Da ist was. Im großen Spiegel über dem Waschbecken ist plötzlich was. Die Friseuse in „Gitti’s Hairstudio“ stutzt, ihre Hände mit Schere und Kamm halten inne. Die Kundinnen merken es auch, gucken von den Zeitschriften hoch. Im Spiegel ist was aufgetaucht, was Irritierendes, was Fremdes, ein Gesicht. Das Gesicht im Spiegel lächelt. Es ist gelblich, flächig mit breiten, zarten Backenknochen, mit Mandelaugen, umrahmt von schwarzem Haar.

Niemand liest oder döst oder spricht mehr. Alle starren auf den Fremdkörper im Spiegel. Die Apparate rauschen. Im Radio läuft ein Schlager. Eben noch war „Gitti’s Hairstudio“ so vertraut. Alles wie immer. Und jetzt?

Es ist, als sei die kleine Gemeinschaft auf einmal nicht mehr unter sich. Es paßt nicht hier rein, dieses schwarze Haar. Es gehört raus auf die Straße, in Hausflure, in U-Bahntunnel, dieses schwere, glatte, undurchdringliche Haar der vietnamesischen Zigarettenverkäufer.

Jetzt streift die Friseuse die Hände am Kittel ab. Dreht sich um. Wendet sich der Fremden zu, der lächelnden Fremden, die an der Eingangstür steht. „Was wünschen Sie?“ fragt sie abwehrend. Die Fremde tritt einen Schritt zurück, lächelt und lächelt. Sie trägt eine Windjacke und Jeans, am Saum gekrempelt. Ihre abfallenden Schultern, die Kinderstirn, die ganze Gestalt wirkt leicht. Nur das Haar nicht. Und dieses eifrige Lächeln nicht, das ist wie eine Entschuldigung.

„Bitte schön?“, die Friseuse klopft mit dem Kamm immer an ihr Bein, wird ungeduldig. Aber die Fremde zieht keine Marlboro-Schachteln aus ihrer Handtasche. Sie will gar keine Zigaretten verkaufen. „Ist Termin frei?“ wispert sie. „In ’ner viertel Stunde?“, die Friseuse sieht erstaunt aus, erleichtert.

Später kauert die Fremde auf dem Stuhl am Frisiertisch. Um die Schultern den gestreiften Umhang, das Kinn in Höhe des Waschbeckens. Auf ihrem Schoß liegt die herausgerissene Seite eines Modemagazins, zerknüllt, wieder glattgestrichen. „Wie möchten Sie das Haar?“ fragt die Friseuse ganz normal, besonders normal. Die Fremde tippt auf die Photographie. Da ist eine Frau drauf mit blonden Locken. „Ssöne Locken“ sagt die Fremde, sieht hoch zur Friseuse. „Sie möchten Dauerwelle?“ fragt die, wundert sich. Wieso braucht eine Vietnamesin ’ne Dauerwelle? Die Fremde schraubt die Silberkreolen aus den Ohren, legt sie auf den Beckenrand.

Da tauchen die Hände der Friseuse in das schwarze Haar ein, in das schwere Haar. Sie heben es an, lassen es fallen, greifen von neuem zu. Prüfen. Reiben einzelne Strähnchen zwischen den Fingern. „Dauerwelle wird schwierig bei Ihnen“, urteilt die Friseuse, „das Haar ist so stark“, sagt sie, „das Haar läßt sich so schwer umformen.“