Von Wolfram Runkel

Schach ist feine Unterhaltung.

Leo Tolstoj

Das Savoy-Theater in London ist ein großes Operettenhaus. Einst ließen hier zum Beispiel die Massenunterhalter Gilbert und Sullivan ihre Arien erschallen. In diesen Wochen des Herbstes 1993 bedröhnen Garri und Nigel die Zuschauer mit ihrer Art von Unterhaltung – gnadenlosem, bis zu sechs Stunden langem Schweigen.

Jeder der beiden macht in diesen Stunden bis zu sechzig bedeutsame Handbewegungen mit anschließendem. Knopfdruck und folgender Notierung von jeweils zwei Buchstaben und zwei Zahlen, woraufhin er dann meist von der Bühne verschwindet, um den anderen für eine Denkpause allein zu lassen. Immerhin ziehen die pantomimischen Helden ab und an vielsagende Grimassen, die zu interpretieren manche Zuschauer Ferngläser mitgebracht haben.

Trotz dieser Armut an „Action“ – und trotz Eintrittspreisen von bis zu 20 Pfund (52 Mark) – ist rund die Hälfte der mehr als tausend Plätze besetzt. Und in der königlichen Loge sitzt Prinzessin Diana und starrt auf die Bühne, auf der nun schon seit zehn Minuten nichts passiert.

Scheinbar. Ein Tisch, zwei Stühle, von denen einer meistens leer ist. Auf dem Tisch das Medium: ein Schachbrett. Es ist Quelle der Imagination und der Inspiration der beiden Helden, der Ort, wo per Zug und Gegenzug tiefsinnige Fragen gestellt und Antworten gegeben werden, wo aber auch geschlagen, gefangen, gefesselt, geopfert, erdrückt, erwürgt, getötet und gestorben wird – wo „Blut fließt“, wie der eine der beiden, Nigel Short, es gerne ausdrückt.