theater bequeme Regieaufträge ablehnen und im Berliner Ensemble, seit Jahrzehnten ein Brecht-Museum (und das einzige Haus mit einer unterirdischen Verbindung zum Kyffhäuser), auf den alten Stücken bestehen. In die Falle gehen, um den eigenen ewigen Affront zu begründen. Das real existierende Gesellschaftstheater nicht ohne Spaß die anderen spielen lassen und Zuschauer werden. Das ist Müller heute.

Von einem der obersten Ränge, wie es dem größten Tragödiendichter zusteht, schaut er jetzt von einem Stehplatz auf das neue Deutschland hinunter. "Nach uns kommt nichts", sagt Brechts Fatzer in Müllers Inszenierung.

Diese Reise konnte keine Dienstreise werden.

Am späten Nachmittag kam der Reisende nach Berlin und bezog sein Quartier im Ostteil der Stadt, Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden. Ein Hoteldiener brachte die Koffer auf Zimmer 321, und in der Hotelbar spielte ein Pianist an einem weißen Flügel das Übliche. Das ist nicht der unwichtigste Teil der Geschichte: Bis hierher funktionierte alles ganz normal und ist belegbar. Es existieren ein Flugticket, eine Hotelrechnung und eine Liste der Telephongespräche, die von Zimmer 321 aus geführt worden sind. Danach ist alles konfus.

Schwer zu glauben, daß der Reisende das Gefühl hatte, im Hotel führen auf einmal alle Aufzüge nur noch nach unten, ganz Berlin eine Rutsche, wie er sie von Besichtigungen in Höhlen und Bergwerken kannte. Man bekam ein Leder unter den Hintern geschnallt, und ab ging die Fahrt. Diesmal lag die Führung in prominenter Hand: Heiner Müller.

Am Anfang saß er oben. Über den Köpfen des Publikums in einer Loge des Theaters am Schiffbauerdamm, das Brecht 1954 mit seinem Berliner Ensemble bezog. Draußen vor einer öden Fläche, auf der einst der alte Friedrichstadt-Palast stand, sitzt jetzt ein Brecht aus Bronze zwischen marmornen Stalagmiten, in die man seine Sprüche eingemeißelt hat: "Nichts ist sicher. So wie es ist, bleibt es nicht." Und so, wie es jetzt ist, hätte es eigentlich nie werden dürfen – das lehrte Müller den Reisenden in diesen Tagen.

Von einer Loge im Berliner Ensemble las Müller auf die Köpfe seiner Zuhörer hinunter fast emotionslos Brecht-Texte vor. Man sah nur Müllers bleiche Stirn und den oberen Rand seiner schwarzen Brille. Es war, als lese ein ostdeutscher Mephisto einem Faust aus dem Westen die Leviten. "Was sind das für Zeiten! / Mit einer einfachen Gemeinheit, höre ich, / Sei nichts mehr getan. / Mit einem Mord allein / Komme keiner mehr durch. / Zwei bis drei Verrate am Vormittag: / Dazu wäre jeder bereit. / Aber was liegt an der Bereitschaft, / Wo es nur auf das Können ankommt! / Selbst die Gesinnungslosigkeit genügt noch nicht: / Die Leistung entscheidet! / ... / Wie sollen wir angesichts solcher Vorfälle / Nicht den Mut verlieren? / Was noch sollten wir planen? / Welche Verbrechen noch ausdenken? / Es ist nicht gut, wenn zuviel verlangt wird. / Solches sehend, sagte Keuner / Sind wir entmutigt."

Müllers Daumen zeigte schon im ersten der vier Vorprogramme zu seiner "Duell.. ."-Inszenierung nach unten: in die Grüfte, zu den Toten, in die deutsche Geschichte. Dorthin, wo man in tiefen Stollen, nicht weit vom Theater und den Katakomben des Berliner Führerbunkers entfernt, einen weiteren deutschen (Alp-)Traum mumifiziert: die Leiche der DDR, "eine Sphinx ohne Geheimnis", sagt Müller. Und: "Für wen sonst schreiben wir als für die Toten." Dem Westen hat er den Tod nur gewünscht, der DDR aber hat er liebevoll kritische Epitaphe verfaßt.

