Ich habe 1990 zu denen gehört, die sich für die schnelle Einigung der beiden deutschen Staaten eingesetzt haben, allerdings unter zwei Bedingungen: erstens friedlich und zweitens im Einvernehmen mit den Siegermächten und den Nachbarn. Und so kam das Datum des 3. Oktober zustande: unmittelbar nach der KSZE-Konferenz, keinen Tag früher, keinen Tag später. Aus diesem Grund haben wir den voreiligen Beitritt zum 17. Juni mit Müh und Not verhindert, trotz der Symbolkraft dieses Tages. Wir haben aber auch denen widersprochen, die noch Jahre warten wollten, bis wir die DDR in Ordnung gebracht und uns mehr aneinander gewöhnt haben. Siehst du nicht heute wenigstens ein, daß das verkehrt war? Ich antworte: Ich würde es noch einmal tun.

Aber die Arbeitslosen im Osten, habt ihr das sehenden Auges in Kauf genommen? Ich antworte: nicht in dem Ausmaß, aber prinzipiell allerdings. Am 21. Mai 1990 habe ich bei der Aussprache über die Währungsunion in der Volkskammer gesagt: "Es fällt uns Sozialdemokraten nicht leicht, die Schließung einer ganzen Reihe von Betrieben voraussagen zu müssen, denn das heißt – wir wissen das – Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit... Wir machen uns nichts vor: Was uns bevorsteht, wird nicht einfach sein, aber ich denke, wir werden glimpflicher davonkommen als andere Länder mit derselben Erblast."

In der Tat: Auch ohne Beitritt hätten wir einen schweren wirtschaftlichen Einbruch erlebt, weil unsere Wirtschaft ein abstrus geschachteltes Kartenhaus im Treibhaus war, das sich im Windzug offener Grenzen nicht stabil halten ließ. Und Hand aufs Herz: Wir haben es geahnt.

Es gibt zwei Arten von Mauern: diejenigen, die vor Einbrechern schützen sollen, und diejenigen, die am Weglaufen hindern sollen, die Gefängnismauern. Den Unterschied erkennt man daran, auf welcher Seite der Stacheldraht angebracht ist. Die "Staatsgrenze DDR" hieß zwar offiziell "antifaschistischer Schutzwall", aber die Selbstschußanlagen waren im Osten angebracht, nicht im Westen. Die Mauer sollte die Volksabstimmung mit den Füßen verhindern. Und der geschwollene Ausdruck war nur ein Baustein im großen Mißbrauch des Wortes "Antifaschismus", der dafür herhalten mußte, die Verweigerung von Recht und Demokratie zu begründen. "Was Recht ist, bestimmen wir", haben die Genossen nicht selten gesagt, ohne zu bemerken, daß das dann eben kein Recht ist. Denn was die Herrschenden einfach so bestimmen können, ist Willkür und nicht Recht.

Die Ideologie der SED hat viele verführt. Und auch von wohlmeinenden und redlichen Leuten konnte man für die vorenthaltenen Freiheiten die Rechtfertigung hören: Der Sozialismus ist doch ein großes Menschheitsexperiment. Oder: Die Idee ist ja gut, bloß die Durchführung ist schlecht.

Auch die DDR hat nach ihrem Zusammenbruch verwüstete Seelen und viel Desorientierung hinterlassen. Aber es gibt doch mindestens einen großen Unterschied zur Nazizeit. Wir waren per Fernsehen Zaungäste der Bundesrepublik. In Ost-Berlin konnte man erleben, daß aus dem Führerhaus des Milchautos die Bundestagsdebatte tönte. Wir haben schon ein bißchen am politischen Leben der zweiten Republik auf deutschem Boden teilgenommen. Und manche von uns haben es bewundert, wie das möglich ist: die harte Auseinandersetzung in der Sache, das Aufeinandertreffen entgegengesetzter Beurteilungen und dennoch ein stabiler Staat. Gegner bleiben, ohne Feind zu werden.