Seit er 1984 mit dem Gedichtband „Menz“ debütierte, wird der österreichische Dichter Peter Waterhouse von den literaturkritischen Buchhaltern in einer Schublade mit der Aufschrift „experimentelle Lyrik“ verwahrt. Als munteren, lässigen Sprachspieler, gar als „jungen Heißenbüttel mit der Attitüde eines methodischen Luftikus“ (H. Hartung) hat man ihn gefeiert, ohne wirklich die poetische Narrenkappe zu lüften, unter der sich der Dichter Waterhouse verborgen hielt. „Guten Tag Kunst: So muß man beginnen. Warum? Im Grüßen / bleiben die Übergänge sichtbar.“ So respektlos und scheinbar unbekümmert schrieb sich Waterhouse in „passim“ (1986) an den Ort der Kunst, an die Poesie heran, „passim“ war ein Versuch, das Gedicht in sprachreflexive Turbulenzen zu versetzen, die grammatischen Hierarchien und Definitionsgewohnheiten zum Einsturz zu bringen. Die Gegenstände der alltäglichen Welt erscheinen in diesen Gedichten wie „in einer leisen Drehung begriffen“: Ob „Telephon, Straßenbahn, Rolltreppe“ oder auch „Himmel, Sessel, Wasser“ – die Dinge beziehungsweise ihre Benennungen werden ihren ursprünglichen Kontext entrissen und so bizarr montiert, daß die Wörter seltsam übereinanderpurzeln und sich aus den Verankerungen der „wissenden Sprache“ lösen.

Die ironische Leichtigkeit, mit der Waterhouse auch Kalauer riskiert („Die Ohren sind Freunde mit Loch“), nährte das Mißverständnis, hier sei ein fröhlicher Erbe der Konkreten Poesie am Werk. Nur einer, Helmut Heißenbüttel hinlebt, hielt mit seinem Mißtrauen gegenüber den Sprachexerzitien seines jungen Kollegen nicht hinterm Berg: Wer wie Waterhouse den „Spaziergang als Himmelskunst“ betreibe, so Heißenbüttel, sei von Rilke nicht weit entfernt.

Und tatsächlich geht es in „passim“ nicht nur um Demontage von Sprachgewohnheiten, sondern auch – gegenläufig – um die Bekräftigung der alten schweren Worte der Poesie. Der „Spaziergang als Himmelskunst“ endet: „Guten Tag Kunst. Wo sind wir? Sind wir weit oben und / weitergezogen. Wir sind nicht weit oben genug, aber / wir sind das Brennen, das Rauschen, der schwarze Atem / im guten Übergang.“

Auch in den neueren Büchern von Peter Waterhouse geht es weniger um subversive Verdickungen erstarrter Sprachmuster als vielmehr um die Wiedergewinnung von Sprachmagie. Ausgangspunkt ist zwar noch immer der Impuls, alles Festdefinierte und Stereotype der etablierten Sprachordnung aufzulösen. Bei dieser Suche nach poetischer „Ferne von der Zentralsprache“ rekurriert Waterhouse aber nicht auf die experimentellen Konzepte eines Heißenbüttel, Mon oder Jandl, sondern auf eine ganz und gar romantische Sprachauffassung. Die poetische Sprache, die Waterhouse anstrebt, ist reiner, ursprünglicher Laut, dem Schweigen verwandter Hauch, magische Beschwörungsformel: „Je mehr Stille in einer Sprache ist, desto mehr ist in ihr gegenwärtig; je mehr die Sprache zurückzunehmen ist, desto mehr begegnet sie der Landschaft, der Ebene, den Räumen.“

Diese fast schon sprachmystische Poetik, die Waterhouse in einem manuskripte-Essay aus dem Jahr 1989 entwickelt hat, wird nun in den Monologen und Dialogen des Buches „Verloren ohne Rettung“ und dem Prosagedicht „Blumen“ realisiert. „Verloren ohne Rettung“, ein ursprünglich als Auftragsarbeit für das Wiener Stadttheater entstandener Text, vermischt dramatische, essayistische und lyrische Impulse. Formal an Denis Diderots satirischen Dialog „Rameaus Neffe“ angelehnt, räsonieren die kaum unterscheidbaren Figuren dieses Sprechstücks über Fragen von Moral und Kunst, Schande und Scham, Natur und Zivilisation.

Weil sich in dem stark zerklüfteten, assoziativ montierten Text kein Zusammenhang herstellen will, klammert man sich unwillkürlich an die lyrischen Sentenzen, die freilich des dramatischen Rahmens nicht bedürfen. Poetische Intensität gewinnt der Text nur dort, wo Waterhouse seine Naturwahrnehmungen in Sprache übersetzt. Jedesmal wenn das Ich des Textes sich in offene Landschaft hinausbegibt, kommt es zu quasigöttlichen Offenbarungen. Das Erhabene der Landschaft zeigt sich ihm nicht nur am traditionellen Naturschönen: an Blume, Wiese, Himmel, sondern auch an den Insignien der technischen Zivilisation: an Zigarettenautomaten, Tankstellen, Lagerhallen.

Wie Peter Handke in seinen poetischen Journalen, sammelt Waterhouse im Prosagedicht „Blumen“ Augenblicke der wahren Empfindung: „Zigarettenautomat, eine artifizielle Blume, schön wie eine Aster.“ Oder: „Nachtlandschaft. Dort ist ein Licht. Gehen wir es sammeln, wir sind Bienen.“ Die „Schönheit“ der Natur hat sich auf die technischen Dinge übertragen: „Zart, noch nicht unterstützt von der Sprache, berührt die Natur die Bogenlampe und die Bogenlampe die Natur.“