Jetzt ist es Mittag" - schreibt er, "zum Tag und zur Tätigkeit gibt es keine Alternative mehr. Ich sitze am Schreibtisch, als wäre er ein Orchesterpult, zu einem Aktivwortschatz von fünfzigtausend Zeichen habe ich Zugang kein Problem ist vor der Kenntnisnahme durch mich sicher, das Gehirn arbeitet wie die Fernschreiberzentrale der UNO. Umgeben von Monitor, Telefon, Zeitschriften und Bücherwänden genieße ich meine Einkreisung durch eine zu Informationen aufbereitete Wirklichkeit. Der Problemkosmos umlagert meinen Schreibtisch, nicht weit von der Höchstform. Wie ein Bischof amtiere ich in einer Kathedrale aus Schwierigkeiten. Für unsereinen heißt dasein sich wachhalten lassen von allgemeinen Fragen. Täusche ich mich?"

Ja, so ist es. Gegen Abend kennt er "keine Probleme mehr", sondern "nur noch Reize". Am kommenden Morgen freilich wird er sich dem erneuten Appell zum menschenwürdigen "aufrechten Gang" an den Schreibtisch nicht entziehen können. In der Höchstform seiner Wachheit wird er wieder am Orchesterpult residieren, überwölbt von einer Kathedrale aus schönen Schwierigkeiten, deren er zweifellos als Bischof seines kosmischen Problemsprengeis Herr werden wird. Dieses nur geringfügig verstärkte selbstironische Selbstportrait Peter Sloterdijks ist eine der anziehendsten, auch aufschlußreichsten Passagen in seinem neuen Buch "Weltfremdheit", einer "Phänomenologie des weltlosen oder weitabgewandten Geistes", entworfen von einem durchaus weltzugewandten; nach dem "big bang" der "Kritik der zynischen Vernunft" ist es Sloterdijks bedeutendster Großessay. Der größenwahnsinnige Narzißmus, der den philosophischen Weltweisen zum "Herrn der Ringe" im modernisierten Gehäuse seiner Schreibeinsamkeit qualifiziert, erscheint in gehöriger Brechung. Die Dimensionen seines Aktivwortschatzes (PC eingerechnet) lassen sich erahnen: Man denke, ein Philosoph, der Sprache hat; dessen Grundüberzeugung nicht lautet, möglichst verquast zu schreiben, heiße zu zeigen, daß es einem nur um die Sache und nichts als die Sache geht.

Daß ein größerer Teil dieses Reichtums auf dem Import von Metaphern beruht, mag man einschränkend vermerken. Sloterdijk sitzt am Mischpult. Er ist ein philosophischer Synthesizer, etwas traditioneller ausgedrückt: ein neoromantischer Vermischungskünstler, der keine Grenzen kennt, die er nicht überschreiten wollte. Aber man muß einräumen, daß das auch mit der Sache zu tun hat, um die es ihm geht. Sloterdijk möchte sich wie den Menschen und am Ende die Welt um keinen Preis auf eine Sphäre, eine Disziplin, eine Kultur, einen Pol reduzieren.

Dem Spaltungsirresein der zynischen Vernunft galt schon seine erste große Kritik. Scheut man für einen Moment das Pathos der Lebensphilosophie nicht, das er gern dementiert, weil es ihm zu nahe ist, so kommt es ihm darauf an, das zerrissene Leben wieder etwas mehr "ganz" zu machen - wenn es das gäbe, womöglich gar "heil". So trägt er auch in seinem Metaphernkosmos hinüber und herüber, was die Seinssegmente, die Wissensfakultäten einander näherbringt Philosophie als metaphorische Anstalt.

Folgerichtig läßt sich dieser kreative Grenzgänger auch nicht auf eine Rolle festlegen. Sicher, er ist ein philosophischer Schriftsteller. Aber während die akademische Zunft dieses Namens eine "harte" Identität ausgebildet hat, die sie seit längerem zu weitgehender Unfruchtbarkeit verdammt, weiß Sloterdijk, daß man sich nicht mit dem Instrument fachgerechter Standards und Borniertheitstechniken kastrieren darf. Wenn es gutgeht, kommen bei ihm die Ontologie und das Feuilleton miteinander in die Wochen. Beherzt, oft kühn, wenn nicht tollkühn, betreibt er die Kreuzung von Journalismus und Metaphysik. Wenn es schlechtgeht, wird Sloterdijksches Metapheradelirium daraus, aufgeputzt von einer - wieder durchaus fachnahen - Neigung zu Fremdwortkaskaden. Die "Ontokinetik", auf plattdeutsch: die Seinsrhythmuslehre, inspiriert von einer "akosmistisch spekulativen Endokrinologie" oder auch einem "biochemischen Brahmanismus", wird dann zur "allotopischen" Gymnastik des an großen Worten leidenden, will sagen: dem "postpsychoanalytischen Neo Autohypnotismus" erliegenden "Megalopathen", während der Leser zum "Athleten der Übellaunigkeit" avanciert. Aber oft genug geht es ziemlich gut.

Daß dieser philosophische Schriftsteller auf vielen weiten Feldern zu Hause ist, versteht sich. Ist Von Ludger Lütkehaus er ein Metaphysiker, der die alte Frage nach dem Sein und dem Nichts sub specie des Jahrtausendendes stellt? Ein Kosmologe, der das von den Griechen bis zu Heidegger und Eugen Fink virulente Welt Thema wieder aufgreift? Ein kulturkritischer Moralist, der sich auf die "Strukturreform im Weltaufenthaltswesen" geworfen hat? Oder ein Anthropologe, der noch einmal wissen will, was der Mensch ist, wo sich sonst die menschenflüchtigen, die "anthropofugalen" Denker lieber vom Irrläufer der Evolution, dem überschießenden Killer unter den Tieren, verabschieden? Von "philosophischer Anthropologie" hört Sloterdijk nicht gern. Gleichwohl schließt er der Substanz nach an die wichtigsten anthropologischen Theorien seit Nietzsche an. Der Mensch ist das "nicht festgestellte", das geworfene und sich entwerfende Tier, im Sinn des von Sloterdijk unterschätzten Max Scheler das "weltoffene" Wesen. Günther Anders negative Anthropologie der "Weltfremdheit" des Menschen, dessen Wesen "" es ist, kein definiertes Wesen und keine Welt zu haben, nennt Sloterdijk trotz des identischen Titels nicht.

Das "nicht festgestellte " Tier" heißt bei Sloterdijk das "übersetzende und elementwechselnde Tier".