In diesem sich mehr und mehr verdunkelnden Berlin liest der Reisende die Bild- Zeitung. Neben einem Müller-Portrait ("Bild bei deutschen Dichtern", Folge 7) findet sich ein Artikel über Honecker beim Steak-Essen in einem Sporthctel in den chilenischen Anden. Unter den Reportagetext plaziert Bild eine Werbeanzeige: "Hilfe für die Leber. Mehr als neun Millionen Deutsche haben Probleme..." Die altbekannte Bild- Methode: Die Schlagzeilen und Anzeigen rund um den Hauptartikel sind als Kommentare zu lesen. In diesem Fall: "Dreist", "Unmöglich", "Mafia", "Honecker", "Geisterschiff-Russe wird ausgeliefert" und: "Hilfe für die Leber". Auf der Rutsche in das Innere von Berlin liest sich der Name des Medikaments gegen Hepatitis wie ein Geheimcode: "HepaBesch", Zauberwort gegen die deutsche Misere, die selbst Honecker auf die Leber schlug.

*

Schon die Vorabende zu Müllers "Duell..." waren die reinsten Geisterstunden. Als erstes kamen die alten Wörter wieder: "Genosse", "VEB Oktober", "Held", "Internationalismus". Auf die Wörter folgten die Schauspieler.

Erster Spuk: Ekkehard Schall. Er war Arturo Ui 1959, Coriolan 1964 und schon seit den fünfziger Jahren Brechts Schwiegersohn – eine Ikone des Berliner Ensembles. Durch Müllers Vorprogramm stampft er in einem grauen Kriegerkostüm wie ein sozialistischer Prometheus oder erinnert sich vielleicht gerade an Puntilas Derbheiten, jedenfalls nicht an den Text, den er vortragen soll: "Die drei Soldaten", Brechts "Kinderbuch" aus den dreißiger Jahren, ein Märchen über die Schlechtigkeit der Welt vor der sozialistischen Verheißung.

Aber Schall kann sich nur mühsam erinnern, und so entsteht aus seinen Pannen sein eigentlicher Auftritt: ein verzweifelter Kampf gegen das Vergessen. Mit Glück bringt er den Text zu Ende und erzählt, wie die drei Soldaten in die gelobte Stadt kommen, nach Moskau. "Da war wohl Elend noch vorhanden, aber niemand war damit einverstanden." In Moskau treffen die Soldaten den neuen Menschen, selbstbewußt und glücklich. Ein einziger im Publikum lacht. Dann ist der Spuk vorbei.

Zweiter Spuk: Erwin Geschonneck, Brecht-Schauspieler und Defa-Star, hat seine Autobiographie "Meine unruhigen Jahre" im Aufbau-Verlag gerade neu herausgegeben. Dort liest man über die Zeit seines Moskauer Exils: "Hier sah ich das erste Mal Stalin. Ich befand mich in einer der ersten Reihen, die an der Tribüne vorbeizogen, und konnte ihn ganz gut beobachten. Er machte auf mich den Eindruck eines einfachen Genossen, uneitel, sympathisch, vertrauenserweckend. So habe ich ihn später in Wochenschauen noch öfter sehen können."

Ein paar Seiten später schreibt Geschonneck, der kein Betonkopf ist, sondern ein Mann, der einen Weg suchte (und glaubte, ihn gefunden zu haben): "Ich war ja nur ein junger, eifriger, tatendurstiger Genosse, ohne den Überblick und die politische Weitsicht unserer erfahrenen Genossen." Geschonneck war "froh, den Faschisten entkommen zu sein", die ihn in Dachau internierten. Erwin Geschonneck, zwischen Hitler und Stalin, auf Müller-Deutsch: ein Opfer des Sarghandels.

Dann geht im Berliner Ensemble das Licht aus. Müller läßt einen Film zeigen: "Sonnensucher", Regie: Konrad Wolf. Erwin Geschonneck fördert als Parteisekretär und Kumpel Jupp König Uran "für den Frieden". Halb Paul Dahlke, halb Curd Jürgens, spielt er ein markiges Mannsbild, den Sozialisten von nebenan, einen Kumpel der Arbeiter statt der Bürokraten. Dieser Film für die kommunistische Unterstufe wird 1959 – zehn Jahre DDR! – verboten, obwohl er als rote Operette endet, mit einem Sandmännchen-Spruch für die Kumpel: "Euer Weg, der auch unser aller Weg ist, hat erst begonnen. Glück auf!" Vorhang zu. Der Spuk verschwindet. HepaBesch!

