Die Krise des deutschen Hochschulsystems ist zu einem Dauer- und Lieblingsthema der öffentlichen Diskussion geworden. Ob Politik, Wirtschaft oder die Hochschulen selber, im Prinzip sind sich alle einig: Das Hochschulsystem muß reformiert werden. Doch über das Wie gehen die Meinungen weit auseinander. Daß in einer solchen Situation der Blick über den eigenen Tellerrand hilfreich sein kann, ist eigentlich eine Binsenweisheit, die freilich kaum befolgt wird. Hochschulpolitische Modelle und Reformen aus dem Ausland spielen in der Diskussion um die Zukunft der deutschen Hochschulen so gut wie keine Rolle. Um so größere Aufmerksamkeit verdient es daher, wenn nun die Berteismann Stiftung diese internationalen Erfahrungen in die hiesige Debatte einzubringen versucht. Sie beauftragte das renommierte niederländische Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS), die wichtigsten Merkmale, Probleme und Tendenzen der Hochschulen in elf Ländern zu untersuchen und zu vergleichen: in Australien, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kalifornien USA, den Niederlanden, OntarioKanada, Schweden und der Schweiz. Das Ergebnis liegt jetzt vor: eine in dieser Form bislang einmalige, materialreiche und zudem gut lesbare Bestandsaufnahme, die viele erfolgreiche Reformprojekte ans Licht bringt - und die Erkenntnis, daß man hierzulande fast allen noch weit hinterherhinkt.

"Mehr Autonomie und Wettbewerb" - so lautet zehnts. Ob in Australien, Großbritannien oder den Niederlanden, überall wurden die Hochschulen von staatlichem Druck befreit und erhielten große Freiräume: Sie stehen zwar weiterhin unter Aufsicht, können aber über den Einsatz ihrer Finanzmittel alleine entscheiden, sich einen Großteil ihrer Studenten selber aussuchen und so ein eigenes Profil gewinnen. Dies führt andererseits aber auch zu einem harten Konkurrenzkampf untereinander, besonders in Geldfragen. In den meisten Ländern werden die Hochschulen nur noch mit einem relativ niedrigen staatlichen Etat ausgestattet. Den Großteil ihres Haushaltes müssen sie sich selber erschließen, weshalb ihre Führungsspitzen inzwischen oft eher dem Management von Konzernen ähneln.

In der Mehrzahl der Länder hatten diese Reformen der Rahmenbedingungen an den Hochschulen eindeutigen Vorrang vor der Veränderung von Studieninhalten. Erst nachdem die institutionellen, finanziellen und personellen Weichen gestellt worden waren, wurde auch über Lehrpläne und Studienzeiten diskutiert.

Angesichts dieses eindeutigen Trends stimmt es die. Autoren der :

Studie zu Recht bedenklich ; daß nur in Deutschland genau der entgegengesetzte Weg eingeschlagen wird: Mit hektischem Krisenmanagement gehen die Bildungspolitiker hier als erstes daran, Studiengänge zu straffen und Studienzeiten zu kürzen. An der heiligen Institution Hochschule und deren strenger staatlicher Kontrolle aber wollen sie nicht rütteln. Autonomie und Wettbewerb werden den Hochschulen allenfalls rhetorisch zugestanden, die dadurch - so das Fazit der Studie - international immer weiter ins Abseits geraten. Dabei könnte zumindest ein Teil der Hochschulen schon längst weiter sein - die in den neuen Bundesländern nämlich. Als hier nach dem Fall der Mauer ein radikaler Neuanfang notwendig wurde, hätte man die im Ausland erfolgreichen Konzepte übernehmen können, ohne vorher erst das verkrustete westdeutsche Hochschulsystem aufbrechen zu müssen. Doch statt vom Osten aus die gesamtdeutsche Hochschulreform einzuleiten, erfolgte die schnelle und weitgehend unkritische Anpassung an das westdeutsche "Vorbild" mit all seinen Schwächen.

Welche Chancen hier vertan wurden und welche Probleme diese Anpassung mit sich brachte und bringt, zeigt nun ein Sammelband zur hochschulpolitischen Entwicklung in den neuen Bundesländern, den die Hochschulpolitikerin Hilde Schramm (Die Grünen) im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft herausgegeben hat. Mehr als siebzig Autoren - Studenten, Dozenten, Mitarbeiter von Hochschulen und Gewerkschaftei aus Ost und West - ziehen in ihm eine "Zwischenbilanz" nach nunmehr drei Jahren des Abbaus, Umbaus und Neubaus. Vor allem die Vielfalt seiner Themen und die Art, wie diese behandelt werden, machen diesen Band lesenswert: Erfahrungsberichte über studentische Reformprojekte aus der Wiedervereinigung oder über die Verdrängung von ostdeutschen Wissenschaftlerinnen nach der Wende stehen neben kritischen Analysen der Hochschulgesetze in den neuen Bundesländern, Rückblicke auf das Hochschulsystem der DDR neben Prognosen zur Entwicklung bis ins Jahr 2000. Bei aller Kritik am hochschulpolitischen Umbruch in Ostdeutschland bemühen sich die Autoren immer um differenzierte Aussagen. So kommt in mehreren Beiträgen etwa auch der Opportunismus vieler DDR Wissenschaftler zur Sprache, die sich dem westdeutschen System ebenso rasch anpaßten wie zuvor dem ostdeutschen.

Die "Zwischenbilanz Ost" ist nur ein Teil dieses Sammelbandes. Daneben findet sich eine Reihe ausgezeichneter Stichwortartikel zu Grundbegriffen der Hochschulpolitik wie dem Hochschulrahmengesetz, der Forschungsförderung oder der Drittmittelforschung. Sie sollen in erster Linie den Wissenschaftlern und Studenten in den neuen Bundesländern den Umgang mit neuen Gesetzen und Verordnungen erleichtern, sind aber zweifellos für alle hochschulpolitisch Interessierten und Engagierten - egal ob in West- oder Ostdeutschland - eine enorme Hilfe und Bereicherung. Verlag Berteismann Stiftung, Gütersloh 1993; 428 S, 25 - DM Zwischenbilanz Ost; BasisDruck, Berlin 1993; 458 S, 24 DM