Ekkehard Schall und Erwin Geschonneck werden später als Leitfossile durch Müllers "Duell .. ."-Inszenierung geistern, Künstler aus einem sozialistischen Deutschland, die, wie Brecht und Müller, "darauf bestehen, daß dies eine neue Zeit" war, "auch wenn sie aussieht wie eine alte, blutige Vettel".

Seit acht Monaten schiebt Müller einen Kinderwagen durchs tiefste Kreuzberg, wo er mit seiner neuen Frau, einer jungen Photographin, und der kleinen Anna Müller lebt. Seine Wohnung am Prenzlauer Berg hat er schon aus Prinzip nicht aufgegeben. Die "Duell.. ."-Arbeit sei "armes Theater", "Antitheater". Er sagt: "Zierat an den Fundamenten geht auf Kosten der Sicherheit. Das ist von Jünger." Zur Wiedervereinigung fällt ihm nur ein Witz ein. "Kennen Sie den? Ein Australier kommt ins Irrenhaus. Hat einen neuen Bumerang. Will den alten loswerden."

Müller sitzt im "Marilyn", einer Kreuzberger Szenekneipe: vor sich ein Glas Whiskey, in der Hand die Brecht-Zigarre, auf dem Schoß Anna. Von der Decke des Lokals wächst aus Ampeln ein Geschlinge von Grünzeug, ein Topfpflanzendschungel. Die Frau des Dichters spielt am Flipperautomaten, und an der Wand hängt ein Theaterplakat: "Der letzte Waschgang. Eine Seifenoper". Müller sagt: "Was jetzt kommt, ist die Notwehr der Reichen gegen die Armen – und allgemeine Bürgerkriege." Ob das Kind den alten Schwarzseher nicht ein bißchen milder stimme? Er glaube immer noch, sagt Müller, daß die Welt bald untergehe. "Aber wer weiß, vielleicht fällt jemandem was ein." Der Gedanke amüsiert ihn.

Der Wirt fragt den Reisenden, für welche Zeitung er denn schreibe. "Für die ZEIT? O Gott!" Da sei vor vielen Jahren schon mal einer bei ihm gewesen, da habe er noch ein anderes Lokal gehabt. Auf einmal seien die Schickimickis aufgetaucht. Als der erste Porschefahrer ihm seinen Autoschlüssel in die Hand gedrückt und ihn gebeten habe, den Wagen einzuparken, habe er das Lokal aufgegeben.

Daß Müller bei ihm Stammgast ist, macht dem Wirt keine Sorgen. Müller sieht aus wie ein alter Kreuzberger, ein bißchen hexenhaft oder wie der Bruder von Ma Baker, the meanest cat in old Chicago town. Müller sagt: "Was man vergißt, wird gefährlich." Und so zitiert er die alten Wörter herbei, die alten Texte, die alten Kommunisten. Ob sie Brechts klassenkämpferisches "Kinderbuch" oder sich selber zitieren, das Motto lautet: "Das ist noch nicht das Ende, oder es ist das Ende."

"Das Marx-Standbild vor der Humboldt-Universität hat man weggeschafft" – "Ja", sagt Müller, "Jude." Wo Marx stand, steht jetzt Theodor Mommsen, der große Geschichtsschreiber aus dem 19. Jahrhundert. In der Pause der "Duell .. ."-Inszenierung wird Müller seinen neuesten Text vortragen lassen: "Mommsens Block", in dem er begründet, warum er als Dramatiker seit Jahren schweigt.

Mommsen habe "den vierten Band seiner Römischen Geschichte / den lang erwarteten über die Kaiserzeit / nicht geschrieben". Müller: "Er mochte sie nicht die Cäsaren der Spätzeit / Nicht ihre Müdigkeit nicht ihre Laster / ... / Schon Casars Tod zu schildern hatte er / Wenn er gefragt wurde nach dem ausstehenden / Vierten Band nicht mehr die Leidenschaft." Müller protokolliert ein typisches Gespräch zwischen zwei Geschäftsleuten, "zwei Helden der Neuzeit", "Lemuren des Kapitals", "Wechsler und Händler", und urteilt: "Tierlaute Wer wollte das aufschreiben / Mit Leidenschaft Haß lohnt nicht Verachtung läuft leer."

Im "Marilyn", seinem Stammlokal, wirkt er nicht halb so bitter. Er kann seine klammheimliche Vorfreude auf die "Duell.. ."-Premiere nicht verbergen, nennt sie "eine Schmierskizze".

Der Reisende probiert sein Zauberwort aus: "HepaBesch". Keine Reaktion. Müller ist der gerissenste von allen, ein Provokateur. Eine Wohnung im Ostteil der Stadt, eine im Westteil, ein Bein in der DDR-Gruft, eines im neuen Berlin: noch immer der Autor des geteilten Deutschland. "Die Wiedervereinigung", sagt Müller, "ist ein Medienereignis."

Es gehört zu den Eigenschaften deutscher Gespenster, daß sie pünktlich sind. Pünktlich zur Premiere meldete sich der Schriftsteller Dieter Schulze, der mit seinen Unterstellungen die Stasi-Debatte um Müller ausgelöst hat, noch einmal mit einem Flugblatt zu Wort. Der Text: rätselhafter Schwachsinn, die Botschaft: Little brother is watching you.

Dann fiel für einen kurzen Augenblick ein Sonnenstrahl ins Berliner Ensemble. Eva Mattes schiebt den alten Erwin Geschonneck in einem Rollstuhl auf die Bühne. Er spielt sich selber und Eva Mattes vielleicht eine Krankenschwester aus der nahe gelegenen Charité. Ihre Augen leuchten, und sie spricht mit Engelszungen: "Wie viele gute Menschen seh’ ich hier! Brave neue Welt, die solche Bürger hat." Das reißt den Alten ins Leben zurück. Wie elektrisiert unterbricht er ihre Rede: "Du kennst sie nicht!" Dann fällt der Vorhang über den Prolog, die Sonne geht unter, und es beginnt die Nacht. Die Nacht der Tirade.

Schauspieler wie sprechende Panzer, Licht wie im Kohlenkeller, Staub- und Dreckwolken aus dem Schnürboden: "Duell Traktor Fatzer" ist ein Krebsgang durch die deutsche Geschichte, von Müllers Stücken ("Wolokolamsker Chaussee" und "Traktor") zu Brechts "Fatzer"-Fragmenten, entstanden zwischen 1927 und 1931. Dieser Weg zurück in die Zukunft endet in einem alle Zeiten überdauernden Leichenhaus, auf der Bühne des Berliner Ensembles in einem grauen Mausoleum, in dem die Deutschen marschieren, kriechen und fallen. Abseits von einem eisernen Tisch, auf den man blickt wie auf die Weltkugel, sitzen die Stasi-Spitzel und lauschen. Eine Erinnerung an Deutschland, die, statt zu explodieren, versteinert. Und mittendrin Ekkehard Schall. Bereit wie keiner, sich zu erinnern, kämpft er auch im "Duell ..." mit dem Vergessen.

Der Abend beginnt mit dem fünften Teil der "Wolokolamsker Chaussee", einem Vater-Sohn-Konflikt in der DDR. Der Sohn hat den Kindertraum "von einem Sozialismus ohne Panzer" ganz begraben, verteilt Flugblätter der Opposition. Seinen Freund hat man an der Mauer erschossen, und jetzt fragt er den "Genossen Vater": "Wie umarmt man ein Parteiprogramm?" Was Müller mit dem Text beweist: Deutschland mag wiedervereinigt sein, die deutsche Literatur aber nicht. Den Söhnen im Westen kommt der Text nach dem Ende der DDR historisch vor. Für den Sohn in der DDR bleibt er die Krise in seiner Biographie.

Hier der Vaternazi, dort Genosse Vater. Der Sohn, gewöhnt, hinter Mauern gegen Wände zu reden, schreit gegen die Brandmauer an, kommt zur Rampe zurück und memoriert alles noch einmal. In Müllers Inszenierung sagt er "Ich bin das Volk" und dann "Vergessen und vergessen und vergessen".

Den Vater spielt Erwin Geschonneck. "Spielt" kann man nicht sagen, er liest am eisernen Tisch, über die Weltkugel hin, seinen Text vor. Er, der Altkommunist, liest den Genossen Vater. Müller schickt seine Schauspieler an diesem Abend in ihren Abgrund – und sich in seinen. Was er aufführt, ist kein Antitheater, keine Fortsetzung des "armen Theaters", sondern: Theater ohne Gnade. Wer alles versteht, kann nichts verzeihen.

Ein Mann mit einem Bein wälzt sich über den Tisch. Das ist der Traktorist. Er hat beim Minensuchen nach dem Weltkrieg der neuen Zeit ein Bein geschenkt. Er ist kein Held, aber wen es trifft, den trifft es, und "was kommt, das kommt". Der Arzt, nüchtern und kalt wie Müller selber, sagt: "Wir haben Sie zusammengeflickt, Sie können sich wieder zerreißen lassen." Was da einbeinig über den Tisch kriecht, getröstet von Eva Mattes, dem Engel der Verzweiflung, ist das halbe Deutschland. Zusammengeflickt und zerrissen. Müller spricht vom Band in die Szene: "Das Gefühl des Scheiterns, das Bewußtsein der Niederlage beim Wiederkehren der alten Texte, ist gründlich."

Was bedeuten diese Tiraden und dieses Gekrabbel in der Nacht? Müller sargt seine Texte ein. Müller bunkert. Aufheben! Er kennt das Wort aus der Zeit der Dialektik.

*

"nach uns kommt nichts", sagt Koch in "Fatzer". Und Fatzer prophezeit: "von jetzt ab und eine ganze zeit über / wird es keinen Sieger mehr geben / auf eurer weit sondern nur mehr / besiegte."

Müller hat schon einmal (für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg) eine Collage aus Brechts umfangreichem "Fatzer"-Material hergestellt. In seiner Autobiographie "Krieg ohne Schlacht" schreibt er: ",Fatzer‘ ist der beste Text von Brecht überhaupt, die Essenz einer nachbürgerlichen Erfahrung." Das wichtigste an der Hamburger Aufführung sei allerdings das Verbot des Programmhefts gewesen: "Da war ein RAF- Text drin." Schließlich handle es sich auch um eine "Genealogie des Terrors".

Fatzer ist ein Verwandter Baals. Was beide verbindet, ist "der asoziale Anspruch". Es ist eine Geschichte nicht über drei, sondern vier Soldaten: Koch, Brüning, Kaumann und Fatzer. Sie sitzen zusammen in einem Panzer, Fatzer desertiert und nimmt seine Kameraden mit: "ich mache keinen krieg mehr." Er tendiert mehr zu Nietzsche als zu Marx, prügelt sich mit den Fleischern von Mülheim, besteigt Kaumanns Frau Therese (,was einer braucht muß man ihm lassen") und will "nicht verrecken". Aber da befindet er sich bei Müller längst schon im "Todeskapitel". Auch Fatzers Expressionismus wird eingesargt.

Fatzers Gegenspieler Koch hat Müllers Problem: "alle diese nächte / schlaf ich nicht mehr aus furcht es könnte / etwas im sand verlaufen und vergessen werden / dieweil es einer darauf anlegt daß / grad dies im sand verläuft und / vergessen wird."

Eigentlich müßte "Fatzer" in Frank Castorfs Volksbühne inszeniert werden, in dieser wundersamen Aufbruchstimmung von vorgestern, dem fetzigsten Kyffhäuser, den es je gab: wenn sich Castorf entschließen könnte, seine ewigen Klassiker-Entführungen zu beenden. Schließlich war er schon zu DDR-Zeiten der einzige geniale Müler-Regisseur und mußte jetzt im Berliner Ensemble zusehen, wie Müller auch "Fatzer" in Grund und Boden rammt, hinunter zu den anderen Leichen in seinem Keller. "Fatzer" aufheben!

Auch diese "Fatzer"-Collage war eine Provokation. Als habe Müller versucht, Brechts Texte auf die Endzeitvision seiner "Bildbeschreibung" zu projizieren. Müller sagt, diese Fassung sei "eine Vermischung von rechtem und linkem Terror".

Koch, "blutend, ein laken um den leib", sagt: "und wo ein fluß war der sehr stark stank... / da soll kein besserer fluß mehr fließen sondern / kein Fluß mehr so / soll dieser fatzer auch kein besserer oder schlechterer fatzer / sein sondern es soll / kein fatzer mehr sein." Und so wird Fatzer an den eisernen Tisch gefesselt wie ein Prometheus, dem bekanntlich ein Adler – HepaBesch! – die Leber zerhackte, und gleich dreimal erschossen. In dieser Stunde, wo ein Siegesgeläut "einläutet unseres todfeinds größte zeit / vertagend seinen Untergang auf unbestimmte frist".

Danach im Fernsehen die Bilder aus Moskau: In einem Licht wie auf Müllers Bühne, vor sich Kerzen auf ihren Pulten, die Altkommunisten im russischen Parlament. Dann der Aufmarsch der alten Wörter und im Gefolge alles, wofür sie stehen: "Blut", "Schlacht", "Aufstand".